Foto: Enrico Fiorese

Joan Jonas: Die mit den Kraken tanzt

Ein Gotteshaus für die Kunst: Seit 2015 renoviert die Sammlerin Francesca Habsburg die Kirche San Lorenzo und konnte dafür jetzt ihren interdisziplinären "Ocean Space" eröffnen, der Kunst und Ökologie verknüpft. Derzeit huldigt eine Schau von Joan Jonas den Wundern der Ozeane. Die heute 83-jährige Künstlerin performte bereits 1970 mit Spiegeln am Strand. Für ihr neues Projekt Moving Off the Land ist sie in die Welt der Tiefsee und der Aquarien abgetaucht. In dem 500 Quadratmeter großen venezianischen Kirchenschiff hängen auf Baugerüsten ihre Malereien von Fischen.

Jonas' poetische Videoinstallationen zeigen Aufnahmen von leuchtendem Meeresgetier. Berührend sind jene Filmpassagen, in denen die äußerst vitale weißhaarige Performancepionierin im Kleid unter Wasser gleitet oder vor Bildern von Tintenfischen tanzt. Bis 29.9.

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Foto: Studio Luc Tuymans

Luc Tuymans: Der mit den Fallstricken

Der Palazzo Grassi ist nur einer der Ausstellungsräume des französischen Unternehmers François-Henri Pinault in Venedig. Während an der Punta della Dogana am Eingang des Canal Grande eine Gruppenausstellung zu Kunst und Kontext läuft, bespielt der Milliardär sein zweites Haus unter dem Titel La Pelle mit 80 Werken des belgischen Malerstars Luc Tuymans. Das Bodenmosaik Schwarzhaide bedeckt den Eingangsbereich. Es bildet einen Wald ab, in dem sich das Außenlager des KZs Sachsenhausen befand.

Wie immer beim belgischen Maler haben auch viele der in typischen Pastosfarben gehaltenen Gemälde einen doppelten Boden, etwa Toter Gang, ein Bild, das den Zugang zu Hitlers Luftschutzbunker am Obersalzberg zeigt. Tuymans hat sein Konzept des "authentischen Fälschens" von Medienbildern über die Jahre immer weiter perfektioniert. Bitte sich also nicht von der wattigen Gegenständlichkeit der Bilder täuschen lassen. Bis 6.1.

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Foto: AP/Andrea Merola

Georg Baselitz: Der mit den Antihelden

Als erstem lebendem Künstler widmet die Galleria dell'Accademia heuer Georg Baselitz eine Schau. In sieben Sälen wird die Beziehung zwischen den kopfstehenden Figuren des Malers und der italienischen Kunstgeschichte aufgerollt. In Florenz, wo der 1938 in Deutschbaselitz Geborene als junger Stipendiat weilte, wurde seine anti-akademische Haltung durch das Studium der Manieristen befeuert.

Die jetzige Schau konzentriert sich auf seine Porträts. Frühe Radikalität beweist etwa das Glatzkopfbild Idol, eine Hommage an einen verfolgten Sowjetkünstler. Im Hof steht die Bronzeskulptur BDM Gruppe, eine Anspielung auf den Bund Deutscher Mädchen, die wie verkohltes Holz aussieht. Baselitz' Gemäldereihe Helden zeigt ebenso wenig Heroismus wie seine nackten Selbstporträts, etwa Schlafzimmer mit Gattin von 1975. Bis 8.9.

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Foto: @OSIO

Jannis Kounellis: Der den Palazzo okkupiert

Die Ausstellung war das Highlight der Biennale vor zwei Jahren: Gemeinsam bespielten Fotograf Thomas Demand, Bühnenbildnerin Anna Viebrock und (Film)-Theoretiker Alexander Kluge den Palazzo Ca' Corner mit einer den gesamten Palast umfassenden Installation.

Auch jetzt, zwei Jahre später, ist die Fondazione Prada, die hier einen Sitz hat, wieder halb Bühne, halb Diskursraum. Diesmal richtet man Jannis Kounellis die erste Retrospektive seit dessen Tod im Jahre 2017 aus. In einem der Haupträume hängen alte Kästen von der Holzdecke, Bunsenbrenner lodern, Textilien treffen auf Stein und Kohle, vor einer Goldwand hängt ein schwarzer Mantel mit Hut auf einem Kleiderständer.

Der griechisch-italienische Künstler gilt als einer der Hauptvertreter der Arte Povera. Die Ausstellung in Venedig zeigt, wie souverän Jannis Kounellis mit Materialien umging, den Gegensatz organisch-anorganisch inszenierte und wie seine Kunst Räume respektive ganze Palazzi in Beschlag nimmt. Bis 24.11.

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Foto: Robert McKeever

Helen Frankenthaler: Die mit dem Großformat

Großgalerist Larry Gagosian hat am Canal Grande einen tollen Ort für die Malerei von Helen Frankenthaler (1928-2011) aufgetan. Den Weg zum prachtvollen Palazzo Grimani lohnt schon allein die Ganymed-Skulptur, die in dessen Antikensaal von der Kuppel hängt. Mit nur 14 ihrer atmosphärischen Großformate durchmisst die Schau Pittura/Panorama 40 Jahre in Frankenthalers Werk. Luzide Abstraktionen wie Riverhead schuf sie mit verdünnten Farben auf ungrundierten Leinwänden und wurde so zur Vorläuferin der Farbfeldmalerei. Auch im pastoseren Spätwerk bleibt sie dem Panoramaformat treu.

Eine Vitrine mit Fotos und Briefen blickt zurück auf das Jahr 1966, als Frankenthaler den amerikanischen Pavillon auf der Biennale bespielte. Die "Rückkehr" in die Lagune – samt paralleler Schau bei Gagosian in Rom – wertet ihr unterschätztes OEuvre auf. Bis 17.11.

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Was kann die Hauptausstellung?

Kritisch sein und gut dabei aussehen: Das gelingt der diesjährigen Hauptschau May You Live In Interesting Times von Chefkurator Ralph Rugoff. Seine beste Idee war es, im Arsenale und im Hauptpavillon die gleichen 79 Kunstpositionen zu zeigen. So aktiviert er das ohnehin überforderte Publikum: Was zeigt dieser Name da, was dort?

Den Parcours startet man am besten im Arsenale. Auf hohen Holzwänden hängt Malerei zu Rasse und Identität. In die afroamerikanische Tragödie ziehen Videos von Arthur Jafa (er erhielt den diesjährigen Goldenen Löwen) und Joseph Kahlil. Auf Endzeitstimmung folgt Eskapismus: Wer die VR-Brille von Dominique Gonzalez-Foerster aufsetzt, hebt in digitale Wolken ab.

Zwischen Flüchtlingsschiff und "Blutroboter" fesseln tolle Fotos und Installationen. Bitte diese schwerelosen Schönheiten nicht verpassen: Cyprien Gaillards 3D-Hologramm eines zappelnden "Feuerengels" und den Spinnennetz-Pavillon von Tomás Saraceno. Bis 24. 11.

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Wohin bei den Länderpavillons?

Es ist nicht immer die beste Kunst, die man in den 91 Länderpavillons zu sehen kriegt: Die meisten von ihnen befinden sich in den Giardini und im Arsenale, viele aber auch außerhalb. Lohnenswert ist der Beitrag von Litauen im Erdgeschoß eines Marinegebäudes. Ein Künstlertrio hat es für eine Opernperformance in einen Strand verwandelt. Dafür gab's den Hauptpreis. Wer es auf die Giudecca schafft, der sollte sich Islands flauschige Fellhöhle und Estlands schön obszöne Tropfinstallation geben. Letztere stammt von der in Wien gut bekannten Kris Lemsalu. Im Arsenale sticht der Beitrag von Ghana hervor, an dem u. a. El Anatsui und Architekt David Adjaye beteiligt sind.

In den Giardini fällt die Auswahl schwer: Tschechien und die USA warten mit den gut eingeführten Künstlern Stanislav Kolíbal und Martin Puryear auf, Cathy Wilkes bespielt poetisch den britischen Pavillon und Laure Prouvost den französischen. Und Österreich? Wird von Renate Bertlmann vertreten. Sollte man auch sehen. Bis 24. 11.

(Nicole Scheyerer und Stephan Hilpold, 8.6.2019)