Heimat als Konzept kommt immer erst mit dem Gefühl einer Verlusterfahrung ins Spiel. Gerade deswegen lässt sich der Begriff ganz prima auch ökonomisch nutzen.

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Es heimatet sehr. Nicht nur in Deutschland, wo Horst Seehofer als Chef einer Behörde, die seit 2017 "Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat" heißt, seines Amtes waltet – und an "einer großen Koalition mit dem Volk" bastelt. In der deutschen Presse wird das ehemalige Ministerium des Inneren ob der zusätzlichen Agenden Bau und eben Heimat nun gern als "Superministerium" bezeichnet – und Seehofer als "Heimathorst", der seinem Namen alle Ehre machte, indem er postulierte, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Auch hierzulande beschleicht einen in banger Erwartung des Wahlkampfs ein eher ungutes Gefühl. Unter anderem ist zu befürchten, dass wieder einige (und nicht nur die "Falschen") mit dem Wort "Heimat" herumhantieren werden. Einem Wort also, dem es besonders in deutschsprachigen Ländern an Tiefenschärfe mangelt, da es im erzwungenen (jüdischen) Exil einen anderen Bedeutungsraum erschließt, als wenn es eine freiwillig von Wien nach Berlin Gezogene verwendet – oder einer auf einem Trachtenfest.

Die "Von-Hierheit"

In den letzten Monaten ist eine Reihe essayistischer Bücher und Romane zum Thema Heimat und in weiterer Folge Herkunft erschienen, einige seien hier zur sommerlichen Lektüre anempfohlen. Zum Beispiel das brandneue Kursbuch.

Die renommierte, im Jahr 1965 von Hans Magnus Enzensberger gegründete Zeitschrift widmet ihre neue Nummer dem Thema Heimatt. Offenbar soll das doppelte "t" darauf hinweisen, dass man es darauf anlegt, sich der Sache unkonventionell zu nähern. Was nicht nötig gewesen wäre, denn nichts anderes hätte man sich von dieser Zeitschrift erwartet.

Der Publizist Georg Seeßlen setzt sich darin in seinem Beitrag mit "Bayern als Mythos, Ideologie und Ware" auseinander. Und zeigt, dass sich Heimat ganz prima auch ökonomisch nutzen lässt. Ein paar Absätze sind dem gebürtigen Münchner auch das kleinstaatliche Lavieren zwischen Größenwahn und Selbstzerknirschung sowie das Comeback der Tracht wert, deren Antimodernismus einst schon Adolf Loos in seinem Aufsatz "Wäsche" beklagte. Und natürlich gehte es in Seeßlens Essay auch um jene "Wir sind wir"-Mentalität, er nennt sie "Von-Hierheit", wie wir sie nicht nur aus Bayern kennen.

Der SZ-Journalist Dirk von Gehlen fragt in seinem Kursbuch-Beitrag, ob das Internet tatsächlich zu so etwas wie einer mobilen Heimat des Geistes geworden sei. Stichwort: "Heimat ist da, wo sich das WLAN automatisch verbindet". Der Wiener Publizist Robert Misik wiederum verweist darauf, dass sich der Begriff Heimat schon allein deshalb nicht von den Rechten "zurückerobern" lasse, weil er nie progressiv war.

Albtraum Heimat

Weiters schlägt Misik den Bogen zu Identitäts- und Integrationsdiskussionen, zum Neoliberalismus und zur Tatsache, dass die Heimat auch ein Ort ist, "an dem manche gesagt bekommen, dass sie nicht dazugehören".

Diesem Thema ist unter dem Titel Eure Heimat ist unser Albtraum auch eine Anthologie von Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund gewidmet, die sich nicht nur dieses Themas annimmt. Ein weiterer Text des 13 Beiträge umfassenden Kursbuchs stammt von Maxim Biller, der eine feine Erzählung über Max Brods Palästina-Emigration beisteuerte.

Spurensuchen

Um gleich bei der Literatur zu bleiben: Lesenswert sind auch die neuen Bücher von Sasa Stanisic (Jahrgang 1978) oder Marko Dinic, der 1988 in Wien geboren wurde und in Belgrad aufwuchs. Beide Bände sind Spurensuchen in der Vergangenheit gewidmet, und zwar in Jugoslawien, einem Land also, das es nicht mehr gibt.

Stanisic, der während des Balkan-Kriegs mit den Eltern aus Bosnien nach Deutschland flüchtete, schreibt in seiner essayistischen Autobiografie Herkunft "über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung". Es handle sich, so der Autor weiter, um ein Buch "über Sprache, Scham, Ankommen und Zurechtkommen, Glück und Tod".

Im Zentrum von Herkunft steht eine Reise, die Stanisic Jahrzehnte nach seiner Flucht wieder nach Bosnien führt, wo er in einem kleinen Dorf nach der Geschichte seiner Ahnen und dem Ursprung seines Familiennamens fahndet. Eine wichtige Figur ist dabei Stanisics Großmutter väterlicherseits, die an einer Demenzerkrankung leidet. Sie ist der Anlass für den Erzähler, die eigenen Erinnerungen zu suchen.

Zersplittertes Selbstporträt

Marko Dinic indes stellt seinem Roman Die guten Tage als Motto eine Strophe des Nelly-Sachs-Gedichts "Kommt einer" voran. Sie lautet: "Ein Fremder hat immer / seine Heimat im Arm / wie eine Waise / für die er vielleicht nichts / als ein Grab sucht".

Auch bei Dinic ist es die gerade verstorbene Großmutter, die einen Erzähler von Wien nach Belgrad aufbrechen lässt. Wobei der Roman auf zwei Erzählebenen einerseits vom Aufwachsen im von der Nato bombardierten Belgrad handelt und andererseits eine Reise und die Rückkehr an Kindheitsorte schildert. Ein zersplittertes Selbstporträt zeichnet die aus Tirol gebürtige Autorin Elisabeth R. Hager, die seit langem in Berlin lebt. Und zwar in ihrem Roman Fünf Tage im Mai, der ebenfalls vom Tod einer geliebten Person grundiert ist.

In diesem Fall ist es der Großvater, der stirbt, was die Erzählerin Illy, die Tirol nach der Matura Hals über Kopf verließ, zu einer Rückkehr in die alte Heimat zwingt. Es ist allerdings auch eine Rückkehr zu der traumatischen ersten Liebe, die in einer Katastrophe endete. Erzählt wird die Geschichte anhand von fünf über die Jahre verteilten Maitagen im Leben der Erzählerin. Ebenfalls von einer Rückkehr handelt Andere Sorgen, der Debütroman der jungen österreichischen Autorin Katharina Pressl.

Eine junge Frau fährt darin von der Stadt aufs Land. Dort "wartet ein Haus. Im Haus warten Gegenstände, die sich formiert haben und bereitstehen, um Vergangenheit zu werden." Es ist das Haus, in dem die Erzählerin aufwuchs. Nachdem die Mutter ins Altersheim übersiedelt ist, muss es geräumt werden. Obwohl die Vergangenheit allgegenwärtig ist, schafft es Pressl in ihrem beachtlichen Erstling, den Plot im Offenen enden zu lassen.

Heimat, darauf verweisen fast alle Beiträge des anfangs erwähnten Kursbuchs, kommt als Konzept erst mit dem Gefühl einer Verlusterfahrung ins Spiel. Und es ist kein Zufall, dass in den erwähnten Romanen neben der Erinnerung vor allem dem Verlieren – von Illusionen und Menschen, die weit mehr Heimat bedeuten können als jeder Ort – eine zentrale Bedeutung zukommt.

Verlorenes

Heimat, schrieb der 1912 in Wien geborene Jean Améry in seinem Essay Wie viel Heimat braucht der Mensch?, sind die "Märchenerzählungen einer alten Kinderfrau, das Gesicht der Mutter überm Bett, Fliederduft aus dem Nachbarsgarten".

Améry, der 1978 in Salzburg in den Freitod ging, schildert in seinem Heimat-Essay, der Teil des äußerst lesenswerten Bands Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten (1966) ist, unter anderem, wie den Juden von den Rassewächtern der Nationalsozialisten das Heimat- und Existenzrecht entzogen wurde. Und er erzählt von seiner Flucht nach Belgien, wo ihn die alte Heimat in Form deutscher Eroberungstruppen einholte. Er wurde nach Auschwitz deportiert.

"Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben", schreibt der Autor, der das Lager überlebte und später ein innerlich ewig Heimatloser blieb. Er warnt aber auch vor "unstatthaften Gefühlssteigerungen", die einen beim Nachdenken über den Begriff Heimat "aus der Überlegungssphäre hinaus ins Sentimentalische" reißen könnten.

Heimat war und blieb für ihn gefühlte Erinnerung – also auch eine Illusion. Doch trotzdem, so Jean Améry schließlich weiter: "Dass rücksichtslose Bärenhäuterei den Heimatkomplex besetzt hat, verpflichtet uns nicht, ihn zu ignorieren". (Stefan Gmünder, 8.6.2019)

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Marko Dinic, "Die guten Tage". 22,70 Euro / 240 Seiten. Zsolnay, Wien 2019

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F. Aydemir (Hg.), H. Yaghoobifarah (Hg.), "Eure Heimat ist unser Albtraum". 20,60 Euro / 208 Seiten. Ullstein, Berlin 2019

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Elisabeth R. Hager, "Fünf Tage im Mai". 20,60 Euro / 221 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2019

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Katharina Pressl, "Andere Sorgen". 22 Euro / 180 Seiten. Residenz-Verlag, Wien 2019

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A. Nassehi (Hg.), P. Felixberger (Hg.), "Kursbuch 198. Heimatt". 19,60 Euro / 200 Seiten. Murmann Publishers, Hamburg 2019