Nach nur acht Monaten im Amt rief Pedro Sánchez, Ministerpräsident vom sozialistischen PSOE, in Spanien Neuwahlen aus, nachdem der Budgetplan seiner Minderheitsregierung an den Katalanen gescheitert war. Der Konflikt um Katalonien dominierte den Wahlkampf, genau wie die Debatte über die junge rechtsextreme Partei Vox.

Zur Wahl stehen am Sonntag die populären Spitzenkandidaten, aber auch neue, interessante Gesichter tauchen auf. Und obwohl Premier Sánchez am 8. März, dem Internationalen Frauentag, noch twitterte: "Wir wollen ein feministisches Spanien", und Spaniens Kabinett aktuell aus elf Frauen und nur sechs Männern besteht, sind die ersten Kandidaten auf den Listen der vier großen Parteien doch alle männlich. Ein Überblick vom Ministerpräsidenten bis hin zu Stierkämpfern und einem Astronauten:

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1. Pedro Sánchez (PSOE)

Findet er genug Verbündete, hat Premier Pedro Sánchez gute Chancen, wiedergewählt zu zu werden. In den Anfängen seiner Karriere war er als "El Guapo" oder "The Handsome" bekannt, jetzt wird er von Radiotelevisión Española als "Kandidat der ersten Male und der sieben Leben" betitelt. Schon 2015 wollte der Sozialist Ministerpräsident werden. Geklappt hat das erst, als Mariano Rajoy vom konservativen PP per Misstrauensvotum abgewählt wurde. Unterstützer des 47-jährigen Sánchez, der Doktor der Wirtschaftswissenschaften ist, schätzen seine ruhige Art und sein Talent für Kompromisse. Gegner werfen ihm mangelndes Charisma und das Fehlen einer klaren politischen Vision vor. In der Katalonien-Frage will der Vater von zwei Töchtern der autonomen Gemeinschaft mehr Unabhängigkeit einräumen.

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2. Pablo Casado (PP)

Pablo Casado ist Spitzenkandidat des Partido Popular (PP). Seit nicht einmal einem Jahr leitet der 38-jährige Jurist und Ökonom die konservative Partei und rückte sie weiter nach rechts. Er ist ein Überlebender des Misstrauensvotums. Casado verteidigt konservative Werte, die Monarchie und die katholische Kirche und ist ein Gegner von Abtreibung und Sterbehilfe. Um Premier zu werden, will er sich mit den Ciudadanos und der rechtsextremen Vox zusammentun.

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3. Pablo Iglesias (Unidos Podemos)

Für den 40-jährigen Pablo Iglesias begann seine politische Laufbahn an der Universität Complutense in Madrid: Mit einigen Kollegen gründete der Politikwissenschafter 2014 die Partei Podemos ("wir können"). 2016 wurde daraus das Bündnis Unidos Podemos. Interne Streitigkeiten hinderten die linkspopulistische Partei bei der bisher letzten Wahl daran, die Sozialisten zu überholen. Iglesias' großes Thema im Wahlkampf war die Kontrolle der Mächtigen und der Kampf gegen Korruption.

Für große Aufregung hatte der Kauf einer Luxusvilla gesorgt, in die der Parteichef gemeinsam mit seiner Partnerin, der Podemos-Sprecherin Irene Montero, einziehen wollte. Iglesias und Montero, die beide aus armen Verhältnissen stammen, stellten daraufhin ihr Amt zur Verfügung, die Partei sprach ihnen jedoch in einer Basisabstimmung das Vertrauen aus, und sie können ihr Amt behalten und ihre Kinder in der Villa großziehen.

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4. Albert Rivera (Ciudadanos)

Albert Rivera gründete die Ciudadanos 2006 als proeuropäische Partei in Katalonien. Seit 2015 steht er auf der nationalen Bühne. Der geschiedene Vater, dem die Wochenenden mit seiner Tochter "heilig" sind, schreibt über sich selbst, das Wichtigste in seinem Leben sei, dass kein Tag dem anderen gleiche.

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5. Santiago Abascal (Vox)

20 Jahre lang war Santiago Abascal Mitglied des konservativen PP. Jetzt tritt er für die Partei Vox an, die seit Spaniens Rückkehr zur Demokratie Ende der 70er-Jahre die erste rechtsextreme Partei sein könnte, die mit mehr als einem Sitz ins Parlament einzieht. Vergangenes Jahr hatte Vox zwölf Sitze im andalusischen Regionalparlament erhalten.

Wie Kollegen anderer rechter Parteien gefällt es auch Abascal, der aus dem Baskenland im Norden Spaniens stammt, die Massenmedien zu kritisieren. Er twittert gern und erinnert auch sonst an US-Präsident Donald Trump: Abascal hat vorgeschlagen, eine Mauer um die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla zu bauen und diese vom angrenzenden Marokko bezahlen zu lassen. "Ich bin ein Unterstützer der Diskriminierung", sagte er 2017 dem Sender 7TV.

Aus dem Gefängnis ins Parlament

Neben den fünf Spitzenkandidaten der nationalen Parteien spielen auch Unabhängigkeitsaktivisten aus Katalonien eine wichtige Rolle bei der Parlamentswahl. Einige führen ihren Wahlkampf sogar aus dem Gefängnis heraus.

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6. Oriol Junqueras (ERC)

Oriol Junqueras tritt für die katalanische Esquerra Republicana (ERC) an. Als Hauptangeklagter im Prozess gegen zwölf Unabhängigkeitsführer sitzt er allerdings weiterhin in Madrid in U-Haft. Festgenommen wurde er im Zusammenhang mit dem Unabhängigkeitsreferendum, das die Zentralregierung in Madrid als illegal eingestuft hatte.

Auch bei der Europawahl steht Junqueras auf der Liste, genau wie der in Brüssel im Exil lebende Ex-Regierungschef Carles Puigdemont von der liberalkonservativen Liste "Gemeinsam für Katalonien" (JxCat), mit dem Junqueras sich um die Vorherrschaft im Unabhängigkeitskampf streitet. Tatsächlich wird wohl keiner der beiden ins EU-Parlament einziehen, denn einen Amtseid in Madrid können sie weder aus dem Exil noch aus der Haft heraus leisten. Aufmerksamkeit für ihr Anliegen kann ihnen dennoch sicher sein.

Ungewöhnliche Kandidaten: Stierkämpfer, Promis und ein Astronaut

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7. Miguel Abellan (PP) – der Stierkämpfer

Wirkliche Chancen haben die Stierkämpfer auf der Kandidatenliste des konservativen PP nicht, dafür stehen sie zu weit hinten. Aber sie sollen die rechtsextreme Vox von den traditionell PP-freundlichen ländlichen Gegenden fernhalten. Die Verteidigung von "Volkstraditionen" spielt im Wahlkampf von Vox eine wichtige Rolle – und auch die Rechtsextremen haben einen Torero aufgestellt. Miguel Abellan (im Bild) ist einer der Stierkämpfer, der für den PP antreten. Schon der Vater des 40-Jährigen war Torero.

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8. Cayetana Álvarez de Toledo (PP) – die Adelige

Eine Kandidatin, die medial für Aufmerksamkeit sorgt, ist Cayetana Álvarez de Toledo. Sie tritt für den PP in Barcelona an. Die Social-Media-affine Journalistin, die in Argentinien aufwuchs, in Oxford Geschichte studierte und den Adelstitel "Marquesa" trägt, wird in spanischen Medien als größte Überraschung und Unruhestifterin im Wahlkampf betitelt.

Álverez de Toledo will ein "Spanien der freien und gleichen Bürger", ihrer Ansicht nach bedeutet das, die spanische Verfassung zu verteidigen und Katalonien vom Unabhängigkeitskampf zu befreien. Die feministische Bewegung unterstützt Álvarez de Toledo nicht. Sie wolle nicht zum Opfer gemacht und wie eine Minderjährige behandelt werden, sagte sie zu eldiario.es.

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9. Pedro Duque (PSOE) – der Astronaut

Er ist Spaniens erster und bisher einziger Astronaut: 2003 nahm Pedro Duque an einer Mission zur Internationalen Raumstation (ISS) teil. Seit Jahren setzt der dreifache Vater sich für mehr Investitionen in Forschung und Technik ein, seit 2018 ist er Wissenschaftsminister in Sánchez' Minderheitsregierung. Bei der Wahl am 28. April wird er die Nummer eins des PSOE in Alicante sein.

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10. Alberto Asarta (Vox) – der Franco-Freund

Auch die Gebeine des Diktators Francisco Franco befeuern den Wahlkampf: Sollen sie umgebettet werden oder im "Valle de los Caídos", dem Tal der Gefallenen nicht weit von Madrid, weiter als Pilgerstätte der Rechten dienen?

Alberto Asarta war einmal Kommandant der UN-Friedenstruppe im Südlibanon, jetzt steht er auf der Liste der rechtsextremen Vox – nachdem er noch im vergangenen Jahr ein Manifest unterzeichnete, das die "unrühmliche Kampagne" der "politischen Linken" verurteilte, die forderte, Francos Überreste zu exhumieren.

Prominente Bürgermeister-Kandidaten

Gleich einen Monat nach der Parlamentswahl geht es spannend weiter: Am 26. Mai stehen Kommunalwahlen in ganz Spanien, Wahlen zu den Regionalparlamenten in zwölf Autonomen Gemeinschaften und die Wahlen zum Europäischen Parlament auf dem Programm. Für das Amt des Bürgermeisters in den Metropolen Madrid und Barcelona treten prominente Kandidaten an.

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11. José Vicente "Pepu" Hernandez (PSOE) – der Basketball-Coach

Pepu Hernandez war von 2006 bis 2008 erfolgreicher Cheftrainer der Basketball-Nationalmannschaft. Jetzt will er Bürgermeister von Madrid werden. Premier Sánchez persönlich soll ihn darum gebeten haben.

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12. Manuel Valls – der französische Ex-Premier

Vom französischen Premierminister zum Bürgermeister von Barcelona – so stellt Manuel Valls sich das vor. Als unabhängiger Kandidat und mit Unterstützung der Ciudadanos will der gebürtige Katalane entschieden gegen die Unabhängigkeit kämpfen. Valls, der Sohn einer Schweizerin und eines Katalanen, verbrachte seine politische Karriere bisher in Frankreich: als Bürgermeister, Innenminister und von 2014 bis 2016 als Premierminister unter Präsident François Hollande; für das Amt des Präsidenten reichte es nicht.

Für die aktuelle Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, ist Valls, der viersprachig aufwuchs und im Alter von 20 Jahren auch die französische Staatsbürgerschaft annahm, ein "Kandidat der wirtschaftlichen Eliten".

Foto: afp/PIERRE-PHILIPPE MARCOU

13. Ada Colau (Barcelona en Comú) – die Ex-Aktivistin und Bürgermeisterin

Seit Juni 2015 ist Ada Colau Bürgermeisterin von Barcelona, im Dezember hatte sie bestätigt, dass sie 2019 wieder antreten werde. Colau ist Politik-Quereinsteigerin. Sie wuchs in Barcelonas Arbeiterstadtteil El Guinardó auf und wurde spanienweit als Aktivistin gegen Zwangsenteignungsgesetze bekannt. Das von ihr gegründete Plattform Barcelona en Comú (Barcelona gemeinsam) ist mit den Linkspolitikern von Unidos Podemos verbündet. (Milena Pieper, 26.4.2019)

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