Es ist ein Bild wie aus der Klimapanik-Manufaktur, das diese Woche durch die Medien ging: ein schmutziger, halb verhungerter Eisbär mit schwarz verdreckten Pfoten, der eine staubige Straße überquert, an deren Rändern rostiger Industrieschrott liegt. Nichts an dem Bild ist richtig, nichts daran ist gut. Das Bild wurde in einer sibirischen Stadt aufgenommen, die 500 Kilometer von der Küste entfernt liegt.

Ein weiteres, nicht weniger entsetzliches Bild zeigt einen Eisbären – ich weiß nicht, ob es derselbe Eisbär ist oder ein anderer, weil solche Dinge jetzt eigentlich ständig passieren – zwischen Plastikmüll, zertretenen PET-Flaschen und verrottenden Verpackungskartons auf einer riesigen Müllhalde. Auf dem ersten Bild, auf dem der Eisbär die Straße überquert, sieht man ein paar Autos, sie haben wegen des Bären angehalten, die Leute fotografieren den Eisbären hinter den Windschutzscheiben ihrer Autos mit ihren Smartphones.

Ein Eisbär beim Überqueren der Straße in Norilsk.
Foto: APA/AFP/Zapolyarnaya /IRINA YARINSKAYA

Typisch 21. Jahrhundert. Man kann ja nicht aussteigen und diesen Bären trösten oder ihn in den Kofferraum laden und nach Grönland fahren, irgendwohin, wo Eisbären einen natürlichen Lebensraum vorfinden. Vorfinden sollten. Eben nicht mehr vorfinden. Also Foto, was auch sonst.

Die Leute mit den Smartphones in ihren Autos sind ja nicht schuld daran, dass dieser Bär in ihrer Stadt gelandet ist. Beziehungsweise: Sie sind nicht mehr schuld als ich, als du, als Sie, als wir alle. Dieser Eisbär auf der Straße: unsere Schuld, eine Schuld, die wir gemeinsam über die Jahre angehäuft haben und immer noch anhäufen, jeden Tag; unsere Schuld. Wir töten diesen Eisbären, und nicht nur diesen, wir töten eine Unzahl von Tierarten, wir töten Regenwälder, Meere, unseren Planeten, unsere eigenen Nachkommen. Unsere Schuld. Es ist unsere Schuld.

Greta Thunberg hat recht

Sorry, wenn ich Ihnen hier ein schlechtes Gewissen mache. Es geht halt nur nicht anders, die Klimakrisenikone Greta Thunberg hat recht. Wir hätten schon viel früher ein schlechtes Gewissen haben sollen, wir hatten viel zu wenig davon. Wir brauchen viel mehr extrem schlechtes Gewissen, nur echte, nagende, quälende Schuldgefühle werden letztlich unser Bewusstsein ändern. Und in Folge unsere Einstellung, unser Verhalten, unseren Lebensstil, unsere Konsumgewohnheiten.

Ich nehme mich hier nicht aus. Im Gegenteil, ich bin die Schlimmste. Ich habe mir jahrelang in den eigenen Sack gelogen, ich habe Fakten und Informationen ignoriert. Ich habe mir eingeredet, ich lebte schon ungefähr richtig oder zumindest nicht komplett falsch. Eine typische Modernisierungsgewinnlerin, die sich weismacht, dass sie für ihr anstrengendes Leben auch ein bisschen Bequemlichkeit verdient hat.

Darum geht es letztlich ja immer: die eigene Bequemlichkeit und die Überzeugung beziehungsweise die Illusion, dass man darauf einen Anspruch habe und darauf, das und das Richtige mal nicht zu tun, weil man ohnedies so viel anderes richtig macht. Und weil es andere eh tun, quasi repräsentativ auch für einen, schön und bewundernswert, aber nichts für einen selbst. Dieser Bequemlichkeitsanspruch hat dann auch immer das schlechte Gewissen kalmiert.

Eisbär auf Müllhalde.
Foto: REUTERS/STRINGER

Ich fand, wir fanden, wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, jedenfalls nicht so viel. Bitte, wir haben doch ordentlich gelebt, Zwentendorf verhindert, den Katalysator erstritten, das Waldsterben aufgehalten. Wir haben mit unserem Kaufverhalten Bio ertrotzt, gesunde Landschaften, ordentlich gehaltene Nutztiere, jeden Tag eine Demo an der Supermarktkassa quasi.

Was denn noch?

Wir trennen unseren Müll, sprudeln unser Wasser selbst, wir fahren Öffi und Rad und essen kaum Fastfood, kochen selbst und möglichst palmölfrei.

Wir erziehen unsere Kinder zu bewussten Konsumenten, wir schütten unsere Gärten nicht mit Schotter zu, wir sind Mitglied der Arche Noah oder spenden für Greenpeace, Global 2000 oder den WWF, wir haben die Petition für das Verbot von Glyphosat und gegen das Bienensterben unterschrieben.

Was denn noch? Letztlich sind es die multinationalen Turbokapitalistenkonzerne, die die Erde ruinieren, nicht mal wir kleinen Konsumenten, und jetzt sollen wir das ausbaden. Wir haben doch auch sonst noch was zu tun, oder nicht. Wir haben Mieten und Kredite zu bezahlen, wir sind Angestellte und Teamleiter, wir sind alleinerziehende Mütter und Pensionistinnen mit beschränkten finanziellen Spielräumen, wir leisten gemeinnützige Arbeit und helfen Verwandten und Nachbarn, wir stehen eh schon so unter Druck auf so viele Arten und auf so vielen Ebenen. Warum schon wieder ich? Müssen wir uns echt um alles kümmern, um gar alles, um das auch noch?

Es gibt halt keine Alternative

Ja. Ich muss besser werden, es ist alternativlos. Ich wäre so gern ein besserer Mensch. Ein Mensch, der besser denkt, besser konsumiert. Besser isst, besser reist, sich besser fortbewegt, besser einkauft. Ein besseres Vorbild.

Man muss es wirklich versuchen. Wird nicht einfach, wird schiefgehen, aber dann wird man halt besser scheitern. Ein bisschen besser ist besser als nichts, und nichts geht nicht mehr. (Doris Knecht, 22.6.2019)