Hitzige Debatten um die HET gab es in der Vergangenheit schon viele, nun gibt es eine neue Studie.

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Bei Frauen, denen eine Hormonersatztherapie (HET) verschrieben wurde, ist das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, doppelt so hoch wie bisher angenommen. Zudem kann Brustkrebs eine direkte Folge der HET sein. Das ist das Ergebnis einer nun im medizinischen Fachjournal "Lancet" veröffentlichten Studie. Dafür wurden die Daten von 108.000 Frauen mit Brustkrebs verglichen, die an 58 Studien weltweit teilgenommen hatten. Die Ergebnisse berücksichtigen erstmals Tumore, die bis zu 20 Jahre nach Beendigung der HET entdeckt wurden.

Bereits in früheren Studien konnte ein direkter Zusammenhang zwischen HET und einem erhöhten Brustkrebsrisiko festgestellt werden. Bislang gingen Forscher aber davon aus, dass nach dem Absetzen der Medikamente die Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs wieder in etwa gleich ist mit der einer Frau, die keine HET erhalten hat.

Die "Lancet"-Studie widerlegt nun an diese Annahme. Das Erkrankungsrisiko sei laut den Studienautoren doppelt so hoch wie bisher gedacht. Sogar mehr als zehn Jahre nach Beendigung der HET bleibt das Brustkrebsrisiko erhöht – wie stark, hängt von der Dauer der vorherigen Verwendung ab. Konkret zeigte sich, dass eine von 50 normalgewichtigen Frauen, die eine Östrogen-Gestagen-Kombitherapie erhalten hatten, über einen Zeitraum von fünf Jahren an Brustkrebs erkrankt. Wird ausschließlich Östrogen eingenommen, ist eine von 200 Frauen betroffen.

Ein Jahr ungefährlich

"Ein gewisses erhöhtes Risiko besteht auch noch nach der Beendigung der HET", sagt die Co-Autorin der Studie, Valerie Beral von der Universität Oxford, an der die Untersuchung durchgeführt wurde. Unter Einbeziehung dieses Aspekts ist das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, laut Beral doppelt so hoch wie bisher angenommen.

Die Studie zeigte auch: Je länger eine Frau die Medikamente einnimmt, desto höher ist ihr Risiko. Durch die Einnahme der HET über einen Zeitraum von einem Jahr oder weniger dürfte sich das Risiko allerdings nicht erhöhen. Bei einer 50-jährigen Frau, die nie eine HET eingenommen hat, liegt das Risiko für Brustkrebs bei 6,3 Prozent. Nimmt eine Frau die Medikamente für fünf Jahre, steigt dieser Wert auf 8,3 und nach zehn Jahren auf 10,3 Prozent, so die Forscher – ein Anstieg des Risikos um 63 Prozent. Die HET ist die direkte Ursache für fünf Prozent der Brustkrebserkrankungen, sagt Mitautor Richard Peto von der Universität Oxford.

Die Wissenschafter betonen, dass sie keine allgemeinen Empfehlungen abgeben wollen, raten Frauen aber, die HET für höchstens fünf Jahre einzunehmen. In Europa erhalten etwa sechs Millionen Frauen eine HET, in den USA sind es rund sechs Millionen. Lag die durchschnittliche Einnahmezeit um das Jahr 2000 noch bei zehn Jahren, ist sie aktuell auf fünf Jahre zurückgegangen.

"Risiken falsch dargestellt"

Die Risiken der HET seien bisher "weitgehend falsch dargestellt worden" – nämlich viel geringer, als sie in Wahrheit sind –, sagt Peto. Man wolle nicht übermäßig alarmieren, aber auch nicht übermäßig beruhigen, so der Wissenschafter. Er rät Frauen, mit ihrem Arzt über die Vor- und Nachteile einer Behandlung zu sprechen.

Die Hormonersatztherapie beruht darauf, die in den Wechseljahren einsetzenden Änderungen des Hormonhaushalts durch künstliche Gabe von Östrogenen und Progesteron auszugleichen. Damit sollen die bei vielen Frauen mit den Wechseljahren einhergehenden Beschwerden, etwa Schweißausbrüche, Schlafstörungen und Hitzewallungen, gelindert werden. Doch kein Medikament ist völlig risikofrei. In Österreich nehmen einer Umfrage des Pharmaunternehmens Gynial zufolge, 13 Prozent der Frauen, die gerade im Wechsel sind, eine Form der Hormontherapie gegen die Beschwerden ein.

"Mediziner sollten die Ergebnisse dieser Studie berücksichtigen, aber auch einen vernünftigen Ansatz für das Management von Wechseljahrsbeschwerden verfolgen. Das heißt, die Risiken und Vorteile einer HET sind für jede Frau sorgfältig abzuwägen", schreibt Joanne Kotsopoulos vom kanadischen Women's College Hospital in einem Kommentar zu der Studie. (red, 30.8.2019)