Sie gelten als Symbol der Debatte: Figuren aus dem früheren Königreich Benin. Frankreich will 26 während der Kolonialzeit ins Land verbrachte Objekte zurückgeben. Womöglich erst der Anfang.

Reuters

Fast zwei Jahre ist es her, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Burkina Faso ein Versprechen abgab, sich so sehr wie noch keiner seiner Vorgänger um die Aufarbeitung der kolonialen Schuld bemühen zu wollen. Dazu gehört in seinen Augen auch die Rückgabe unrechtmäßig nach Frankreich verbrachter afrikanischer Kulturgüter. Schätzungsweise 85 bis 90 Prozent der traditionellen afrikanischen Kunst- und Kultobjekte befinden sich außerhalb Afrikas, sie sind verstreut über große Museen des globalen Nordens, 90.000 Stück gibt es allein in Frankreich.

Macron beauftragte die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und den senegalesischen Schriftsteller und Ökonomen Felwine Sarr mit der Erarbeitung einer Studie, die ihm als Handlungsanleitung dienen sollte. Die Studie erschien im November 2018, seither müssen sich Politik und Museen in ganz Europa dazu verhalten. Die einen tun es kritisch interessiert, andere äußerst zurückhaltend.

Für Macron mag die Debatte auf der Prioritätenliste zuletzt nach unten gerückt sein, gilt es doch nach dem Brand von Notre-Dame, sich vordringlich des eigenen Kulturerbes anzunehmen. Und doch ist der Geist längst aus der Flasche. Bénédicte Savoy, die 2017 aus Protest ihre Funktion am neu entstehenden ethnografischen Museum Humboldt-Forum in Berlin zurückgelegt hat, ließ die Rufe nach Rückgaben auch in Deutschland laut werden.

Es fehlen Geld und Wille

Passiert ist seither noch nicht allzu viel, denn bei der Erforschung der Herkunft der Objekte fehlen vor allem Personal und Geld, vielerorts auch der politische Wille. Unverzüglich zusagen konnte Macron nach Erscheinen der Studie die Rückgabe von 26 Kunstwerken aus dem früheren Königreich Benin an die heutige Republik Benin. Die französische Armee hatte die Skulpturen im Zuge der Eroberung des Landes 1892 nach Frankreich gebracht. Benin hatte die Rückgabe schon 2016 gefordert, damals wurde dem Ersuchen eine Absage erteilt.

Im Februar beschlossen deutsche und französische Museen, in Rückgabefragen zusammenarbeiten zu wollen. Einen ersten symbolischen Akt gab es bereits: Das Stuttgarter Lindenmuseum gab eine Peitsche und eine Bibel an Namibia zurück, die 1896 dem namibischen Volkshelden Hendrik Witbooi geraubt wurden. Die blutigen Auseinandersetzungen mit den deutschen Kolonialherren sind in Namibia nach wie vor im kollektiven Gedächtnis.

Im Wiener Kulturministerium ist die Debatte bislang noch nicht angekommen. Von Ex-Minister Gernot Blümel (ÖVP) waren keine Bemühungen in diese Richtung zu vernehmen, obwohl das hauptbetroffene Wiener Weltmuseum sich dem Thema keinesfalls verweigert. Für Übersetzungsleistungen sorgt indes der Verlag Matthes & Seitz, der Felwine Sarrs Afrotopia, ein Plädoyer für eine afrikanische Kulturrevolution, herausbrachte und jetzt die mit Savoy verfasste Studie auf Deutsch nachlegt. Sie gibt Anlass, über einige Mythen, die zum Thema koloniale Kulturgüter grassieren, aufzuklären:

  • Österreich hatte mit Kolonialismus nichts zu tun.

Die k. u. k. Monarchie besaß zwar keine wirklichen Überseekolonien, war am Handel und Sammeln von Kulturgütern aus aller Welt aber stark beteiligt. Über die Herkunft der Objekte machte man sich keine Gedanken, auch Raubgut befindet sich darunter.

  • Die Debatte ist eine neue und fußt auf Political Correctness.

Wie Felwine Sarr und Bénédicte Savoy in ihrer Studie festhalten, ist die Legitimität von Kriegsbeute bereits seit der Antike umstritten. Cicero etwa hielt sogar den Kauf von Kulturgütern durch einen militärischen Sieger für illegitim. Die aufgeklärten Kreise Europas um 1800 lehnten kulturelle Raubzüge ab. Mit der Dekolonisation erhoben ab 1960 afrikanische Staaten wie Nigeria und Äthiopien erstmals Rückgabeforderungen. Bis in die 1990er-Jahre wurde das ignoriert, seither ändert sich die Sicht. Rückgaben sind noch rar.

  • Viele Güter wurden rechtmäßig erworben, geschenkt, getauscht.

Selbst der Erwerb kann aufgrund damals herrschender Machtgefälle als illegitim erachtet werden. Sarr/Savoy rechnen vor, dass für eine heute im Pariser Musée du quai Branly ausgestellte Maske aus der Region von Ségou im Jahr 1931 sieben Franc bezahlt wurden, was dem damaligen Gegenwert von einem Dutzend Eiern entsprach. Am Markt lag der damalige durchschnittliche Auktionspreis für afrikanische Masken in Frankreich bei 200 Franc, der Rekord gar bei 2300 Franc. Das Beispiel zeigt, dass mit der kulturellen Plünderung Afrikas in Europa Kasse gemacht wurde.

  • Kulturelle Raubzüge gab es überall, nicht nur in Afrika.

Das stimmt, nur ist die Kolonisierung Afrikas ein Sonderfall mit millionenfachem Völkermord und Plünderung in einem Ausmaß, das der Auslöschung kultureller Erinnerung gleichkommt.

  • Die meisten Kulturgüter wären ohne Museen heute verloren.

Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, allerdings werden Kunstobjekte in vielen afrikanischen Kulturen nicht per se für die Ewigkeit hergestellt, sondern oft als Gebrauchsgegenstände mit der Zeit ersetzt. Die Kritik knüpft sich daran, dass durch die massenhafte Entnahme kulturelle Traditionen Afrikas abgeschnitten und somit auch die Weitergabe und -entwicklung afrikanischer Kunst verunmöglicht wurde.

  • Es gibt keine aufnahmebereiten Museen in Afrika.

Sarr und Savoy haben allein in Subsahara-Afrika bis zu 500 aufnahmebereite Museen ausgemacht. Einrichtungen in Südafrika, Mali, Namibia oder im Senegal verfügten schon heute über die nötige Technik und Expertise für eine Aufnahme, in Benin oder Kamerun wird aktuell in die museale Infrastruktur investiert. Viele seien bereit, selbiges zu tun.

  • Museen sind heute universell, Rückgaben in Zeiten der Globalisierung rückwärtsgewandt.

Viele afrikanischen Vertreter, mit denen Sarr und Savoy gesprochen haben, anerkennen die Bemühungen westlicher Museen in den letzten Jahrzehnten, ihre ethnografischen Sammlungen unter Einbeziehung der Herkunftsgemeinschaften zu beforschen. Ebenso stellen sie nicht in Abrede, dass die Objekte auch in der westlichen Kulturgeschichte (siehe Picasso) ihre Spuren hinterlassen haben. Trotzdem wird festgehalten, dass das afrikanische Kulturerbe in Afrika schlichtweg unsichtbar sei. Sarr und Savoy sehen in der Rückgabe von Originalen außerdem einen symbolischen Akt, der die Beziehungen zwischen Europa und Afrika in mehrerlei Hinsicht beflügeln könne.

  • Den Museen des globalen Nordens drohen leere Vitrinen.

Eine Fehlannahme, denn selbst die Befürworter großzügiger Rückgaben wollen, dass afrikanische Objekte in westlichen Museen sichtbar bleiben. Es geht um eine gerechtere Verteilung der Stücke, Leerstellen könnten durch Replikate gefüllt und Objekte – wie teils schon heute üblich – in Rotation geschickt werden. Besucherstarke Gastspiele europäischer Museen in Afrika hätten laut Sarr und Savoy gezeigt, dass das Interesse groß ist. (Stefan Weiss, 22.6.2019)