Auch in Deutschland ist seit Jahren eine Sexualpädagogik unter Beschuss, die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt akzeptiert.

Foto: Reuters / NACHO DOCE

Geht es nach ÖVP und FPÖ, werden in Österreich externe Vereine künftig vom Sexualkundeunterricht an Schulen ausgeschlossen sein. Ein entsprechender Entschließungsantrag wurde vergangenen Dienstag mit den Stimmen der ehemaligen Koalitionspartner beschlossen, am Mittwoch wird im Nationalrat abgestimmt.

Der Antrag sorgt aktuell nicht nur für breiten Protest, nach den Diskussionen rund um die Causa "Teenstar" hatte kaum jemand mit einem solchen Vorstoß gerechnet. "Der Antrag hat uns wirklich alle im Feld überrascht", sagt Barbara Rothmüller. Die Soziologin und Sexualpädagogin ist Mitglied des Vorstands der Plattform Sexuelle Bildung, die gemeinsam mit rund hundert anderen Organisationen vor einer "De-facto-Abschaffung" der Sexualpädagogik in Schulen warnt. Ex-Minister Heinz Faßmann hatte zuletzt die Einrichtung eines Akkreditierungsverfahren für externe Vereine angekündigt, nun streben ÖVP und FPÖ mit deren Verbannung nach einer "Sicherstellung einer weltanschaulich neutralen Sexualerziehung".

Dem Argument der Parteien, dass der Sexualkundeunterricht bei LehrerInnen am besten aufgehoben sei, widerspricht Rothmüller klar. Sexualität mit SchülerInnen quer über alle Fächer hinweg zu besprechen – diesem Auftrag könnten LehrerInnen gar nicht nachkommen, ist die Sexualpädagogin überzeugt. Allzu oft bleibe das Thema auf den Biologieunterricht beschränkt, ein umfassendes Aus- und Weiterbildungsangebot würde in Österreich schlichtweg fehlen. "Außerdem gibt es viele Dinge, über die Kinder und Jugendliche nicht mit ihren LehrerInnen reden möchten", sagt Rothmüller.

Besorgte Eltern

Sexualpädagogik ist indes nicht nur in Österreich zum Politikum geworden. Unter dem Schlagwort der "Frühsexualisierung" steht in Deutschland seit Jahren eine Sexualpädagogik unter Beschuss, die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt akzeptiert. In Frankreich mobilisierten 2013 homofeindliche Kräfte unter dem Dach der "La Manif pour tous" ("Demo für alle") Hunderttausende.

"Das Thema ist ein klassisches Beispiel dafür, wie die extreme Rechte, Konservative und die christliche Rechte inhaltlich zusammenspielen", sagt die deutsche Erziehungswissenschafterin Juliane Lang, die zu Antifeminismus im deutschsprachigen Raum forscht. Wenn von einer Frühsexualisierung die Rede ist, gehe es nur selten tatsächlich um Sexualität, erläutert Lang den rechten Kampfbegriff. Vielmehr stellen sich rechte AkteurInnen gegen eine Sichtbarmachung von Vielfalt, die längst gesellschaftliche Realität ist: Regenbogenfamilien oder Trans-Personen – für "besorgte Eltern" eine Gefahr, die es aus Schulbüchern oder Aufklärungsworkshops zu verbannen gilt. So kam es 2014 im deutschen Baden-Württemberg zu wütenden Protesten, da "Akzeptanz von sexueller Vielfalt" als Leitprinzip in einem neuen Bildungsplan verankert werden sollte.

Dass im Mathebuch nicht nur die Hetero-Kleinfamilie, sondern auch zwei Mütter beim Einkaufen mit ihren Kindern abgebildet sein könnten, trieb reaktionäre ChristInnen und Rechte zu Tausenden auf die Straße. Mit Bannern wie "Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder" marschierte die "Demo für alle" regelmäßig durch Stuttgart.

Trotz der anhaltenden Attacken verabschiedete die rot-grüne Landesregierung einen überarbeiteten Bildungsplan. Was den Rechten dennoch gelungen war: die Debatte zu vergiften. "Offene Debatten um Sexualpädagogik, um eine Politik der Vielfalt werden von christlichen FundamentalistInnen und Rechten de facto nicht gefördert, sondern verhindert", sagt Juliane Lang.

Feministischer Auftrag

Fehlende Gesprächsbereitschaft kennt Barbara Rothmüller auch aus der Praxis. Immer wieder trifft die Soziologin auf Eltern, die Sexualpädagogik grundsätzlich ablehnen – eine inhaltliche Auseinandersetzung sei dann kaum noch möglich. Ein Unwohlsein auf Elternabenden ließe sich hingegen in der Regel rasch ausräumen. "Das interessiert meine Kinder ja noch gar nicht" ist ein Satz, der Rothmüller häufig begegnet. Geduldig erklärt die Pädagogin dann, dass Sexualpädagogik sehr viel mehr umfasst als Geschlechtsverkehr: Kinder sollen in ihrer sexuellen Entwicklung begleitet werden, das Finden einer eigenen Sprache und die Stärkung des Selbstbewusstseins dienen nicht zuletzt der Gewaltprävention.

Aber auch ein lustvoller Zugang zu Sexualität ist Rothmüller enorm wichtig – der gerade bei Mädchen häufig zu kurz komme. Noch immer würden diese vorrangig als Opfer adressiert, Sexualität werde als eine potenzielle Gefahr verhandelt. Und auch die jahrhundertelange Tabuisierung weiblicher Lust hat ihre Spuren hinterlassen. "Mädchen eine positive Haltung zum eigenen Körper zu vermitteln ist eine sehr schwierige Aufgabe. Schon in der Volksschule schreien sie oft ‚wäh‘ und ekeln sich, wenn wir über das weibliche Sexualorgan sprechen", sagt die Sexualpädagogin im STANDARD-Gespräch.

Katholische Netzwerke

Im Vatikan ist man indes mit anderen Fragen beschäftigt. Anfang Juni veröffentlichte die katholische Bildungskongregation ein Dokument, das in katholischen Schulen zur Anwendung kommen soll: Darin wird unter anderem vor "Manipulationen des Körpers nach Belieben" gewarnt – befördert durch die "Gender-Theorie". Nicht zum ersten Mal schießt der Vatikan gegen "Gender" als Konzept, das eine essenzialistische Fassung von Geschlecht infrage stellt, ebenso wie gegen die Akzeptanz geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Der "natürliche" Unterschied zwischen Mann und Frau sei schließlich gottgegeben, wird im Papier betont.

Auch wenn der Einfluss der katholischen Kirche regional sehr unterschiedlich sei: "Klar ist, dass der Vatikan fundamentalistische Netzwerke unterstützt, die in ganz Europa gegen das Recht auf Abtreibung, die Ehe für alle oder gegen Sexualpädagogik mobilisieren", sagt Rechtsextremismusforscherin Juliane Lang. In der ÖVP ist es unter anderem Gudrun Kugler, die in rechtskatholischen Kreisen bestens vernetzt ist – und gemeinsam mit Wendelin Mölzer und Rudolf Taschner den aktuellen Entschließungsantrag zur Verbannung externer Verein einbrachte. Schon 2012 machte Kugler gegen die sexualpädagogische Broschüre "Ganz schön intim" des Vereins Selbstlaut mobil, da darin Homosexualität als gleichwertig mit Heterosexualität dargestellt wird.

Diskursive Macht

Wie erfolgreich die Kampagnen rechter und christlicher Netzwerke sind, zeigte sich in Deutschland anhand des neuen Grundsatzprogramms der CSU. Nicht nur die AfD inszeniert sich als Lobby gegen die vermeintliche Frühsexualisierung, auch die Schwesterpartei der CDU hat den Kampfbegriff, dem jede wissenschaftliche Grundlage fehlt, in ihr Programm aufgenommen. "Eine Gesellschafts- und Bildungspolitik, die Gender-Ideologie und Frühsexualisierung folgt, lehnen wir ab", ist darin zu lesen.

Eine solche Vereinnahmung geschlechterpolitischer Debatten und Begriffe bereitet Juliane Lang Kopfzerbrechen. Selbst der Begriff Gender habe sich mittlerweile zu einem Containerbegriff für Rechte entwickelt: "Darin packen sie alles, was ihnen seit 1968 an gesellschaftlicher Liberalisierung zuwiderläuft", sagt Lang. In Fachkreisen werde daher seit Jahren darüber diskutiert, wie Gender aus feministischer Perspektive rückerobert und mit neuen Inhalten gefüllt werden könne.

Eine ähnliche Entwicklung könnte auch die Debatte um Sexualpädagogik nehmen: Statt mit Themen wie Selbstbestimmung, Lust und gesellschaftlicher Vielfalt wird der Begriff immer häufiger im Zusammenhang mit Indoktrinierung und einer potenziellen Gefährdung des Kindeswohls diskutiert. "Auch wenn es wenige rechte AkteurInnen sind: Sie sind wahnsinnig gut vernetzt und nah an der Macht", sagt die Wiener Sexualpädagogin Barbara Rothmüller. Wenn der Antrag der ÖVP und FPÖ umgesetzt wird – "es wäre ein voller Lobbyefolg der FundamentalistInnen". (Brigitte Theißl, 1.7.2019)