Die Zinsen in Euro- und Dollarzone sind deutlich gesunken. Das könnte einen neuen Schuldenboom entfachen.

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Wien – An den internationalen Märkten ist einiges in Bewegung geraten. Bitcoin und Gold steigen, Staatsanleihen erleben einen regelrechten Boom. Und das in Zeiten einer nachlassenden Konjunktur. Das wohl wichtigste Indiz der letzten Tage: Staatsanleihen sind gefragt wie nie. Anleger nehmen zunehmend Verluste in Kauf, wenn sie Regierungen Geld borgen. Vergangene Woche sind die Renditen österreichischer Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit erstmals ins negative Terrain abgerutscht. Wenn die Nachfrage nach Anleihen wächst, steigen die Kurse und die Rendite entwickelt sich gegengleich.

Auch in den Niederlanden und Finnland wurde eine ähnliche Entwicklung beobachtet. In Frankreich sind die Renditen auf Null abgesackt, Italien muss Gläubigern für die Aufnahme von Schulden nur noch zwei Prozent bieten. Diese allgemeine Entwicklung lässt sich nun auch in Zahlen gießen. Wie das Institute für International Finance eruiert hat, werfen weltweit Anleihen mit einem Wert von mehr als 12 Billionen Dollar (10,55 Billionen Euro) Negativzinsen ab. Das entspricht fast der dreißigfachen Wirtschaftsleistung Österreichs und stellt einen neuen Rekord dar.

Draghis Ansage

Ausgelöst hat die Entwicklung EZB-Chef Mario Draghi, der vergangene Woche seine Bereitschaft für weitere Interventionen untermauerte: Sollten sich der Ausblick für die Konjunktur nicht verbessern und die Inflation im Euroraum nicht anziehen, seien "zusätzliche Stimuli" erforderlich, erklärte er. Zinssenkungen und eine Neuauflage des mittlerweile beendeten Programms zum Ankauf von Anleihen gehörten zum möglichen Instrumentarium.

Mario Draghi hat Emmanuel Macron einen Gefallen getan. Frankreich muss keine Zinsen mehr für Schulden bezahlen.
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Nach harscher Kritik von US-Donald Trump, wonach Europa den Euro zulasten des Dollars schwächen wolle, signalisierte prompt die amerikanische Notenbank Fed, dass sie die Zinsen senken könnte. Prompt warnten Experten vor einem Währungskrieg, der durch Abwertungen im Gefolge einer noch lockereren Geldpolitik aufziehen könnte.

Immer mehr Risiko

Was dem IIF neben den drohenden Währungsturbulenzen Sorgen bereitet: Die noch tiefer sinkenden Zinsen dürften die Verbindlichkeiten weiter in die Höhe treiben und das Risiko einer Schuldenblase erhöhen. Vor allem Unternehmen sehen Anleihen als günstige Alternative zu Eigenkapital. Eine der Befürchtungen ist, dass viele der aufgenommenen Kredite nicht produktiv für Investitionen eingesetzt worden werden. Vielmehr dienten sie häufig der Finanzierung von Aktienrückkäufen, deren Effekt eine Verschlechterung der Eigenkapitalbasis ist. Stimmt der unternehmerische Erfolg nicht, wird die Rückzahlung der riesigen Anleihenvolumina schwierig. Jedenfalls steigt die Verschuldung immerzu, zuletzt betrug sie 250 Billionen Dollar.

Doch warum geben sich Investoren mit niedrigen oder gar negativen Zinsen zufrieden? Einerseits flüchten sie wegen der sich verschlechternden Konjunktur in als sicher geltende Staatsanleihen. Andererseits kann man auch mit Minus-Renditen Geld machen: Steigen die Anleihenkurse weiter, können sie mit mit Gewinn abgestoßen werden. (Andreas Schnauder, 23.6.2019)

Österreichische Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit sind letzte Woche in den Negativ-Zinsbereich gerutscht.