"Deine Annahmen sind Fenster zur Welt. Putze sie gelegentlich, damit Licht hereinkommt." Isaac Asimov

Je größer die Katastrophe wird, desto kleiner erscheinen die Alternativen. Welche Katastrophe denn, könnten Sie einwenden, uns geht es doch so gut. Worauf ich erwidern würde, dass wir Bedrohungen zunehmend weniger erkennen, je mehr wir uns ihnen nähern. Unsinn, würden Sie dagegenhalten, es mangelt uns heutzutage doch nicht an Wissen über das, was in der Welt vorgeht. Stimmt das wirklich? Oder helfen uns die vermeintlichen Informationen, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen?

Aus dem Wort "Like" (dt. mögen) wird schnell "Lie" (dt. Lüge): "Wir konzentrieren uns leider bevorzugt auf Informationen, die unsere Meinung stärken."
Foto: Getty Images

Niemand würde ernsthaft behaupten, es sei vernünftig, die Umwelt zu zerstören, und doch geschieht dies weiterhin und verstärkt. Es gibt hierfür nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder wir können die Realitäten nicht erkennen, oder aber wir fahren sehenden Auges auf den Abgrund zu, ohne zu bremsen, ach was, wir drücken auch noch aufs Gas. (Die Zahl der Neuanmeldungen von SUVs ist in den letzten Jahren explodiert, laut einer aktuellen Studie lautet einer der Gründe: "Ich will noch mal, bevor ich nicht mehr darf.")

Wie wir mit Wahrnehmung und Wissen umgehen, in allen Schattierungen und sogar Negierungen, ist eine der entscheidenden Fragen für demokratische Prozesse, aber auch für das eigene Wohlbefinden. Und doch reflektieren wir selten darüber und üben uns noch seltener in möglichen Techniken der individuellen intellektuellen Selbstverteidigung. Wieso eigentlich? Der Umgang mit Information-Overkill und Fake-News, mit Propaganda und Manipulation, mit Einseitigkeit und Eintönigkeit, mit Trolls and Bots will gelernt sein, je früher, desto besser, das Einmaleins jedes Homo politicus, die Fotosynthese, die Individuen in eine starke, lebendige Gesellschaft verwandelt.

Selbstgeschaffenes Ghetto

Beginnen wir damit, dass wir viel zu selten etwas finden, was wir nicht gesucht haben. Die Algorithmen des Internets rühmen sich damit, uns auf den Leib zugeschnittene Angebote unterbreiten zu können, so eng (Superslim-Cut), dass wir inzwischen an geistiger Magersucht leiden.

Wir konzentrieren uns leider bevorzugt auf Informationen, die un-sere Meinung bestärken, und achten weitaus weniger auf das, was unsere Ansichten infrage stellen könnte, sodass die meisten von uns aufgehört haben, Informationen oder Haltungen zu suchen, die sich als unangenehm herausfordernd oder provozierend erweisen könnten. Die Bequemlichkeit des modernen Menschen erstreckt sich auf seinen Informationshaushalt. Einseitige Nachrichten und unterschlagene Tatsachen sind unsere medialen Staubsauger und Spülmaschinen.

Um diese vorsätzliche Blindheit zu bekämpfen, sollten wir unsere vermeintlichen "Feinde" aufmerksam lesen, intellektuelle Überraschungen und Entführungen zulassen. Nur so können wir aus dem selbstgeschaffenen Ghetto ausbrechen, in dem alles, was wir annehmen, täglich lautstark bestätigt wird.

Fakt und Fake: Der Schriftsteller Ilija Trojanow bietet im August in Alpbach ein Seminar zum Thema an.
Foto: Picturedesk

Gewiss, es ist gemütlicher, von Gleichgesinnten umgeben zu sein, aber es führt dazu, dass das Vernünftige unseren Bedürfnissen gemäß maßgeschneidert wird. Und weil es so vorzüglich sitzt, reagieren wir mit Aggression und Wut auf jeden, der uns neu einkleiden will. Bald sind wir dort angelangt, wo das freie Denken in Bierkrügen ertränkt wird: "Mia san mia." Entweder bist du für uns oder gegen uns.

Du musst dich entscheiden. Und sobald man eine Seite gewählt hat, gibt es kein Entkommen mehr. Man wird zum Sprachrohr einer Botschaft. Diese geistige Selbstverstümmelung wird auch noch gepriesen, als "Identität" oder "Zugehörigkeit", zwei Wörter, die sich selbst entlarven, das erste ist "ident", also ewig gleichbleibend, das zweite basiert auf einem wenig schmeichelhaften Kern: "Hörigkeit".

Ident und hörig

Sich einen komplexen Reim auf die Ereignisse zu machen ist anstrengend, aber stets möglich, selbst unter widrigsten Umständen. Das habe ich von politischen Gefangenen gelernt, die im kommunistischen Bulgarien Jahre und Jahrzehnte in Kerkern und Lagern eingesperrt waren. Obwohl sie nur die parteitreuen Zeitungen lesen durften (wenn überhaupt), waren sie laut eigener Aussage selten gut informiert, weil sie gemeinsam zwischen den Zeilen lasen, weil sie die herrschende Rhetorik demontieren und die Verklausulierung der politischen Tatsachen enträtseln konnten. Der Ertrag rechtfertigte den hohen Aufwand.

Unsere Wahrnehmung ist von Natur aus zu limitiert, um sie auch noch zu begrenzen. In einer berühmten US-amerikanischen Studie wurden Probanden gebeten, die Zahl der Pässe in einem Basketballspiel zu zählen (angesichts der Rasanz des Spieles eine Konzentrationsaufgabe). Nach einer Minute wurden sie befragt, ob sie etwas Ungewöhnliches bemerkt hätten. Jeder Zweite verneinte und war höchst erstaunt zu hören, dass mittendrin jemand in einem Gorillakostüm aufs Spielfeld gerannt und in der Mitte stehen geblieben sei, sich auf die Brust geschlagen habe, bevor er weggelaufen sei. Insgesamt war der Gorilla neun Sekunden lang zu sehen gewesen, während die aufmerksamen Betrachter Pässe gezählt hatten. Dieser Befund dürfte weder Zauberer noch Machthaber überraschen. Ablenkung gehört seit je zu ihrem Repertoire.

So unzuverlässig ist unsere Wahrnehmung, dass es geradezu absurd ist, auf seinen eigenen kognitiven Fähigkeiten als dem Goldstandard der Wahrheit zu beharren, wie viele von uns es immer wieder tun ("Ich habe es mit eigenen Augen gesehen"). Sollte uns das Wissen ums eigene Unwissen nicht animieren, Wahrnehmung als vielstimmiges Zusammenspiel zu begreifen, bei dem die eigene bescheidene Weltsicht, bereichert um andere, zu einem vielstimmigen, polyphonen Chor wird?

"Ratgeber"

Das kann natürlich nur geschehen, wenn wir nicht gleich mit unserem Urteil ins Haus fallen, auf Schlagwortkrücken. Wenn jeder Mitbürger und jede Mitbürgerin auf der Stirn all jene Zuweisungen und Beschriftungen trügen, mit denen wir ihre jeweiligen Meinungen und Überzeugungen etikettieren, wir wären schockiert von all den tätowierten Gesichtern. Der größte Etikettenschwindel ist der Gebrauch von Etiketten.

Es gibt keine Abkürzung zur Erlösung, besagt ein altes Sanskrit-Sprichwort. Doch unsere Buchhandlungen sind voller Abkürzungsfibeln, "Ratgeber" genannt, die dem Diktat der Effizienz genügen, indem sie aufzeigen, wie man möglichst aufwandsfrei ein vorgegebenes Ziel erreicht. Schnellkochtöpfe der Wahrheit, Durchlauferhitzer der Weisheit. Allerdings taugen Abkürzungen wenig, wenn man eine nachhaltige Veränderung (an sich selbst, in der Gesellschaft) erreichen will.

Vor Jahren fragte uns der Bootsführer im Okavangodelta in Botswana, ob wir eine Abkürzung nehmen wollten. Wir stimmten zu und saßen zwei Tage im Sumpf fest. Seitdem bin ich allergisch auf die englische Version des Wortes: Shortcut. Abkürzungen versprechen eine Belohnung auf Kosten der Durchdringung und Vertiefung. Sie führen uns in die Irre, denn der Komfort, den sie gewähren, entmutigt uns, nachzufragen, für uns selbst zu denken.

Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, dass das, woran Sie am innigsten glauben, völlig falsch ist. Das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Viele Menschen sind gläubig, und doch könnte es sein, dass Gott nicht existiert.

Viele Menschen sind bereit, für ihr Vaterland zu schreien und zu brüllen, zu toben und zu wüten, aber es gibt gute Argumente, dass die Nation ein reines Konstrukt ist und die Erde besser dran wäre, wenn es keine Nationen gäbe. Und dann überlegen Sie sich, was die beste Lösung wäre, wenn Sie an das Gegenteil glaubten.

Konzentration von Macht

Ein Beispiel: Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Mensch überwiegend gut ist, meine Frau hingegen ist entschieden überzeugt, dass der Mensch durch und durch schlecht ist. Ehegedrungen muss ich ihre Haltung durchdenken. Wenn der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, dann folgt für mich, dass es nichts Schlimmeres und Unsinnigeres geben kann als die Konzentration von Macht in einer Person, denn diese wird die ihr verliehene Macht letztlich missbrauchen, eine anthropologische Konstante.

Aus der Misanthropie ergibt sich paradoxerweise noch entschiedener die Notwendigkeit, jegliche Form von Macht- und Vermögenskonzentration zu unterbinden. Unterschiedliche Überzeugungen zu durchdenken kann zu einer Stärkung der eigenen Schlussfolgerungen führen.

Und schließlich, aber nicht an letzter Stelle: Wir müssen unseren Möglichkeitssinn schärfen. Wer heutzutage sagt "Es geht uns gut", der sagt noch lange nicht "Es wird uns gutgehen". Lieber sentimentalisieren wir die Vergangenheit, als Zukunft zu gestalten, mit träumerischen Mitteln, mit dem Werkzeugkasten der Utopie. Wie Musil einst schrieb: "So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.

Man sieht, dass die Folgen solcher schöpferischen Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig."

Möglichkeitssinn schärfen

Stattdessen hängen wir völlig veralteten gesellschaftlichen Systemen an, die auf Hierarchie, Bürokratie, Effizienz, enge Ziele und billige Anreize vertrauen. Wir müssen lernen, auch das zu sehen, was weiter entfernt von unserer Erfahrung, unserer Gegenwart liegt. Dann könnten wir konkrete Utopien tagträumen, um sie für zukünftige Generationen vorzubereiten, dann könnten wir das momentane Gefühl von Aussichtslosigkeit überwinden.

Ich habe mir sagen lassen, Krav Maga – eine moderne, eklektische Form der Selbstverteidigung aus Israel – sei schwer im Kommen. Viele wollen gewappnet sein für einen möglichen Angriff aus dem Hinterhalt des bedrohlichen Lebens (das übrigens in Mitteleuropa noch nie so sicher war wie heute!).

Höchste Zeit, landauf, landab, Kurse zur intellektuellen Selbstverteidigung anzubieten, in denen nicht Schläge und Tritte, Griffe und Hebel vermittelt werden, sondern die Kunst des freien, vielfältigen und kritischen Denkens. Nur Menschen, die sich ihrer eigenen Widersprüche und Leidenschaften kritisch bewusst sind, können als selbstbewusste, engagierte Bürger und Bürgerinnen eine aktive Basisdemokratie aufbauen.

Wenn schon Tritte, dann bitte in den eigenen, bequemen (verfetteten oder selbstoptimierten) Hintern. (Ilija Trojanow, 6.7.2019)