Fasching in Havanna: Das Batman-Kostüm ist auch unter kubanischen Kindern eine beliebte Verkleidung.

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Auf dem Malecón folgt ein quietschbunter Doppeldeckerbus auf den nächsten, ganz so, als gälte es Patrouille zu fahren für den Wandel. Noch immer ist jedes zweite Haus entlang der berühmten Uferstraße ein Sanierungsfall, doch auffallend viele Gebäude tragen jetzt frische Farbe für den großen Tag der kubanischen Hauptstadt: Irgendwann im Jahr 2019 soll Havanna zu seinem 500. Geburtstag glänzen und wie neu erstrahlen.

Nur "irgendwann", weil der Stadthistoriker Eusebio Leal zwar alles daransetzt, dass das 1982 begonnene Restaurierungsprogramm von Villa de San Cristóbal de la Habana – so der vollständige Name der 1519 von den Spaniern gegründeten Siedlung – nun doch endlich einmal abgeschlossen ist; doch zuletzt pfuschten ihm ein Tornado in seine Pläne – und über all die Jahre ein behäbiges System.

Spürbare Veränderungen

Derweil kreisen die Besucher der karibischen Diva weiter um ihre schönsten Seiten – die Kathedrale, die Plaza de Armas oder die Floridita, Hemingways Lieblingsbar. Nach drei Tagen treibt die Entdeckerlust die meisten von ihnen allerdings weiter. Es gibt so viel mehr zu sehen in einem Land wie Kuba, dessen Vielfalt sich über 1.100 Kilometer von West nach Ost erstreckt. Und es gibt neben einem gut funktionierenden Linienbussystem auch ein gewachsenes Netzwerk von privaten Unterkünften, das Reisende in allen Landesteilen auffängt: die Casa Particulares.

So wie das gesamte kommunistische Kuba macht das privatwirtschaftliche System der Frühstückspensionen gerade spürbare Veränderungen durch. 1997 vom Regime aus einer Not heraus erlaubt – es gab einfach nicht genug Hotels im Land, um devisenbringende Touristen zu beherbergen –, hat sich die private Vermietung mittlerweile verselbstständigt. Hohe Lizenzgebühren sollten die Kubaner anfangs noch davon abhalten, massenweise auf das lukrative Geschäft mit Privatzimmern umzusteigen. Mittlerweile gibt es mehr als 20.000 Casa Particulares im Land. Seit drei Jahren kann nun jeder über Plattformen wie Airbnb Unterkunft geben. Zum Start waren nur gut 1.000 Unterkünfte auf die Art zu finden, ein Jahr später bereits 4.000.

Die Uhr geht vor

Marbelis Coello besteht auf frühem Aufstehen. "Der Viazul-Bus fährt superpünktlich", lobt sie das gut funktionierende Liniensystem. Die Verwalterin der Casa Particular Gloria in Havanna kümmert sich um alles, auch um die reibungslose Weiterreise der Gäste. Trotz der frühen Stunde stehen geschnittene Bananen, Papayas und Ananas auf dem Tisch, frischer Guayaba-Saft, duftender Kaffee, Toast und zwei Spiegeleier für jeden.

Vor der Haustür wartet ein blauer Chevrolet, den Marbelis für den Transfer zum Busterminal besorgt hat. Er ist zwei Stunden vor der Abfahrt des Busses da, obwohl man dorthin keine zwanzig Minuten braucht; aber in Kuba weiß man das nie so genau. Die altersschwachen Oldtimer können jederzeit liegenbleiben, und der Check-in am Busbahnhof dauert. Am Schalter warten schon andere Reisende. Der Beamte vergleicht die Voucher mit den Listen, nickt und hakt ab. Die Uhr über ihm geht zehn Minuten vor – Pünktlichkeit und gute Organisation sind der Firma wichtig. Von der Wand lächelt Kubas letzter Revolutionär: "Fidel entre nosotros" steht auf dem Plakat – "Fidel ist unter uns". Der Mythos des verstorbenen Máximo Líder lebt, auch unter manchen Passagieren.

Privateigentum soll zugelassen werden

Viazul ist die von Castro erfundene Devisenlinie. Befördert wird, wer die Bustickets mit Pesos Convertibles (CUC) bezahlt, deren Wert dem US-Dollar entspricht. Deshalb steigen nur Ausländer und reich gewordene Kubaner ein, obwohl das Unternehmen staatlich ist. Doch auch dieses System scheint im Wandel begriffen. Ausgerechnet im 60. Jubeljahr der Kubanischen Revolution – am Abend des 1. Jänner 1959 verkündete Fidel Castro in Santiago de Cuba den "Sieg der Revolution" – hat Kuba einen neuen Verfassungsentwurf vorgelegt, der Privateigentum zulassen soll. Schon bald könnten andere Busse quer über die Insel rollen, wenn die Kubaner den Entwurf goutieren. Am 24. Februar 2019 soll in einem Referendum darüber abgestimmt werden, ob das Wirtschaftssystem der Karibikinsel wieder ein Stück weit chinesischer wird.

Ein weiß-blauer Überlandbus von Viazul rollt derweil vor die Tür des Wartesaals. "Viñales, Viñales!", ruft der Ticketkontrolleur. Alle drängen zum Bus, denn es gibt oft mehr Tickets als Plätze. Ist der Bus voll, wird ein zweiter eingesetzt – aber nicht immer. Nelson Díaz stemmt sich auf seinen Thron hinter dem Lenkrad, auf dem er seit Jahren als König des löchrigen Asphalts sitzt, während er zwischen den Provinzhauptstädten und den touristischen Zentren pendelt. Nun startet er den Motor des nicht mehr ganz neuen chinesischen Yutongs.

Kalte Luft und Palmen

Als Díaz das Fahrzeug auf die Autopista A4 in Richtung Pinar del Río lenkt, sind die großen Löcher im Asphalt noch locker zu umfahren. Er fährt in bescheidenem Tempo. Nach Viñales sind es allerdings 164 Kilometer, gut vier Reisebusstunden. Also drückt der pummelige Chauffeur ein wenig aufs Gas und dreht die Klimaanlage rauf, eiskalte Luft breitet sich aus. Hinter den beschlagenen Fenstern ziehen Palmen und grüne Tabakfelder vorbei, Ochsenkarren, die die rote Erde furchen, und die dicht bewaldeten Hügel der Cordillera de Guaniguanico. Es sind mehr Pferde als Autos unterwegs, Kutschen, Reiter, auch Radfahrer, Fußgänger und manchmal Kühe.

Der Yutong dröhnt in Richtung Horizont, langsam wächst die Sierra de los Órganos aus ihm heraus. Auf einem Wandplakat am Straßenrand verspricht der schöne Held Che Guevara: "Y mis sueños no tendrán fronteras – Und meine Träume kennen keine Grenzen". In ihren Träumen malen sich die Busreisenden die berühmten Mogotes aus, die sich bald wie Elefantenbuckel aus dem Boden wölben und für die Viñales so berühmt ist. Nur noch dreißig Kilometer.

Hoffen auf Reisende ohne Quartier

Pünktlich um zwei Uhr biegt Díaz in die Salvador Cisneros ein, die lange Hauptstraße, die fast nur aus Restaurants besteht. Bei der Bushaltestelle vor der Kirche Sagrado Corazón wartet bereits eine Menschentraube, Kubaner, die auf Reisende ohne Quartier hoffen. Sie halten ein Bild von ihrer Casa Particular hoch, vielleicht noch "unentdeckt", vielleicht mit mäßigem Standard. Die bekannten Casas sind längst ausgebucht.

Der Ort Viñales hat wenig mehr zu bieten als Privatzimmer. Rund 1.000 davon gibt es in dem Dorf, und sie nehmen zu. Immer mehr Touristen kommen, um die vor gut 160 Millionen Jahren entstandene Hügellandschaft im Unesco-Biosphärenreservat zu erwandern, zu erklettern, vom Sattel aus zu erkunden, das verzweigte Höhlensystem zu begehen und natürlich einen Tabakbauern zu besuchen.

Vorbei an der Schweinebucht

Wenn abends die Schatten länger werden, sitzen die Einheimischen vor der Haustür im Schaukelstuhl und lassen das Leben an sich vorübergleiten. Man lebt gut hier. Wie von selbst spülen die Gäste die kostbare CUC-Währung in ihre Portemonnaies. Nachdem der Anbau fertig geworden ist, vermieten auch Yosbel und Yurisbelkis zwei Zimmer an Ausländer. Das junge Paar legt Wert auf gute Matratzen, Safe, Wi-Fi, Klimaanlage, ein gepflegtes Bad – alles neu, ein hoher Standard in Kuba.

Die nächste Etappe führt nach Trinidad. Der Weg ist weit, gut 500 Kilometer. Diesmal ist der Sitz durchgesessen, die Rückenlehne kaputt. So reist man halb liegend wie im Sofa durchs Land. Tauschen geht nicht, der Bus ist ausgebucht. Der Fahrer stellt sich als Speedy Gonzalez vor, kichert und dreht das Radio auf: Bob Marley singt Is This Love. Auch er fährt gemütlich. Nach einer halbstündigen Pause in Cienfuegos, einer atmosphärischen Stadt mit maritimem Flair, drängt Speedy zur Weiterfahrt. Der Weiß-Blaue kurvt am Meer entlang, vorbei an der Sierra de Escambray und der Schweinebucht, in der 1961 die amerikanische Invasion scheiterte und sich Fidels Ruhm verewigte.

Hüften in Bewegung

Ankunft in Trinidad, der einstigen Hauptstadt der Zuckerbarone im "goldenen Zeitalter". Es ist schon spät. Schnell noch zur Plaza Mayor schlendern, dem schönsten Platz der Stadt. Hier hat die Crème der Zuckeraristokratie pittoreske Paläste gebaut und den Ort in ein koloniales Schmuckstück verwandelt. Die Maracas-Kugeln einer Live-Band rasseln, die Congatrommeln hämmern, und die Klanghölzer klacken. Es sind Klänge, die berauschen, die Hüften in Bewegung setzen und Sehnsüchte wecken: Wann kommt das nächste goldene Zeitalter für Kuba? (Beate Schümann, 21.2.2019)