Rund 40 Prozent der Menschen, deren Asylantrag 2016 anerkannt wurde, haben laut Arbeitsmarktservice aktuell eine Beschäftigung.

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Die Zahlen klingen auf den ersten Blick ausgesprochen gut. Das Arbeitsmarktservice (AMS) sieht sich Monat für Monat an, wie gut die Integration von anerkannten Flüchtlingen und subsidiär Schutzberechtigten in Österreich funktioniert. Von jenen Menschen, die 2015 in Österreich Asyl erhielten und beim AMS gemeldet waren, arbeiteten im Juni 2019 immerhin 44 Prozent. Das sagt aber noch nichts darüber aus, wie viele Menschen, die im Rahmen der großen Fluchtwelle im Herbst 2015 nach Österreich gekommen sind, bereits einen Job haben.

Viele Asylverfahren ziehen sich nämlich über Jahre hin, besonders bei Afghanen dauert der Prozess lange. Wer also im Herbst 2015 gekommen ist, hat daher meist erst viel später Klarheit darüber, ob er bleiben kann oder nicht.

Konjunktur hilft

Doch selbst das ändert am erfreulichen Gesamtbild zunächst wenig. Von den Menschen, die erst 2016 in Österreich Asyl erhielten, haben derzeit nämlich 39,8 Prozent Arbeit. In dieser Gruppe ist die Beschäftigung sogar schneller gestiegen als unter Menschen, die 2015 Asyl erhielten. Ähnlich erfreulich verläuft übrigens die Entwicklung unter Menschen, die 2017 Asyl zuerkannt bekamen.

Ex-Kanzler Kurz setzte auf eine Kürzung der Fördermittel für Deutschkurse.
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AMS-Chef Johannes Kopf sagte in der ZiB 2 am Sonntag, dass seine Erwartungen übertroffen worden seien. Eine Faustregel lautet, dass es in Industrieländern fünf Jahre dauert, bis die Hälfte der anerkannten Flüchtlinge einen Job findet. In Österreich dürfte dieser Wert bei den erwähnten Gruppen laut Kopf übertroffen werden.

"Zweischneidige Sache"

Aber bedeutet das bereits, dass die Integration der Betroffenen geglückt ist? Experten sind sich einig: Nein, so einfach ist es nicht. "Eine rasche Integration in den Jobmarkt ist eine zweischneidige Sache", sagt der Migrationsexperte der Industriestaatenorganisation OECD, Thomas Liebig. Wenn sich Geflüchtete selbst erhalten können, sich am Arbeitsmarkt entfalten und einbringen, ist das für die ganze Gesellschaft vorteilhaft.

Nachteilig ist, wenn Flüchtlinge schnell in Jobs für Niedrigqualifizierte gedrängt werden. Wenn eine Rezession kommt, sind diese Menschen nämlich im Regelfall die Ersten, die ihre Arbeit verlieren. "Das ist deshalb schlecht, weil die Flüchtlinge schlechtere Wiedereinstiegschancen haben als Einheimische, da sie die Sprache nicht so gut beherrschen und oft niedriger qualifiziert sind", sagt Liebig. Erst dann auf Nachschulungen zu setzen sei meist schon zu spät, weil Schulungen Zeit in Anspruch nehmen.

Schlecht bezahlte Jobs

Wie ist die Lage in Österreich? AMS-Chef Kopf sagt, dass es so aussieht, als ob Flüchtlinge vor allem in schlechter bezahlten Jobs unterkommen. Aktuelle Zahlen gibt es dazu zwar nicht. Aber eine Studie des International Centre for Migration Policy Development, einer internationalen Organisation mit Sitz in Wien, hat gezeigt, dass es in der jüngeren Vergangenheit so war.

Afghanen – hier ein Bild aus einem Förderprogramm in Deutschland bei Ford – erhalten vielfach nur Hilfsarbeiterjobs.
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Im Zuge der Untersuchung wurden 2016 rund 1.200 Flüchtlinge in Österreich befragt, die meisten kamen aus Syrien und Afghanistan. Ein Drittel jener, die erwerbstätig waren, gab an, als Hilfsarbeitskräfte zu arbeiten, die meisten als Küchenhilfen und Reinigungskräfte. Die mittleren monatlichen Nettoeinkommen lagen bei vollzeitbeschäftigten Geflüchteten bei 1.300 Euro. Unter allen Vollzeitbeschäftigten in Österreich lag dieser Wert deutlich darüber, bei rund 2.300 Euro.

Mittel gekürzt

Die türkis-blaue Regierung hat die extra für Integrationsmaßnahmen vorgesehenen Mittel beim AMS massiv gekürzt. Laut Kopf trägt das dazu bei, dass Geflüchtete schneller am Jobmarkt unterkommen, dafür aber weniger von Qualifizierungsmaßnahmen profitieren.

Eine Auswertung des AMS zeigt, in welchen Branchen die Flüchtlinge Arbeit finden: Bei Syrern und Afghanen ist das vor allem in der Gastronomie und im Tourismus sowie im Handel der Fall. Viele Syrer schaffen den Sprung in die Industrie. Oft arbeiten die Menschen auch bei Personalleasingfirmen: Wohin die Geflüchteten vermittelt werden, lässt sich nicht sagen. Nur ganz wenige Flüchtlinge, unter Syrern gerade einmal 0,4 Prozent oder 36 Personen, unter Afghanen gerade einmal 0,8 Prozent, arbeiten in der Landwirtschaft.

Dabei hatte die blaue Sozialministerin Beate Hartinger-Klein darauf gedrängt, die Vermittlung von Flüchtlingen zu landwirtschaftlichen Betrieben zu forcieren – obwohl sowohl die Branche selbst als auch Experten das für wenig aussichtsreich hielten.

Soziale Aspekte

Dass sich wie eingangs erwähnt Geflüchtete, die 2016 anerkannt worden sind, schneller am Jobmarkt integrieren als jene, die 2015 gekommen sind, kann laut AMS-Chef Kopf mehrere Gründe haben. Möglich ist, dass sich Menschen in der Community gegenseitig helfen, also bereits früher angekommene Syrer, Afghanen oder Iraker die Neuankömmlingen bei der Jobsuche mit ihrem bereits erworbenen Wissen über Österreich unterstützen. Für wahrscheinlicher hält Kopf allerdings, dass die wirtschaftliche Entwicklung dafür verantwortlich ist: Österreichs Konjunktur läuft erst seit 2016 wieder richtig rund.

Judith Kohlenberger vom Institut für Sozialpolitik der WU Wien macht schließlich auf noch einen Punkt aufmerksam: Einen Job zu haben sei natürlich extrem wichtig. Aber nur wer auch sozial und kulturell in die österreichische Gesellschaft eingebunden sei, sei auch vollständig integriert. Die Messbarkeit dieser Faktoren sei aber ungleich geringer, weil hier nicht einfach ein Indikator herangezogen werden kann. Eine umfassende aktuelle Studie zu dem Thema liege noch nicht vor. (András Szigetvari, 30.7.2019)