"Wie kommt man dazu, wegen sexueller Frustration und Ablehnung haufenweise Waffen zu sammeln und vier Menschen zu töten, die man nicht einmal kennt?" Diese Frage stellen sich Dan und Kelli Cooper, die Eltern von Katherine Cooper, die im Mai 2014 von Elliot Rodger erschossen worden ist. Der 22-Jährige wollte eigentlich in das Gebäude einer Studentinnenverbindung im kalifornischen Isla Vista eindringen und deren Mitglieder erschießen. Weil ihm das nicht gelang, schoss er stattdessen auf Mitglieder einer anderen Verbindung in der Nähe. Dass ihre Tochter vielleicht den Preis dafür bezahlt hat, dass 50 oder mehr Frauen heute noch leben, bleibt dem Ehepaar als einziger Lichtblick für ihren schweren Verlust.

Rodgers Amoklauf lenkte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ein neues, großteils im Internet gewachsenes Phänomen – die sogenannten Incels. Der Begriff ist eine Kurzform für "Involuntary Celibates", also unfreiwillig zölibatär lebende Männer. Darunter wahrgenommen werden besonders jene, die aufgrund ihrer empfundenen oder erlebten Ablehnung einen ausgeprägten Hass auf Frauen entwickelt haben. Sie frequentieren Foren mit Namen wie Sluthate. In den folgenden Jahren ist es immer wieder zu weiteren Bluttaten durch Incels gekommen. Eine BBC-Dokumentation – "Inside The Secret World of Incels" – hat nun die Welt erforscht, in die manche Männer abrutschen, die sich von Frauen und der Gesellschaft abgelehnt fühlen.

Die BBC-Dokumentation "Inside The Secret World of Incels".
david linville

Fall Rodger leitete Wende ein

Zur Sprache kommt in der Dokumentation auch Kaitlyn Regehr, eine Expertin für Digitalkultur. Sie erforscht, ob aus Gewaltaufrufen und -fantasien im Netz reale physische Gewalt werden kann. Denn immerhin sind die Incel-Fälle dafür starke Indizien. In einigen Foren ist "Vergeltung" an den Frauen, die sie zurückweisen und das ihnen gefühlt zustehende Recht auf Sex negieren, ein stets präsentes Thema.

Regehr sieht im Fall Rodger eine Wende – von einer Gemeinschaft, die ihrem Hass nur online freien Lauf lässt, hin zu tatsächlichen Gewalttaten. Zu sehen sind auch zahlreiche Beispiele von Videos, Postings und Memes, die sich auf den Amokläufer von Isla Vista beziehen, den einige als Helden oder gar als "heiligen St. Rodger" verehren. "Der Incel-Aufstand hat begonnen. All hail Elliot Rodger", schrieb Alek Minassian zum Abschied, bevor er im April 2018 aus ähnlichen Motiven zehn Menschen in Toronto tötete.

Elliot Rodger in seinem Abschiedsvideo.
Foto: AP

Männlicher "Lockvogel"

Beleuchtet werden auch andere Personen aus der Incel-Community. Etwa der "Catfishman" ("Lockvogel-Mann"), der sich auf Datingplattformen mit fremden Fotos als männliches Model ausgibt, Dates mit Frauen vereinbart, um sie beim Treffen dann zu "konfrontieren" und dabei zu filmen. Ausschnitte zeigen, wie er die Frauen bedrängt und beschimpft, wofür er laut seiner Aussage online gefeiert wird. Gewalt antun wolle er den Frauen nicht, erklärt er, es gehe ihm darum, sie zu "enttarnen".

Als drittes Beispiel porträtiert man "Matt", einen New Yorker, der sich ebenfalls als von der Frauen- und Beziehungswelt ausgestoßen sieht. Er versucht, dem Gegenpol in der Incel-Gemeinde eine Stimme zu geben. Nicht alle Incels seien Frauenhasser oder in einer psychisch prekären Lage, sagt er. Er selbst freue sich für Paare auf der Straße, auch wenn ihr Anblick ihn auch immer wieder etwas schmerze. Seiner Ansicht nach hätten viele Incels einfach nur Schwierigkeiten mit Schüchternheit und täten sich schwer beim Daten. Für ihn seien Incel-Foren vor allem ein Unterstützungsnetzwerk, das auch ein Stück Geborgenheit bietet. Man könne dort gemeinsam über Einsamkeit sprechen und fühle sich mit seinen Problemen nicht allein.

Er verheimlicht allerdings nicht, dass es auch "dunklere Ecken" in dieser Gemeinde gibt. Jene Foren, in denen über Gewalttaten, Straffreiheit für Vergewaltigung oder staatlich bezahlte Freundinnen für einsame Männer sinniert wird. Auch nach Matts Ansicht handelt es sich dabei um Orte der Indoktrination, wo sich gegenseitig hochschaukelnde Mitglieder eines Tages vielleicht wirklich ihren Hass und Frust mit Gewalt entladen.

Der Nordire "Just James" spricht über die Zielsetzung seines Youtube-Kanals.
Just James

Dunkle Filterblase

Aufnahmen von oder Memes über misogyn motivierte Taten werden in solchen Foren immer und immer wieder gepostet, erklärt Regehr. Das könne auf Dauer zu einer Normalisierung solcher Gewalt führen. Sie gibt zu bedenken, dass es aber nicht nur um die gefühlte Zurückweisung durch Frauen geht, sondern um den Eindruck, von der Gesellschaft insgesamt ausgeschlossen zu sein.

Die Dokumentation geht auch auf Entwicklungen innerhalb von Incel-Communitys ein. Als Beispiel führt man "Lookmaxing" ein, den Versuch, das eigene Aussehen zu optimieren – durch Training, Ernährung, Hormontherapien und operative Eingriffe –, um "männlicher" und attraktiver für Frauen zu wirken.

"Es gibt immer Hoffnung"

Der 31-jährige Nordire James gibt Einblick darin, wie er in seiner "dunkelsten Phase" einen Song in Gedenken an Elliot Rodger verfasst hatte, ehe er begann, sich seinen seelischen Belastungen zu stellen. "Wenn man psychische Probleme hat, muss man mit jemandem reden", sagt er heute. "Es gibt immer Hoffnung." Er selbst spricht heute in Youtube-Videos über seine Erfahrungen und Situation.

Damit, hofft er, könne er vielleicht anderen Verzweifelten einen Anhaltspunkt bieten. Die BBC hat kürzlich auch einen Text von ihm veröffentlicht. Von der Dokumentation hat er sich im Nachhinein allerdings distanziert, da sie seiner Ansicht nach verzweifelten Menschen nur noch mehr Verzweiflung bescheren würde und er sich nicht korrekt wiedergegeben sieht. Kritik übt er zudem an der darauffolgenden Berichterstattung durch Boulevardblätter wie die "Daily Mail".

Just James

Auswege

"Wir sprechen nicht genug über den Einfluss unserer technologischen Kultur auf unsere psychische Gesundheit", befindet Regehr abschließend. Und so denke man oft nicht darüber nach, dass am anderen Ende der Leitung vielleicht eine Person sitzt, die sich einsam und ausgegrenzt fühlt und vielleicht einmal unwiderruflich in ein "dunkles Loch" abrutscht.

Eine Ansicht, die auch Katie Coopers Eltern teilen. Wenn jemand wie Rodger erkannt hätte, dass andere ihm eine Stütze für Phasen von Frust und Einsamkeit sein können und dass Taten wie jene von Elliot Rodger für niemanden nichts zum Besseren verändern, wäre ihre Tochter vielleicht noch am Leben. (red, 17.7.2019)