Es braucht mehr Adipositasforschung und ein Umdenken beim medizinischen Personal, fordert Anita Drexler, die sich für die Akzeptanz von Körpervielfalt engagiert, im Gastkommentar.

Seit Jahrzehnten gilt Adipositas als eine der großen Herausforderungen des Gesundheitssektors: Die WHO und die OECD sprechen von einer "Epidemie", die Reduktion von Hochgewicht steht ganz oben auf der Prioritätenliste. Dabei ist die Deklarierung von Adipositas als Krankheit unter Expertinnen und Experten umstritten. Aktivistinnen und Aktivisten wiederum kritisieren die Pathologisierung dicker Körper, weil sie Stigmatisierung dicker Menschen Tür und Tor öffnet. Trotz der Prominenz des Themas mangelt es an umfassender Aufklärungsarbeit und Grundlagenforschung.

Zu wenig Bewusstsein herrscht etwa darüber, dass der Körperfettanteil eines Menschen nicht unbedingt Aufschluss über Lebensstil und Gesundheit gibt. Auch, dass es den "gesunden Dicken" gibt, wie aus den Fat Studies, einer aus den USA stammenden Wissenschaftsströmung, seit Jahren bekannt ist, gilt hierzulande meist noch als Mythos – selbst bei medizinischem Fachpersonal. Die Erforschung dieses Themas weist jedoch zunehmend in diese Richtung.

Eine großangelegte dänische Studie kam im Jahr 2016 etwa zu dem Schluss, dass Menschen mit einem Body-Mass-Index von 27 – ab einem BMI von 25 gilt man als übergewichtig – am langlebigsten sind. Auch die Annahme, dass hohes Körpergewicht automatisch mit Komorbiditäten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergeht, ist nicht korrekt. Matthias Blüher vom Universitätsklinikum Leipzig etwa verortet den Anteil an Adipositaspatientinnen und -patienten, die vor den traditionell mit Adipositas assoziierten Begleiterkrankungen geschützt sind, bei etwa 20 Prozent. Für diese Gruppe könne eine forcierte Gewichtsabnahme sogar gesundheitliche Nachteile haben. Hier gilt: Wichtiger als der Gewichtsverlust sei ein möglichst gesunder Lebensstil.

Stressreduktion statt Diäten

Gewicht ist weniger relevant für die Gesundheit als bisher vermutet – das zeigen auch empirische Daten der klassischen Adipositastherapie. Laut der deutschen Verhaltensforscherin Anja Hilbert pendle sich der Gewichtsverlust nach solchen medizinischen Interventionen, die auf eine Mischung aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie setzen, langfristig bei durchschnittlich nur zwei bis drei Kilogramm ein. Warum sie dennoch zu einer deutlichen Verbesserung des Gesundheitszustands führen, ist wie vieles in der Adipositasforschung noch ungeklärt.

Der Lübecker Hirnforscher Achim Peters hat eine eigene Theorie entwickelt. Seine langjährigen Studien zeigen, dass viele der Begleiterkrankungen, die bislang der Adipositas zugeschrieben wurden, ihre Ursache in anhaltendem Stress haben. Höheres Gewicht habe sogar eine positive Auswirkung auf die Cortisolausschüttung; Stressvermeidung ist laut Peters daher gesundheitsfördernder als die Reduktion des Gewichts. Hier schließt sich der Kreis zur US-amerikanischen "Health at Every Size"-Bewegung, einem Teil der Fat Studies. Auch diese verfolgt einen holistischen Ansatz, der vor allem auf die Reduktion negativer psychologischer Faktoren abzielt.

Gewicht ist weniger relevant für die Gesundheit als vermutet.
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Schuldzuweisungen kontraproduktiv

Dass Dicksein nicht allein durch zu viel Essen und zu wenig Bewegung entsteht, ist der Forschung längst bekannt. Bereits eine 2007 erschienene Studie des britischen Government Office for Science weist auf eine multikausale Matrix aus Veranlagung, Verhalten und äußeren Einflüssen hin. Auch endokrinologische Erkrankungen spielen eine Rolle.

Da es im Zusammenhang mit Hochgewicht massiv an Aufklärungsarbeit fehlt, hält sich die Mär vom faulen, unmäßigen Dicken jedoch hartnäckig. Dazu kommen teilweise klassistisch motivierte Stereotype. Zwar gilt als erwiesen, dass in reichen Industrienationen besonders finanzschwache Menschen mit Hochgewicht kämpfen. Ob diese Gruppe tatsächlich über wenig Ernährungswissen verfügt, sich kaum bewegt oder inwiefern psychische, durch Armut bedingte Faktoren sich auf ihre Gesundheit auswirken, ist so gut wie nicht erforscht.

Besonders folgenreich sind bestehende Vorurteile, wenn sie zu herabwürdigendem Verhalten dicker Menschen durch medizinisches Personal führen. Dies führt dazu, dass hochgewichtige Menschen lieber ganz auf Untersuchungen verzichten. Wie stark dieses Problem in Österreich ist, dazu fehlen statistische Erhebungen – Studien für Deutschland und die USA deuten jedoch auf ein weitverbreitetes Problem hin.

Verbreitete Selbststigmatisierung

Daneben spielt auch Selbststigmatisierung eine entscheidende Rolle: So wehren sich hochgewichtige Personen vergleichsweise selten gegen Diskriminierungen, da sie ihren Körper selbst als Problem wahrnehmen. Ein Mangel an Anlaufstellen und gesetzlich verankertem Diskriminierungsschutz trägt zur Verschärfung der Situation bei.

Seitens des öffentlichen Gesundheitsmanagements herrscht jedenfalls starker Handlungsbedarf. Die Schuld einseitig – etwa bei den Dicken selbst oder der Ernährungsindustrie – zu suchen greift zu kurz. Es gilt, eine flächendeckende Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie den Abbau von diskriminierenden Strukturen und gesellschaftlichen Ressentiments zu forcieren. (Anita Drexler, 19.7.2019)