Die mächtige Kohleindustrie bekam durch die unerwartete Wiederwahl der konservativen Regierung wieder Aufwind.

Foto: Reuters/Mundoz

Australien trägt weitaus mehr zum globalen Klimaproblem bei, als die konservative Regierung glauben machen will. Zu diesem Schluss kommt eine neue Untersuchung. Wenn die Verschmutzung durch die Exporte seiner fossilen Brennstoffe berücksichtigt würde, sei Australien mit seinen nur 25 Millionen Einwohnern für fünf Prozent der globalen Emissionen verantwortlich, so die von der Australian Conservation Foundation (ACF) in Auftrag gegebene Studie. Diese Zahl könnte wegen des geplanten Ausbaus der Kohle- und Gasindustrie bis 2030 auf bis zu 17 Prozent steigen. "Wir werden zu einer Emissionssupermacht", so ACF-Sprecher Gavan McFadzean.

Kohle und Gas

Nach den Regeln der Klimabuchhaltung, die den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) in einem Land erfasst, ist Australien für etwa 1,6 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Diese Zahl wird von der australischen Regierung gerne als "Beweis" dafür zitiert, dass das Land nur marginal zum globalen Klimaproblem beitrage. Die vom Wissenschafts- und Politikinstitut Climate Analytics aufgestellte Analyse ergab jedoch, dass mehr als doppelt so viele Emissionen – nämlich weitere 3,6 Prozent – dazukommen, wenn die Kohle-, Öl- und Gasexporte Australiens mitberücksichtigt werden. Das Land fördert fast 30 Prozent der Kohle und mehr als 20 Prozent des auf den Weltmärkten gehandelten Gases. Die Exporteinnahmen aus diesen Branchen stiegen im vergangenen Geschäftsjahr auf über 117 Milliarden australische Dollar (73.5 Milliarden Euro).

Laut ACF ist Australien dank des starken Fokus auf fossile Brennstoffe auf dem besten Weg dazu, zu einem der größten Verursacher der globalen Klimakrise zu werden. Das Land habe vorerst noch "Glück, dass viele unserer Emissionen anderswo gezählt werden", nämlich in den Exportländern, so Sprecher McFadzean. Das bedeute aber nicht, "dass wir nicht für sie verantwortlich sind".

Mächtige Industrie

Die unerwartete Wiederwahl der konservativen Regierung im Mai hat der politisch einflussreichen Kohleindustrie neues Leben eingehaucht. Mindestens sechs große Kohleminen könnten in den kommenden Jahren realisiert werden, allen voran eine vom indischen Rohstoffgiganten Adani geplante "Supermine". Auch Projekte für verflüssigtes Erdgas (LNG) könnten deutlich zum Anstieg der globalen Emissionen beitragen. Australien konkurriert mit Qatar als führendem Anbieter von verflüssigtem Erdgas.

Der Ausbau der Kohle- und Gasindustrie steht im Widerspruch zum Bekenntnis Australiens zu den Zielen des Pariser Abkommens von 2015, die globale Erwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten und die Bemühungen fortzusetzen, sie auf 1,5 Grad zu begrenzen. Um die Ziele zu erreichen, müssten laut Wissenschaftern die Emissionen durch fossile Brennstoffe weltweit rasch ihren Höhepunkt erreichen und danach schnell sinken. Die globalen Durchschnittstemperaturen sind bereits um etwa ein Grad höher als bei Beginn der Industrialisierung.

Die Klimaziele Australiens sind bescheiden: Es will die Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2005 nur um 26 Prozent reduzieren – zu wenig, um einen ernsthaften Beitrag zum globalen Klimaschutz zu leisten, warnen Wissenschafter. Die Regierung meint zudem, das Ziel selbst dann einhalten zu können, wenn die Kohleindustrie und der Konsum von Kohle zur Stromerzeugung weiter ausgebaut werden. Forscher widersprechen. Australien wolle durch die Übernahme von CO2-Emissionsrechten aus dem Kyoto-Protokoll versuchen, einer realen, einschneidenden Reduktion seiner Emissionen auszuweichen. Länder, die die Kyoto-Ziele überschritten haben, dürfen den Überschuss bei der Berechnung ihrer Emissionen im Rahmen des späteren Pariser Abkommens berücksichtigen. Kritiker sprechen von einem "buchhalterischen Trick".

Kritik aus Brüssel

Die EU kritisierte im Rahmen jüngster Klimaverhandlungen die Politik Australiens. Brüssel wies darauf hin, dass das Land seine Nettoemissionen zwischen 2013 und 2030 erhöhen werde: "Australien steigert auch seine Kohleproduktion, allem voran für den Export." Kritiker meinen, nur eine Drohung der Union, Pläne für ein Freihandelsabkommen mit Australien aufs Eis zu legen, könne Canberra zu glaubwürdigem Klimaschutz zwingen.

Bisher stößt dort Kritik aus dem Ausland auf taube Ohren. Angus Taylor, für Emissionsminderung zuständiger Minister, meinte sogar, Australien trage maßgeblich zum globalen Klimaschutz bei, weil es Flüssiggas exportiere. Es verdränge in den Exportmärkten die noch klimaschädlichere Kohle. Energieanalysten dagegen sagen, es gebe wenig Beweise dafür, dass australisches verflüssigtes Erdgas Kohle ersetze. Zudem sei Gas nur unwesentlich "klimafreundlicher" als Kohle. (Urs Wälterlin, 21.7.2019)