Im Gastkommentar widmet sich Lateinamerika-Experte Gerhard Drekonja-Kornat der politischen Lage in Brasilien, der aktuellen Konterrevolution und dem Kampfruf "A Amazônia é nossa" – ein geopolitischer Schwachsinn.

Ein Blick durch verkohlte Baumfragmente auf die Reste der einst "grünen Lunge" bei Boca do Acre.
Foto: REUTERS/Bruno Kelly

Der britische "Economist", vor einer Dekade mit der als Rakete aufsteigenden Christusstatue auf dem Titelbild Herold des damaligen brasilianischen Wunders, zeichnete Anfang August auf dem Cover eine verdorrende Amazonas-Wüste und rief zur "Totenwache" auf.

Dass es um Amazonien inzwischen traurig steht, wissen wir alle aus den Berichten von Ökologen, denn in der "grünen Hölle" darf neuerdings wieder hemmungslos gewildert werden. Noch bösartiger: Unmittelbar nach der Warnung aus London entließ Präsident Jair Messias Bolsonaro Ricardo Galvão, den Direktor des hochprofessionellen nationalen Weltrauminstituts Inpe, das für die Überwachung des riesigen Regenwaldes zuständig ist. Kündigungsgrund: Der Inpe-Direktor habe im neuesten Halbjahresbericht "lügnerische Angaben" über die fortschreitende Entwaldung gemacht. Parallel mussten die meisten Leiter der bundesstaatlichen Messinstitute demissionieren.

Es lässt sich nicht verheimlichen: Die Rodungen in Amazonien, während der Jahre der Präsidentschaft Lula da Silvas und Dilma Rousseffs (2003–2016) deutlich eingebremst, nahmen inzwischen wieder stark zu, weshalb unter der gierigen Knute der Modernisierer vor allem die rund 400 indigenen Völker der Amazonas-Region leiden.

Verräterische braune Flecken

Der Schreiber dieser Zeilen, verblüfft ob der Obsession der brasilianischen – in urbanen Metropolen lebenden – Elite mit Amazonien, versuchte lange, deren Logik zu verstehen. Manches war in einer Frühphase durchaus sinnvoll. Zum Beispiel in den 1970ern der Bau der Transamazônica: ein riesiges Entwicklungsprogramm einer Ost-West-Straße quer durch den Regenwald. In der damaligen Debatte ging es um Raum und Ressourcen, die, als vernünftige These, Dritte-Welt-Staaten nutzen sollten.

Damals flog ich zum ersten Mal von Bogotá nach São Paulo, eine später mehrfach wiederholte Strecke, wobei stundenlang der schwarz-grüne Teppich des Regenwaldes vorbeizog. Damals noch keine Spur von verräterischen Braunflecken, die Brandrodung angezeigt hätten.

Als ich einen Teil dieser Strecke noch einmal im vergangenen Herbst flog, gaben Nebel und Regen keine Sicht frei. Hätte ich Rodungen sehen können? Meine Kollegen von der Universität São Paulo trösteten mich mit einer überdimensionalen Projektion von Amazonien des Inpe-Instituts: Ökologische Verbrechen scheinen rostrot auf. Es gibt genug davon.

Brasiliens Konterrevolution

Tatsächlich geschieht die Entlaubung vor allem im Süden, Südosten und Osten des Landes, abseits von transkontinentalen Flugrouten. Neuerdings gerät auch der Nordosten in den Rodungsbereich, weil die vor Venezuelas Präsident Nicolás Maduro Flüchtenden bei den Brasilianern Ackerland herausquetschen wollen.

Solch kartografische Nachhilfe zeigt: Noch immer ist viel Regenwald da. Aber er schrumpft – siehe die Inpe-Verlustzahlen, die der brasilianische Präsident als Lügen denunziert.

Warum tut Bolsonaro das? Erstens, weil er als Militär, der er tatsächlich war, denkt. Als die Ingenieure seinerzeit die Transamazônica quer durch den Regenwald walzten und sich internationale Proteste aus dem Ausland meldeten, kam der Kampfruf "A Amazônia é nossa" auf. Amazonien gehört uns Brasilianern, und wir müssen es erschließen, denn nur so kann es gegen ausländische Feinde, die immer in leere Räume eindringen wollen, verteidigt werden! Solch geopolitischer Schwachsinn zieht immer noch.

Heute kommt, Grund zwei, das Klassenkämpferische hinzu, wobei der aus dem Nichts kommende Bolsonaro der Elite den Weg ebnet. Denn Brasiliens herrisches Großbürgertum sah sich angesichts der quasirevolutionären Maßnahmen der linken Lula-Rousseff-Jahre in seiner Machtstellung gefährdet. Deswegen muss die alte Dominanz, die auf Industriemodernisierung baute, um zusätzliche Aktivitäten erweitert werden. Diese finden sich in den großagrarischen Exporttätigkeiten, wofür Amazonien alles bietet: Rodung für Holz, Viehzucht, Fleisch, Soja, Getreide, Erze, Stahl, Energie et cetera. Diese sichern alte, dominante Positionen nicht nur ab, sondern perpetuieren sie. Und Präsident Bolsonaro beseitigt die lästigen ökologischen Restriktionen aus den zwölf "linken" Jahren der Lula-Rousseff-Zeit.

Heute fällt der alten, wenn auch ungemein tüchtigen Oligarchie vorerst niemand in den Arm. Luiz Ruffato, als Aufsteiger aus dem vielfarbigen Proletariat von São Paulo heute einer der sprachmächtigsten Vertreter der engagierten Literatur in Brasilien, erzählte im Mai in Berlin im Rahmen der dortigen Demokratie-Lectures von der aktuellen brasilianischen Konterrevolution, die rückgängig machen will, was unter Lula und Rousseff gelang, nämlich an die 30 bis 40 Millionen Brasilianer aus der Armut in die aktive Gesellschaft aufsteigen zu lassen. Deswegen hat diese äußerst bösartige Bourgeoisie, von Ruffato als "perverse weiße Minderheit" gegeißelt, via Bolsonaros Dekrete viel davon kippen lassen. Denn wo käme man denn hin, wenn Universitäten, Shopping-Malls, feine Restaurants, internationale Flüge, Kreditkartenökonomie et cetera allen offenstünden?

Globale Besitzansprüche

Präsident Bolsonaro, selbst ein Aufsteiger, bedient solche Ressentiments der weißen Bourgeoisie mit dem Zurückdrehen all dieser gesellschaftlichen Fortschritte. Infolge der unerwarteten Wirtschaftsflaute nach 2014 gelang dies auch weitgehend. Jetzt ist man dank Bolsonaros willfähriger Bösartigkeit auch dabei, die restriktionsfreie Kontrolle über Amazonien, als zweite Achse der Exportwirtschaft, zurückzugewinnen.

Aber zurück zum Kampfruf "A Amazônia é nossa": Gehört Amazonien tatsächlich ausschließlich dem Brasilien der "perversen weißen Oberschicht"? Natürlich nicht. Indianische Völker erheben Anspruch auf bedeutende Abschnitte des Regenwalds. Jäger, Fischer, Nüssesammler und prekäre Bauern leben dort. Und vor allem die Nachbarstaaten, die beträchtliche Anteile an Amazonien halten, wollen mitreden. Denn je mehr abgeholzt oder durch Brandrodung zerstört wird, desto launischer verhält sich das Klima. Dürreperioden stellen sich ein und schädigen ganz Südamerika.

Noch dazu: Alle Staaten auf dieser Erde, die ökologisch denken und ökologisch zu handeln beginnen, legen großen Wert auf die Erhaltung dieser fantastischen "grünen Lunge", die die Weichen für das Weltklima stellt.

Druckmittel Mercosur

Wenn dem so ist, argumentieren Brasiliens Nationalisten, dann mögen die Industriestaaten, die in früheren Jahrhunderten eigene Wälder zerstörten und Karst hinterließen, für die ökologische Intaktheit Amazoniens, bitte schön, zahlen, und zwar ordentlich! Tatsächlich existiert bereits ein Amazonas-Sparkonto, in das Deutschland, Norwegen und andere – bescheidene – Summen einzahlen. Auch Österreich hat seinerzeit, unter Bundeskanzler Franz Vranitzky, für ähnliche Fonds einhundert Millionen (Schilling) freigemacht.

Gibt es noch eine Chance? Ja, wenn wir nur wollen! Gerade der Mercosur-Freihandelspakt zwischen der Europäischen Union und dem südlichen Lateinamerika, mit Brasilien als wichtigstem Teilnehmer, nach zwanzig Verhandlungsjahren nun endlich bereit für eine Zustimmung der europäischen Parlamente – auch Österreichs Stimme zählt -, bietet Möglichkeiten: Freihandel nur unter Einhaltung der Auflagen für die zukünftige Amazonas-Nutzung.

Wir alle können Bolsonaros Bösartigkeiten stoppen! Sollte Europa diese historische Chance verspielen, die amazonischen Gottheiten würden uns nichts mehr verzeihen. (Gerhard Drekonja-Kornat, 28.8.2019)