Vor knapp 450.000 Jahren zerschnitten ungeheure Wassermassen wie eine riesige Fräse das damals existierende Land zwischen Dover und Calais. Gespeist wurde der Wasserstrahl von einem großen Becken, das nordöstlich des heutigen Ärmelkanals lag.

Blick auf die weißen Klippen von Dover
Foto: REUTERS/Toby Melville

Schon damals war die Lage vertrackt: Es war deutlich kälter, im Norden hatten große Eismassen den Weg ins Polarmeer versperrt, in der Region des heutigen Kanals befand sich eine Landbrücke aus Kalkstein, die wie ein Damm wirkte. Themse, Rhein und Maas schütteten immer mehr Wasser in das Becken. Bis es sich seinen eigenen Abfluss schuf.

Dessen Spuren sind zwar längst wieder mit Sediment verfüllt, doch ein Forscherteam um Sanjeev Gupta vom Imperial College London hat sie akribisch rekonstruiert. Wie man 2017 im Fachjournal Nature Communications berichtete, stürzte das Wasser in Kaskaden nach unten.

Die Wasserfälle waren offenbar unzählige Meter hoch und hinterließen am Grund sogenannte Auskolkungen, die sich offenbar bis zu 100 Meter tief ins Gestein eingeschnitten hatten.

Was den natürlichen Damm kollabieren ließ, darüber können die Forscher nur spekulieren. Möglicherweise waren große Eismassen in den Stausee abgerutscht und hatten einen Tsunami ausgelöst, vielleicht war der Landrücken auch durch Erdbeben brüchig geworden. Inwiefern Menschen betroffen waren, ist unklar. Während dieser Eiszeit war Großbritannien vermutlich nicht besiedelt, erst in der folgenden Warmzeit kehrten Menschen dorthin zurück, wie aus wenigen Funden hervorgeht.

Geschehen wiederholt sich

Deutlich später, vermutlich vor etwa 160.000 Jahren, habe sich das Geschehen wiederholt, wenn auch nicht ganz so dramatisch, berichtet das Team um Gupta weiter. Abermals schoss Wasser aus einem Gletschersee und hobelte den Kalkstein weiter ab. "Der Durchbruch dieser Landbrücke zwischen Dover und Calais war zweifelsohne eines der wichtigsten Ereignisse in der britischen Geschichte und prägt auch heute die Identität unseres Inselstaates", kommentierte Gupta die Ergebnisse der Studie bei deren Vorstellung etwas lakonisch.

Als die Eiszeit endete und der Meeresspiegel anstieg, wodurch das Tal endgültig überschwemmt wurde, habe Großbritannien seine Verbindung zum Festland verloren. "Ohne diesen dramatischen Vorfall wäre Großbritannien immer noch ein Teil von Europa. Dies ist der Brexit 1.0, ein Brexit, für den niemand gestimmt hat."

Brexit 2.0

Folgt man Guptas Zählung, dann ereignete sich der Brexit 2.0 vor rund 8150 Jahren. Wieder war Britannien, der Eiszeit und einem daher niedrigen Meeresspiegel sei Dank, mit dem Kontinent verbunden.

Die Landbrücke erstreckte sich vom heutigen England und Schottland hinüber nach Dänemark und wird als "Doggerland" bezeichnet. Dieses Doggerland ist ein beliebtes Forschungsobjekt, nicht zuletzt wegen seines spektakulären Untergangs. Die Eismassen auf der Nordhalbkugel tauten, der Meeresspiegel hatte schon begonnen zu steigen. Doch Doggerland war noch begehbar.

Morastiger Untergrund

"Der Untergrund war oft morastig, und es gab ausgedehnte Laubmischwälder mit Rothirschen, Wildschweinen, Elchen, die von den Menschen mit Pfeil und Bogen gejagt wurden", beschreibt Olaf Jöris vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz und Neuwied, der die letzten Jahre von Doggerland intensiv erforscht hat. Sesshaft seien die Jäger und Sammler noch nicht gewesen. In Gruppen von etwa 25 Personen zogen sie umher, blieben zwei, drei Wochen an dem einen, dann am nächsten Ort.

Sie hatten Zelte aus dünnen Ästen und gegerbten Häuten, die sie rasch abbauen und leicht transportieren konnten. Zum Schutz vor Nässe und Kälte gab es mittelsteinzeitliche Isomatten aus Birkenrinde. "Zu jener Zeit gab es auch bereits domestizierte Hunde", sagt Jöris, "als nette Gesellschaft, zum Aufspüren von verletztem Wild und zur Not auch um den Hunger zu stillen."

Anhand der Artefakte lässt sich rekonstruieren, wie das Lagerleben ausgesehen haben könnte: Da saßen die Menschen ums Feuer, rösteten Haselnüsse, schlugen Steinspitzen zurecht und klebten sie mit Birkenpech an Pfeilschäfte.

"Aufgrund der Form und Bearbeitung der Steinspitzen, die sowohl in England als auch auf dem Kontinent gefunden wurden, wissen wir, dass die Jäger und Sammler damals hin und her reisten", sagt der Archäologe. Auch die kultischen Handlungen und die Art der Bestattung ähnelten einander.

Beschwerliches Leben

Doch das Leben der mittelsteinzeitlichen Pendler wurde beschwerlicher. Das Wasser stieg, das flache Doggerland wurde morastiger. Das Klima schlug um in eine Mini-Eiszeit, wie Bernhard Weninger von der Universität Köln erläutert, der ebenfalls das Thema erforscht: "Vor allem die Winter waren heftig, der Wind blies eisig, die Temperaturen lagen deutlich unter den heutigen Werten."

Selbst die großen Flüsse waren vermutlich zugefroren, auch im Flachland. "Wären die Bewohner schon Bauern gewesen, hätte es sie sehr hart getroffen, denn es hätte sicher Ernteverluste gegeben. Als Jäger und Sammler konnten sie etwas besser damit umgehen."

Bis zu jenem Tag vor etwa 8150 Jahren, als vor der norwegischen Küste am Unterwasserhang des Kontinents eine große Menge Sediment ins Rutschen kam und einen Tsunami auslöste. Grönland erreichte dieser ebenso wie Schottland und Dänemark.

An manchen Orten waren die Wellen mehr als 20 Meter hoch und rasten weit ins Landesinnere. Doggerland, das mitten im Weg stand, muss regelrecht rasiert worden sein – dieses filmreife Szenario wird seit Jahren gern herangezogen, um das katastrophale Ende der Besiedlung zu beschreiben.

Doch es mehren sich Hinweise, dass das so nicht stimmt. Jon Hill von der Universität York hat die Ausbreitung des sogenannten Storegga-Tsunami (benannt nach dem Herkunftsgebiet) modelliert und kommt zu dem Schluss: Doggerland wurde nicht so heftig getroffen, wie frühere Studien nahegelegt hatten. Die meisten Menschen hätten die Gegend vermutlich schon früher verlassen, weil der Meeresspiegel stieg.

Zunehmend überflutet

Der Archäologe Jöris sieht das ähnlich: "Doggerland war flach und wurde zunehmend überflutet beziehungsweise sumpfiger. Der Tsunami allein war nicht die Katastrophe." Was genau geschah, versucht aktuell ein Team um Vincent Gaffney von der Universität Bradford aufzuklären.

Die Wissenschafter vermessen Brown-Bank, eine Untiefe vor England, mit geophysikalischen Methoden und entnehmen Sedimentkerne, um mehr über die Besiedlung und die Folgen des Storegga-Ereignisses zu erfahren. Sie hätten da vielleicht etwas, schreibt Gaffney auf Anfrage. Aber es sei noch nicht so weit, dass es publiziert werden könne. Im Mai soll die nächste Forschungsfahrt stattfinden, sie wird weitere Erkenntnisse bringen, hoffen die Forscher.

Ob Doggerland wegen des Tsunamis vollständig verschwunden ist oder noch ein paar Jahre über die Wellenspitzen ragte – das Ergebnis ist das Gleiche. Die Menschen blieben weg, es gab keine Verbindung mehr zwischen Großbritannien und dem Kontinent.

"Die Steinklingen beidseits des Meeres unterscheiden sich seit dieser Zeit deutlich", sagt Jöris. Es sei nicht ausgeschlossen, dass es manchem gelungen ist, mit einem einfachen Boot den Ärmelkanal zu überwinden, doch das seien Ausnahmen.

Zu den geografischen Zwängen kommt der Trend, dass die Steinzeitmenschen nicht mehr umherzogen, sondern sesshaft wurden, wie der Forscher sagt: "Wenn man sich auf kleinere Territorien zurückzieht, hat man weniger Kontakt zu seinen Nachbarn, es gibt keinen regen Austausch mehr." (Ralf Nestler, 10.4.2019)