Das Potenzial zur Verlagerung des Reiseverkehrs von klimaschädlichen Flügen auf die Bahn ist groß, so VCÖ-Experte Markus Gansterer. Die EU-Kommission sollte sich Ziele zur Vernetzung Europas setzen, fordert er im Gastkommentar.

Hotelkosten sparen, entspanntes Langstreckenreisen mit Kindern, Flugangst: Es gibt viele individuelle Argumente für den Nachtreisezug. Eines der wichtigsten Argumente ist mittlerweile der Klimaschutz. Die Nachfrage nach Bahnreisen steigt stark. Schon im Vorjahr wurden 690.000 Sommerurlaubsreisen mit der Bahn gemacht, um über 100.000 mehr als im Jahr davor.

Doch wie ist es um das Angebot von internationalen Bahnverbindungen in Europa bestellt? Besser, als viele meinen. Doch schlechter als nötig, um den Reiseverkehr auf Klimakurs zu bringen.

Bequem von A nach B: Europa braucht ein dichteres Netz an Direktverbindungen.
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Vorrang für Pendler

Acht EU-Hauptstädte sind von Wien per Bahn mit einer Direktverbindung erreichbar. Und innerhalb von 14 Stunden kommt man mit dem Zug in 13 Hauptstädte, wie eine Analyse des VCÖ zeigt. Auch beliebte Reiseziele wie Venedig, Florenz, der Gardasee, Hamburg, Rijeka oder in der Schweiz Bern und Zürich sind sehr gut mit der Bahn erreichbar.

Aber die Direktverbindung ins Zentrum der Europäischen Union, nach Brüssel, wurde vor einigen Jahren gestrichen, ebenso jene nach Amsterdam beziehungsweise Paris. Nach Rom gibt es nur einen Nachtzug. Und obwohl Kopenhagen nur 1100 Kilometer von Wien entfernt ist, dauert die Reise mit der Bahn mehr als 19 Stunden. Der Platz auf der Schiene ist knapp. Und im Zweifel haben – aus nachvollziehbaren Gründen – zusätzliche Angebote für Pendlerinnen und Pendler Vorrang vor internationalen Verbindungen.

Fehler der Verkehrspolitik

Dass Pendlerzüge heute in Konkurrenz zu internationalen Reisezügen stehen, ist die Folge schwerwiegender Fehler und Versäumnisse der europäischen Verkehrspolitik. Anstatt die EU mit einem zukunftsfähigen Bahnnetz auszustatten, wurde die Schieneninfrastruktur in den meisten EU-Mitgliedsstaaten sträflich vernachlässigt. Spätestens im Jahr 2010 hätte der gesamten Verkehrspolitik in der EU klar sein müssen, dass es zwischen den großen Städten Europas optimale Bahnverbindungen braucht. Damals, im April 2010, sorgte der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull für eine mehrtägige Sperre des europäischen Flugraums und löste damit ein Verkehrschaos aus. Doch anstatt die Fehler der Vergangenheit zu beheben und eine europaweite Bahnpolitik umzusetzen, blieb man mit Scheuklappen in den eigenen nationalen Schrebergärten sitzen.

Das Potenzial zur Verlagerung der klimaschädlichen Flüge auf die Bahn ist groß. Acht von zehn Flugpassagieren der heimischen Flughäfen steuern ein Ziel innerhalb Europas an. Rund 40 Prozent der vom Flughafen Wien ausgehenden Flugreisen sind kürzer als 800 Kilometer. Mit dem Nachtzug werden in Europa durchschnittlich 800 bis 1500 Kilometer bewältigt.

Endlich ins Tun kommen

Topdestinationen wie Frankfurt, Berlin, Zürich, Paris oder Amsterdam liegen in Distanzen, die für Bahnreisen gut geeignet sind.

Europa braucht ein Netz an Direktverbindungen zwischen den großen Städten. Die EU-Kommission sollte sich ein klares Ziel setzen: Jede EU-Hauptstadt und jede Stadt mit mehr als 250.000 Einwohnerinnen und Einwohnern soll grenzüberschreitend optimal mit der Bahn erreichbar sein.

Wo die Fahrtzeit mehr als sechs Stunden beträgt, sind direkte Nachtzugverbindungen anzubieten. Wo das nicht möglich ist, wie etwa im Falle Londons, soll das Ziel mit höchstens einmal Umsteigen in eine gesicherte Anschlussverbindung erreichbar sein.

Schneller ans Ziel

Durch den Ausbau des Hochgeschwindigkeitsschienennetzes kann die Bahn auch punkto Reisezeit mit dem Flugzeug mithalten, umso mehr, als die Bahnhöfe im Unterschied zu den Flughäfen zentral liegen. Und während bei Bahnreisen der Anteil der nutzbaren Zeit im Zug – etwa zum Lesen, Arbeiten oder um mit den Kindern zu spielen – hoch ist, wird gerade bei kürzeren Flügen viel Zeit am Flughafen mit Anstellen und Warten verschwendet. Von den zunehmenden Verspätungen und Flugausfällen gar nicht zu reden.

Ja, Flugtickets sind oft billiger als Bahntickets. Das liegt aber vor allem auch daran, dass der Flugverkehr für seinen Treibstoff Kerosin keine Mineralölsteuer bezahlt und Flugtickets von der Mehrwertsteuer befreit sind (siehe "Preiskampf zwischen Himmel und Erde", DER STANDARD, 11.7.2019). Diese beiden Steuergeschenke summieren sich laut Studie der EU-Kommission auf rund 70 Milliarden Euro pro Jahr.

Eine Buchungsplattform

Die Bahnunternehmen sind gefordert, das Bahnfahren innerhalb Europas so einfach wie möglich zu machen. Dazu zählt auch eine einheitliche europaweite Buchungsmöglichkeit. Tickets für Zugverbindungen innerhalb Europas sollen von allen Bahnunternehmen gegenseitig verkauft und durchgebucht werden.

Immer mehr Haushalte in den europäischen Großstädten sind autofrei. Um diese urbane Zielgruppe fürs Bahnfahren gewinnen zu können, braucht es gute Anreisemöglichkeiten. Eine jüngst veröffentlichte repräsentative Umfrage in der Schweiz hat übrigens gezeigt, dass sich ein Viertel der Schweizer Bevölkerung eine Nachtzugreise nach Österreich vorstellen kann. Das Tourismusland Österreich ist also gut beraten, auf EU-Ebene auf die massive Verbesserung der grenzüberschreitenden Bahnverbindungen zu drängen. (Markus Gansterer, 15.7.2019)