Dr. John ist tot. Der legendäre Musiker aus New Orleans erlag im Alter von 77 Jahren einem Herzinfarkt.

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Bereits als noch speckiges Baby stand er erstmals in der Öffentlichkeit. Der noch in Windeln liegende Malcolm John Rebennack strahlte in den frühen 1940ern von Seifenkartons. Man darf das als ersten Zug in Richtung Bühne interpretieren. Auf dieser landete er in den 1950ern und verließ sie erst wieder am vergangenen Donnerstag. Da ist der als Dr. John weltberühmt gewordene Musiker aus New Orleans gestorben.

Mac Rebennack zählt zu den kulturellen Säulenheiligen der Stadt im Mississippi-Delta. Er war einer der besten und produktivsten Pianisten, die von dort über die Welt kamen, stand auf einer Stufe mit Fats Domino oder Professor Longhair. Dabei war das Piano nicht seine erste Wahl, aber nachdem er als Freizeit-Kleinkrimineller eine Pistolenkugel mit einem Finger fing, wechselte er von der Gitarre an die Tasten.

Voodoo und Junk

Seinen Bühnennamen borgte er sich bei einem Voodoo-Priester und promovierte in Funk, Boogie, Blues und Heroin. Das und seine Herkunft ergaben eine einzigartige Mischung.

Sein erster und einziger Top-Ten-Hit: Right Place Wrong Time.
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1941 als Sohn französischer Einwanderer in New Orleans geboren, verkörperte er als Dr. John eine Figur, die man nicht besser hätte erfinden können. Angetan in Federschmuck, behangen mit Alligatorenzähnen und mit genug Gift im System, um zu den fernsten Sternen reisen zu können, richtete er sein eigenes Boogie-Funk-Rock-Soul-Bayou-Jazz-Gumbo an. Schon dieser hilflose Versuch, sein Werk zu beschreiben, illustriert, dass der Mann in keine Apothekerlade passte.

Lebens- und Knasterfahrung

Doch noch war es nicht so weit. Lange Jahre saß er in Aufnahmestudios und spielte Sessions, ging danach über die Straße in den Puff oder einen Club und spielte die Nacht durch Klavier, Karten oder beides. Das bescherte ihm neben Lebens- und Knasterfahrung und einer Heroinabhängigkeit eine musikalische Fertigkeit, die ihn Ende der 1960er als Rohdiamanten strahlen ließen, als er als Dr. John The Night Tripper sein Solodebüt Gris-Gris veröffentlichte.

Der Doktor spielt den Duke: On The Wrong Side Of The Railroad Tracks.
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An die 60 Alben hat Dr. John veröffentlicht. Nicht alles davon war Gold, doch seine seduktive Nasenbärstimme konnte jedem noch so zu Tode gespielten Standard seine besondere Note verleihen. So heiß seine Musik war, so cool war er. Er wurde mit Grammys überschüttet, dabei hatte er mit Right Place Wrong Time 1973 nur einen einzigen Top-Ten-Hit. Doch das kratzte den Arzt nur wenig.

Hunderte Sessions

Mehr als einmal erzählte er, dass er mit der Produktion von Werbejingles mehr Geld verdient hatte als mit seinen Platten; und wenn jemand ein funky Keyboard brauchte, läutete bei ihm das Telefon. Er spielte für und mit Acts wie Sonny and Cher, Aretha Franklin, Doug Sahm, Frank Zappa, Bill Wyman, The Band, B. B. King, Van Morrison natürlich den Neville Brothers, Ringo Starr oder Willy DeVille. In seinem Fall lautet die Frage: Mit wem hat er eigentlich nicht gespielt? Über 300 Einträge als Begleitmusiker gibt es von ihm.

Dr. John mit Dan Auerbach: Revolution.
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Anfang der 1990er wurde er clean, lebte in New York und Louisiana beziehungsweise on the road. In New York soll es einmal zu einem Autounfall gekommen sein, als er in voller Voodoo-Gala zu seinem Morgenkaffee spazierte – der Mann war zu Lebzeiten schon eine Legende. Bis zuletzt nahm und trat er auf.

1999 erschien die exzellente Duke-Ellington-Würdigung Duke Elegant, 2012 das grandiose, von Dan Auerbach von den Black Keys produzierte Album Locked Down.

So flamboyant seine Erscheinung war, an den Tasten verordnete er sich eine sparsame Eleganz, drehte lieber an seinen üppigen Ringen, als eine Note zu viel zu spielen. Lange schon ging er am Stock, lange schon hieß es, der Doktor sei krank. Nun ist Dr. John im Alter von 77 Jahren einem Herzinfarkt erlegen. (Karl Fluch 7.6.2019)