Hitler am Heldenplatz in Wien: Im Gegensatz zu vielen anderen hat die Wiener Schriftstellerin Friederike Manner die Augen vor dem kommenden Unheil nicht verschlossen.

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Die Wiener Schriftstellerin Friederike Manner war im Frühjahr 1938 dreiunddreißig Jahre alt, Mutter zweier schulpflichtiger Kinder und fest entschlossen, sich von ihrem Mann, dem jüdischen Arzt Hans Brauchbar, scheiden zu lassen.

Aber dann marschierte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein. Schon aus moralischen Erwägungen und weil sie hoffte, als "Arierin" die Familie vor Verfolgung schützen zu können, nahm sie ihren Entschluss zurück.

Im Sommer 1938 brachte sie die Kinder bei Verwandten in Zürich unter, im Herbst flüchtete ihr Mann nach Belgrad, im Dezember folgte Friederike den Kindern in die Schweiz nach. Mittellos und ohne Aufenthaltsgenehmigung, waren auch sie ein halbes Jahr später gezwungen, in Jugoslawien Zuflucht zu suchen. Ihre prekäre Lage verschärfte sich, als deutsche Truppen im April 1941 über Jugoslawien herfielen.

"Von den Toten auferstanden"

Wieder ein halbes Jahr später wurde Hans Brauchbar im Konzentrationslager Sabac zusammen mit hunderten anderen jüdischen Geiseln von Angehörigen des Sicherheitsdienstes erschossen. Friederike brachte sich und die Kinder als Schreibkraft in der unter deutscher Kontrolle stehenden Belgrader Stadtverwaltung durch.

Angesichts der bevorstehenden Niederlage der Wehrmacht auf dem Balkan und weil sie Vergeltungsaktionen der Partisanen gegen deutschsprachige Zivilisten vorausahnte, ließ sie sich 1944 nach Wien evakuieren.

Dort weigerte sie sich, Arbeit in einem kriegswichtigen Betrieb anzunehmen. Die Befreiung 1945 erlebten Friederike und ihre Kinder auf dem Land. Nach einigen Tagen kehrten sie in ihre Geburtsstadt zurück. "Von den Toten auferstanden, sind wir unerwünscht und unheimlich, auch hier die Fremdlinge, die eine Axt im Herzen tragen."

Wiederentdeckung

Das Zitat stammt aus dem einzigen Roman, den Friederike Manner zu Lebzeiten veröffentlicht hat: Die dunklen Jahre. Die Literaturkritikerin Evelyne Polt-Heinzl, der die Wiederentdeckung von Werk und Autorin zu verdanken ist, nennt ihn einen Romanbericht.

Diese ungewöhnliche Gattungsbezeichnung trifft insofern zu, als die Lebensgeschichte der Ich-Erzählerin Klara zwar mit den von Lisa Bihalij-Merin bezeugten Erlebnissen der Autorin übereinstimmt und deshalb als Quelle der Zeitgeschichte herangezogen werden darf, in der kunstvollen, dabei wie absichtslos erscheinenden Verschränkung von Beobachtung und Bekenntnis, Chronik und Reflexion jedoch über die erzählte Zeit – Februar 1934 bis Silvester 1945 – hinausweist und Fragen aufwirft, die auch uns beschäftigen: über Schuld und Reue, das Absterben der Gefühle, das quälende Unvermögen, sich vorbehaltlos für eine Sache einzusetzen.

"Warum war da niemals etwas gewesen, wofür ich kämpfen wollte? Jetzt, ja, jetzt war ich zum Kampf tausendmal bereit, aber nur zum Kampf gegen etwas – auch heute noch wusste ich nicht, wofür zu kämpfen es sich gelohnt hätte. Vaterland, Glaube, das waren nur leere Worte für mich; Sozialismus war etwas Grundlegendes, aber nichts Endgültiges ..."

Persönliche Krise einer mutigen Frau

Manner schreibt nüchtern und schwärmerisch zugleich. Und sie tut es auf eine Weise, die uns glauben lässt, in ihr eine Gefährtin gefunden zu haben, eine Zeitgenossin, die für das, was ihr zugestoßen ist, mit den Erfahrungen der Jahre, Jahrzehnte danach eine gültige Form gefunden hat. So hellsichtig erscheinen einem ihre Beobachtungen und Überlegungen, so gegenwärtig.

Da nimmt es nicht wunder, dass Polt-Heinzl im Nachwort zur endlich erschienenen Neuausgabe Die dunklen Jahre neben Hans Flesch-Brunningens Perlen und schwarze Tränen und Martina Wieds Das Krähennest als einen der drei großen Exilromane der österreichischen Literatur würdigt. Aber lässt sich Manners Roman überhaupt der Exilliteratur zuschlagen?

Jedenfalls handelt er nicht nur vom Überlebenskampf, sondern auch von der persönlichen Krise einer mutigen, feinsinnigen Frau, die gleich zu Beginn feststellt, dass sie eingemauert sei in sich selbst, und gegen Ende bekennt, nicht nur von den Menschen, sondern auch von sich selbst verlassen zu sein – "gleichsam als ob ich meine innerste Seelenlandschaft verloren hätte".

Schmerzhaft präzise Sittenbilder

Der Roman soll also nicht nur als Zeitdokument gelesen werden; seine Bedeutung liegt darin, dass Manner das Exil, das zum Ort der Verfolgung wird, in allen seinen Facetten erfasst. Dass sie den Menschen, denen sie begegnet ist, mit wenigen Worten eine Stimme, ein Aussehen, einen Charakter gibt.

Dass sie deren Widersprüche nicht verschweigt, die Anfälle von Großmut, die Unentschiedenheit, Feigheit, Ergebenheit. Dass sie frei heraussagt, was sie für richtig und für falsch hält, sich aber kaum je über diejenigen erhebt, die sie lobt, verspottet, verdammt.

Dass ihr schmerzhaft präzise Sittenbilder gelingen, über das Verhalten ihrer Nachbarn in Wien gleich nach dem Anschluss, im letzten Kriegsjahr und nach der Befreiung, über hartherzige, aber auch unvermutet großzügige Schweizer in ihrem satten Friedensstaat, über die Unterschiede zwischen Zürich und Wien, die Schönheit der Stadt Belgrad, ihre serbischen Arbeitskollegen, die deutschen Besatzer, das Pogrom in einer donauschwäbischen Ortschaft.

Mehrfache Verzweiflung

Sie verschließt nicht die Augen – und ihr Herz -, als sie zufällig den Abtransport von Juden aus dem KZ Sajmiste mit ansieht, dem ehemaligen Messegelände der Stadt, und obwohl es für die Gefangenen in den Tod geht, erhält Manner sie durch Klaras Beschreibung, Mann für Mann, am Leben. Sie schildert die mehrfache Verzweiflung ihres zeitweiligen Geliebten, eines deutschen Kommunisten, wegen des anhaltenden Versagens seiner Partei, wegen des Hitler-Stalin-Pakts und weil seine letzte Hoffnung, der Generalstreik der deutschen Arbeiter, auch beim Überfall auf die Sowjetunion ausbleibt.

Ihre eigene Verzweiflung, weil sie voraussieht, "was in den kommenden Jahren geschehen wird", und den Ablauf der Ereignisse doch nicht beeinflussen kann. Wie sie beschließt, "gleichsam mit Scheuklappen vor den Augen" zu leben, "nur auf das eine Ziel gerichtet: die Kinder durchzubringen. Alles andere ist nur noch am Rande meines Lebens, wird wahrscheinlich nie mehr wirklich werden."

Was darüber hinaus an Zärtlichkeit in ihr vorhanden und an Leckerbissen in der Hungerstadt Belgrad aufzutreiben ist, reicht aus, einen zugelaufenen Kater zu verhätscheln, das "Männchen", dessen Geschichte einen Roman innerhalb des Romans bildet, die einzige, die gut ausgeht.

Schade, dass der Roman diesen abgedroschenen, von jedem Festaktredner bemühten Titel trägt. Eigentlich sollte er Das dunkle Leben heißen, denn so endet er, mit einem Vers Rainer Maria Rilkes, dem zufolge einmal das Wissen über uns kommt, "daß wir mit dem Dunkelsten, / was wir sagen, den Tod nicht meinen, / nicht den Tod, aber das Leben".

Unter Pseudonym

Wollte Friederike Manner mit diesem Zitat eine schwerwiegende Entscheidung rechtfertigen? Hand an sich zu legen, das wird von ihrem Alter Ego im Roman öfter erwogen. "Sterben, um sich zu opfern – ist das wirklich so schwer?", heißt es an einer Stelle. "In früheren Jahren spielte ich immer wieder mit dem Gedanken an Tod, ja ich halte es auch heute noch für durchaus möglich, dass ich einmal durch Selbstmord zugrunde gehe."

Und an einer anderen bleibt Klara auf einer Brücke über die Save einen Augenblick lang stehen und überlegt, "ob ich nicht hinabspringen soll – aber der Motor Hass treibt mich weiter. Später, später, wenn Hitler besiegt ist, dann ist vielleicht wieder Zeit, an Selbstmord zu denken."

Friederike Manner hat den Roman unter einem Pseudonym erscheinen lassen, vermutlich aus Diskretion ihren Kindern gegenüber und weil sie darin ihre intimsten Regungen bloßgelegt hat. Das war im Jahr 1948. Acht Jahre später nahm sie sich, 51-jährig, in Wien das Leben. (Erich Hackl, 6.4.2019)