Siebenundsiebzig Billionen Euro verbergen sich hinter nur drei Buchstaben: BIP. Das ist die Summe der Bruttoinlandsprodukte aller Länder im Vorjahr. Jedes verkaufte Auto oder Eis, jeder Haarschnitt sowie jede Bypassoperation von Australien bis Zypern sind darin enthalten. Wenn die Wirtschaftsforscher wie zuletzt für Europa und China verkünden, dass die Wirtschaft um 0,1 beziehungsweise 0,2 Prozentpunkte langsamer wächst als bisher erwartet, verpuffen Milliarden Euro unseres erhofften Wohlstands.

Das BIP ist der wichtigste Wohlstandsindikator. Doch wirft es auch einen langen Schatten. Umwelt und Zufriedenheit kommen zu kurz, sagen Kritiker.
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Angesichts dieser Dimensionen ist nachvollziehbar, dass Politik, Medien und Unternehmen diese Kennzahl obsessiv im Auge behalten. Skeptiker der BIP-Fixierung stellen jedoch infrage, ob wir damit messen, was wirklich wichtig ist.

Blinde Flecken

Dabei ist die Kritik am BIP so alt wie der Indikator selbst, sagt einer, der es wissen muss: Der Ökonom Martin Kocher sitzt vierteljährlich in seiner Funktion als IHS-Chef mit seinem Kollegen, dem Wifo-Chef Christoph Badelt, vor den Kameras und verkündet im Rahmen der Konjunkturprognose das aktuelle und erwartete BIP-Wachstum.

Einige Schwächen liegen für Kocher auf der Hand: Hausarbeit, Pflege oder Kindererziehung fließen nicht in das BIP ein, es sei denn, man bezahlt jemand Dritten dafür.

Problematischer als blinde Flecken sind versteckte Kosten, die das BIP scheinbar positiv beeinflussen. Eine Fabrik, die einen Fluss mit Chemikalien verpestet, trägt zur Wirtschaftsleistung genauso bei wie derjenige, der das Gewässer wieder reinigt. Ähnlich verhält es sich mit dem Verkauf von Rüstungsgütern, die eventuell eingesetzt werden, um Verwüstung anzurichten. Zerstörung scheint somit im BIP positiv auf.

Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Ein Putztrupp, der einen Ölteppich aufwischt, oder ein Chirurg, der Soldaten wieder zusammennäht, gibt sein Gehalt beim Friseur aus, kauft Schuljausen für den Nachwuchs und zahlt Steuern. Was in der Berechnung nicht erfasst wird, sind die alternativen Einsatzmöglichkeiten für engagierte Reinigungskräfte und talentierte Ärzte, hätten sie nicht Schäden behoben. Die einen hätten vielleicht die Uferpromenade schön hergerichtet, die anderen ein Unfallopfer gerettet. Im BIP geht es rein um Quantität, nicht um Qualität.

Gravierend ist dieses Manko, wenn BIP-Wachstum langfristige Schäden in der Umwelt hinterlässt. Die Treibhausgase aus dem letzten Jahrhundert tragen zum Klimawandel im laufenden bei. Was tun?

Neue Indikatoren gesucht

Weil das BIP nicht mit Wohlstand und schon gar nicht Wohlbefinden gleichzusetzen ist, gibt es viele Versuche, alternative Indikatoren zu etablieren. Forscher versuchen etwa Kosten des Wirtschaftens wie CO2-Emissionen, Abholzung und Verschmutzung vom BIP abzuziehen. Ein "grünes BIP" umfasst demnach nur jene Wirtschaftsleistung, die nachhaltig ist.

Ergänzend versuchen Ökonomen festzustellen, ob neben Wachstum und Nachhaltigkeit auch die Lebensqualität in Zahlen gegossen werden kann. So ist eine Reihe von Mischindikatoren wie der Index der menschlichen Entwicklung (HDI) der Vereinten Nationen entstanden. Darin werden neben dem BIP pro Kopf auch Bildungschancen und Lebenserwartung berücksichtigt.

Bisher konnte jedoch kein alternatives Maß das BIP vom Thron stürzen. Das hat seine Gründe, wie IHS-Chef Kocher erklärt: Die Zusammensetzung von gemischten Indikatoren enthalte immer eine gewisse politische Wertung. Das BIP sei immerhin "einigermaßen objektiv". Ein weiterer Vorteil sei, dass das BIP pro Kopf mit fast allen alternativen Indikatoren einhergehe. Wer mehr Wohlstand erlangt, lege mehr Wert auf eine intakte Umwelt.

Viele Kritiker des BIP stört weniger die Berechnung als vielmehr die Fixierung auf dessen stetes Wachstum. In einer Welt endlicher Ressourcen fahren wir irgendwann gegen die Wand, sagen Vertreter der Postwachstumsbewegung. Die Ökonomin Ann Pettifor, Beraterin des britischen Labour-Chefs Jeremy Corbyn, verkörpert eine radikale Abwendung vom BIP-Wachstum als wirtschaftspolitischem Leitmotiv.

Wachstum war nicht immer alles

Gegenüber dem STANDARD schildert sie ihre Nachforschungen zum Ursprung des Wachstumsbegriffs. Anfang der Sechzigerjahre hätte die OECD das Konzept vom BIP-Wachstum populär gemacht. "Davor sprachen wir nie von Wirtschaftswachstum, sondern von unterschiedlichen Niveaus ökonomischer Aktivität", sagt die Volkswirtin. "Wir sollten von dem Wachstumsbegriff wieder wegkommen, wenn wir nachhaltig wirtschaften wollen." In der Praxis sollte das Niveau der Beschäftigung, der Produktion und der Inflation hervorgehoben werden. Ziel sollte sein, diese stabil zu halten, statt nach ewiger Steigerung zu trachten. Als Rahmen müsse ein fixes CO2-Budget dienen, schlägt Pettifor vor.

Dem widerspricht der US-Ökonom Tyler Cowen vehement: "Exponentielles Wachstum ist wirklich wichtig." Man stelle sich vor, die USA wären jährlich zwischen 1870 und 1990 um nur einen Prozentpunkt langsamer gewachsen – dann hätten die Amerikaner am Ende der Periode den gleichen Lebensstandard wie die Mexikaner gehabt, argumentiert er. Man solle zwar das BIP um Nachhaltigkeit und Lebenszufriedenheit erweitern, doch im Kern ist Cowen überzeugt: "Wirtschaftswachstum, richtig verstanden, wird mehr zur Reduktion von Armut und sozialen Verbesserungen beitragen als traditionelle Gleichmacherei."

Fest steht, das BIP ist noch nicht out. Damit verhalte es sich analog zur Demokratie, resümiert Kocher: "Das BIP ist ein schlechtes Maß, aber es ist das beste, das wir haben, um die Wirtschaft auf einen Wert herunterzubrechen." (Leopold Stefan, 29.7.2019)