Am ersten Handelstag zeigte sich der Star Market tiefrot – im offiziell noch immer kommunistischen China werden steigende Notierungen rot dargestellt und fallende grün.

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Rekordverdächtig war bereits der erste Handelstag an Chinas neuer Technologiebörse Star Market in Schanghai. Insgesamt 25 Unternehmen, hauptsächlich aus Zukunftsbranchen wie Computerchips, Software oder Biotechnologie, verzeichneten am Montag im Durchschnitt Kursgewinne von 140 Prozent. Bereits im Vorfeld hatte sich ein Kavaliersstart im Börsenhandel abgezeichnet: Die Nachfrage übertraf die zum Kauf angebotenen Aktien um das 1700-Fache.

Ermöglicht wurde dieser fulminante Start auch durch die vergleichsweise laxen Anforderungen an die Börsenkandidaten. Anders als in anderen Handelssegmenten wird am Star Market etwa der Ausgabepreis einer Aktie durch Angebot und Nachfrage und nicht durch staatlichen Vorgaben festgesetzt. Als Folge konnten die 25 Börsenneulinge dank der immens hohen Nachfrage durch ihre Aktienemissionen mit umgerechnet 5,4 Milliarden Dollar um rund ein Fünftel mehr von Anlegern einstreifen als erwartet.

Früh zu Kapital verhelfen

Aufstrebenden Technologiefirmen früh zu weiterem Wachstumskapital zu verhelfen war auch eines der erklärten Ziele für die Gründung des Star Market. Vorbild ist die US-Technologiebörse Nasdaq, die 1971 gestartet war, der weltweit erste elektronische Handelsplatz, wo etwa seit 1997 auch die Amazon-Aktie gelistet ist. Sobald die 30. Firma am Star Market gelistet ist, soll für das Handelssegment auch ein eigener Aktienindex errechnet werden. Angekündigt wurde das Vorhaben von Präsident Xi Jinping im November als Teil des größeren Plans, die Stadt Schanghai zu einem internationalen Finanzzentrum wie New York oder London zu entwickeln.

Auf lange Sicht gilt es zudem als Schachzug, mit dem etliche verlorene Söhne wie der Amazon-Rivale Alibaba oder der Internetriese Tencent wieder zurück ins Reich der Mitte geholt werden sollen. Diese hatten ihre Börsengänge nämlich an den Finanzmetropolen New York oder Hongkong durchgezogen. Oder anderen großen Technologiekonzernen wie der Alibaba-Tochter Ant Financial, der Börsenambitionen nachgesagt werden, einen attraktiven Handelsplatz in China für einen Börsengang bieten zu können.

Warten auf vernünftige Preise

Dazu muss der Star Market freilich erst den Kinderschuhen entwachsen und nach dem turbulenten Start in ruhigeres Fahrwasser geraten – was noch eine Weile dauern dürfte. "Ich werde nicht so bald am Star Market tätig werden," sagt etwa Qu Shaohua von der Investmentfirma Acroguardian zu Bloomberg. "Mit Kursen auf solchen Niveaus wird der Markt eine längere Zeit brauchen, um die derzeitigen Bewertungen zu verdauen und an vernünftigere Preise anzupassen."

Tatsächlich weckt das Treiben am ersten Handelstag des Star Market böse Erinnerungen an die Technologieblase der 1990er-Jahre, die rund um die Jahrtausendwende mit einem lauten Knall geplatzt war. Schon die Ausgabepreise der 25 Börsenneulinge am Star Market lagen im Mittel bei einem ambitionierten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 53 – was bedeutet, dass die Aktienpreise dem 53-Fachen der derzeitigen Jahresgewinne der Firmen entsprechen. Zum Vergleich: An der Nasdaq liegt der Wert derzeit bei vergleichsweise moderaten 24 und an anderen chinesischen Handelsplätzen bei 33.

Böse Erinnerungen

"Es wird zu Anfang wohl starke Schwankungen geben", sagt Chris Zwermann von Zwermann Financial. In den nächsten Wochen werde die Spreu vom Weizen aussortiert, dann könne der Markt stabil laufen. Das wird der Star Market wohl auch müssen, soll ihm ein Schicksal wie jenes des vor rund zehn Jahren gestarteten Wachstumssegments ChiNext in Shenzhen erspart bleiben: Nach etlichen Betrugsskandalen dümpeln die Kurse derzeit etwa 60 Prozent unter den Höchstständen vor sich hin. Und auch der außerbörslichen Handelsplattform The New Board kehrten Investoren und Unternehmen ebenfalls schnell den Rücken. (Alexander Hahn, 23,7,2019)