Ein seltsames, aber musikalisches Wesen: Er sah im Saturn seinen Heimatplaneten, der Bandleader Sun Ra.

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Wien – "Ich wollte nie ein Teil des Planeten Erde sein, ich habe alles getan, um ihm nicht anzugehören" – sprachs und erreichte sein Ziel 1993 nach mehreren Herzinfarkten. Der Tod als Ende ist jedoch nur ein fantasieloses Konstrukt. Nach Sun Ras Vorstellung war er einfach auf den Saturn heimgekehrt, seinem Planeten, auf dem er sich nun wohl glücklich schätzt, nicht in den USA eines Donald Trump leben zu müssen. Space is the place!

Dass er 1914 als Herman Poole Blount in Birmingham, Alabama, geboren wurde, hörte er nicht gerne. "Ich war immer Sun Ra", pflegte er bereits zu einer Zeit zu behaupten, da der Begriff Afrofuturismus noch nicht erfunden war. Dass er als selbstdefinierter Abkömmling eines fernen Planeten, der sich mit afrikanischen Traditionen schmückte, zum Urvater des Afrofuturismus wurde, wird ihn nicht gestört haben. Falls er es mitbekommen hat. Der Begriff wurde von Autor Mark Dery 1993, in Sun Ras Todesjahr, kreiert.

Neue Historie

Unter dem vieldeutigen Begriff versammeln sich künstlerische und philosophische Manifestationen, die eine Befreiung afroamerikanischen Bewusstseins anstreben. Es geht um eine Neubeschreibung der Historie, die als nur von Weißen konstruiert betrachtet wird. Es geht um Zukunftsentwürfe, um utopische Oasen, die eine ideale Welt repräsentieren. Sie wäre dann frei von Rassismus, Gewalt, Diskriminierung und verinnerlichten Klischees über die Identität als Schwarzer.

Vielleicht ist der Saturn dieser mitmenschlich ideale Ort. Auf Erden jedenfalls wirkte Sun Ras schillernde Selbstkreation wie ein Akt der Befreiung aus den Fängen einer diskriminierenden Herabwürdigung. Symbole afrikanischer Historie verschmolzen mit kosmologischen Fantasien zu einem unangreifbaren Wesen, das die Show lenkte: Der Mitbegründer des orchestralen Free-Jazz predigte in Saturngewändern und trug Galaxis-Mützen. Wenn seine Musik abhob, pflegte Sun Ra gerne durch ein Teleskop Richtung Heimat zu blicken.

Schüler Shabaka

Durch eine kosmische Brille mag er gegenwärtig gütig auf eine junge Generation herablächeln, die in seinem Sinne wirkt. Zwar geht etwa die Band The Comet is Coming von Saxofonist Shabaka Hutchings optisch nicht so weit wie Sun Ra. Neben dem Bandnamen, der sich prophetisch aus dem Fenster lehnt, verbirgt sich aber eine recht pathetische Botschaft: Nach dem Kometeneinschlag würden sich "neue Realitäten und Fähigkeiten zur Koexistenz manifestieren", heißt es bei Shabaka, der seinen Namen von einem ägyptischen Pharao geborgt hat.

Weiters predigt er das "Überwinden der Angst und das Umarmen des Chaos." Der Komet sei nicht das Ende, er sei der Anfang – womöglich einer kreativen Zerstörung. Der Brite Hutchings hat auch eine praktische Nähe zu Sun Ra. Er spielt bisweilen in dessen Arkestra, das weiterhin auf Erden konzertant den Nachlass Sun Ras verwaltet und im Porgy & Bess gastieren wird.

Geht über Wasser

Hutchings wird am Sonntag aber nicht dabei sein, wie auch US-Saxofonist Kamazi Washington nicht mitspielen wird. Letzterer, mit monumentalen CD-Entwürfen und großorchestralen Jazz als hip herumgereicht, würde allerdings gut in das afrofuturistische Multiversum von Sun Ra passen. Von der Selbstinszenierung her ist er dem Vorbild nah: Auf dem Cover von Heaven & Earth schwebt Washington als Außerirdischer überm Wasser, der sich königlich-afrikanisch kleidet.

Dermaßen befreit von irdischen Plagen, erklärt er die Wirklichkeit zum Konstrukt "unseres Bewusstseins" und fordert zur Aktion auf, denn "unser Bewusstsein kreiert auch diese Wirklichkeit." Es wirkt wie eine Ermunterung, Science-Fiction-mäßig den Kampf gegen rassistische Stereotype zu führen. Im Sinne des Afrofuturismus. Im Sinne auch von Sun Ra, der vielleicht unterwegs zu uns ist, um eine weitere Präsidentschaft Trumps zu verhindern. Als jener Komet, den Shabaka meint. Beweisen Sie das Gegenteil. (Ljubisa Tosic, 26.4.2019)