Ihr drohen bis zu 15 Jahre Haft: Carola Rackete, die Kapitänin der "Sea-Watch 3".

Foto: REUTERS/GUGLIELMO MANGIAPANE

Rom – Die Festnahme der "Sea-Watch"-Kapitänin Carola Rackete in Italien hat in ganz Europa empörte Reaktionen hervorgerufen. Mehrere Spitzenpolitiker, darunter die Außenminister Deutschlands und Luxemburgs, Heiko Maas und Jean Asselborn, stellten sich am Wochenende hinter die Kapitänin. Diese rechtfertigte gegenüber der Zeitung "Corriere della Sera" ihre Tat mit dem Schutz von Menschenleben.

Rackete hatte sich in der Nacht auf Samstag über ein Verbot der italienischen Behörden hinweggesetzt und war mit dem Rettungsschiff "Sea-Watch 3" nach tagelanger Irrfahrt durchs Mittelmeer im Hafen von Lampedusa eingelaufen. Sie habe den Hafen angesteuert, weil sie befürchtete, Migranten an Bord könnten ins Meer springen, sagte Rackete der italienischen Zeitung. "Da die Migranten nicht schwimmen können, wäre dies Selbstmord gewesen. An Bord war es bereits zu Selbstverletzungen seitens der Migranten gekommen."

Die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf zeigen sich solidarisch und rufen zu Spenden für die Seenotretter auf.
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Ein Polizei-Schnellboot hatte die Landung zu verhindern versucht. "Eine kriegerische Handlung", bezeichnete Italiens Innenminister Matteo Salvini das Manöver. Die Kapitänin entschuldigte sich für diesen Vorfall. "Ich wollte niemanden in Gefahr bringen, es war ein Fehler bei der Annäherung zum Hafen", sagte die Deutsche.

Bis zu 15 Jahre Haft

Der 31-Jährigen, die sich in Hausarrest befindet, werden Beihilfe zur illegalen Einwanderung sowie die Verletzung italienischer Hoheitsgewässer vorgeworfen. Sie soll am Montag von den ermittelnden Staatsanwälten befragt werden. Ihr drohen bis zu 15 Jahre Haft. 50.000 Euro werden sie und die deutsche NGO Sea-Watch zahlen müssen, weil sie trotz italienischen Verbots einen Hafen in Italien angelaufen hatten.

"Humanitäre Überlegungen können nicht gewalttätige Aktionen gegen die Polizei rechtfertigen, die im Meer für die Sicherheit arbeiten", betonte der Staatsanwalt der sizilianischen Stadt Agrigent, Luigi Patronaggio, der den Haftbefehl für Rackete unterzeichnet und die Beschlagnahme des Schiffes angeordnet hatte.

Vatikan sieht Rettung vorrangig

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Festnahme der deutschen "Sea-Watch-3"-Kapitänin Carola Rackete in Italien kritisiert. Auch wenn es Rechtsvorschriften zum Anlaufen eines Schiffes im Hafen gebe, dürfe von einem Land wie Italien erwartet werden, "dass man mit einem solchen Fall anders umgeht", sagte Steinmeier am Sonntag im ZDF-Sommerinterview.

"Ich glaube, dass Menschenleben auf jeden Fall gerettet werden müssen – egal auf welche Weise", betonte der engste Mitarbeiter von Papst Franziskus, Kardinal Parolin, am Samstagin Potenza. Das Retten von Menschenleben müsse "der Polarstern sein, der uns leitet", so der Kardinal weiter. "Alles andere ist zweitrangig."

Es war die bisher deutlichste Stellungnahme aus dem Vatikan zum Fall der "Sea Watch". Dabei besteht laut "Vaticannews" in Italien "überhaupt kein Zweifel an der Haltung von Papst Franziskus und seinen Mitarbeitern zu Flüchtlingen und Migranten". Immer wieder fordere der Papst zur Aufnahme und Integration von Menschen in Not auf. Dabei vermeidet er allerdings, direkt auf die populistische Politik des Lega-Führers Salvini einzugehen.

Fünf Parlamentarier an Bord

Linksparteien, Gewerkschaften und katholische Verbände haben in Italien eine Kampagne für die Freilassung Racketes gestartet. "Free Carola" lautet der Slogan der Kampagne, die auch massiv auf sozialen Medien geführt wird. Am Samstagabend fand in Rom eine Solidaritätskundgebung mit der Kapitänin statt. Eine in Deutschland gestartete Petition für die Freilassung Racketes hatte am Sonntag bereits über 53.000 Unterstützer.

Fünf oppositionelle Parlamentarier, die sich an Bord der "Sea-Watch 3" befanden, als Rackete trotz Verbots der italienischen Behörden den Hafen Lampedusa ansteuerte, erklärten sich bereit, vor Gericht für die Kapitänin auszusagen. "Wir waren an Bord des Schiffes in den letzten zwei Tagen vor der Landung und sind zur Aussage vor Gericht bereit", so der Parlamentarier der Partei "+Europa", Riccardo Magi.

Prominente Unterstützer

Die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf haben zu Spenden für die Seenotretter der deutschen Hilfsorganisation Sea Watch und ihre in Italien festgenommene Kapitänin Carola Rackete aufgerufen. In einem gut fünfminütigen auf Youtube in der Nacht auf Sonntag geposteten Video zeigten sie sich erschüttert von den Geschehnissen auf der italienischen Insel Lampedusa.

Böhmermann sagte: "Mit den Ereignissen der letzten Tagen hat diese unmenschliche, kaltblütige und skrupellose Politik einen neuen Tiefpunkt erreicht." Sie betonten in einer gemeinsamen Erklärung: "Wer Menschenleben rettet, ist kein Verbrecher." Wie die meisten könnten auch sie nicht persönlich vor Ort im Mittelmeer helfen. "Darum möchten wir spenden und gemeinsam mit euch Geld sammeln." Bis Sonntagvormittag waren bereits mehr als 240.700 Euro gespendet worden.

Luxemburg will Freilassung

Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn forderte seinen italienischen Amtskollegen Enzo Moavero Milanesi in einem Brief zur Freilassung Racketes auf. "Menschenleben zu retten, ist eine Pflicht und sollte niemals ein Delikt oder ein Verbrechen sein", schrieb Asselborn, dienstältester Außenminister der EU. "Im Gegenteil: Jemanden nicht zu retten, ist ein Verbrechen." Auch der Vatikan schien sich hinter die Kapitänin zu stellen. "Menschenleben muss um jeden Preis gerettet werden. Das ist der Polarstern, der uns führt, der Rest ist Nebensache", sagte der vatikanische Staatssekretär Kardinal Pietro Parolin.

In Deutschland forderte die Fraktion der Linken die Regierung am Sonntag auf, sich für die Freilassung Racketes einzusetzen. Außenminister Maas schrieb auf Twitter: "Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden." Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, erklärte, die Festnahme mache ihn "traurig und zornig" und sprach von einer "Schande für Europa". Grünen-Chef Robert Habeck sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), der eigentliche Skandal seien "das Ertrinken im Mittelmeer, die fehlenden legalen Fluchtwege und ein fehlender Verteilmechanismus in Europa".

Vater rechnet mit Entlassung

Der Vater der Kapitänin rechnet mit einer raschen Freilassung seiner Tochter. "Ich gehe davon aus, dass sie gegen Auflagen oder Kaution bis zum Prozessbeginn freikommt", sagte Ekkehart Rackete aus dem niedersächsischen Hambühren dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Er habe am Samstag zuletzt mit seiner Tochter telefoniert, sie sei "lustig und guter Dinge" gewesen. "Sie steht unter Hausarrest in Lampedusa und ist bei einer sehr netten Dame untergebracht", sagte der 73-Jährige weiter. Er sei nicht "in Panik oder voller Sorge" um seine Tochter.

Fünf Länder wollen Flüchtlige aufnehmen

Fünf europäische Länder, darunter Deutschland, hatten am Freitag zugesagt, Flüchtlinge von Bord des Schiffes aufzunehmen. Dennoch hatte die italienische Regierung weiterhin keine Genehmigung zum Anlegen erteilt und erklärt, auf "gesicherte Garantien" zu warten. (APA, 30.6.2019)