Eine Art nahöstlichen Schaukampf – ritualisiert, aber mit ernsthafter Verletzungsgefahr – lieferten sich Israel und die Hisbollah am Wochenende: Die libanesische Schiitenmiliz griff, wie von ihrem Chef Hassan Nasrallah zuvor präzise angekündigt, militärische Ziele auf der israelischen Seite der Grenze an; Israel, das darauf vorbereitet war, schoss auf der libanesischen Seite Felder in Brand – und ließ ansonsten der Hisbollah erst einmal den PR-Erfolg, tatsächlich getroffen zu haben.

Beide Seiten scheinen darin übereinzustimmen, dass diese Runde damit beendet ist. Ihr war der "Drohnenkrieg" vorangegangen: Am 24. August hatte Israel im Süden von Damaskus eine Basis der iranischen Revolutionsgarden bombardiert und dabei zwei Libanesen getötet, die einen Angriff mit Drohnen auf dem israelischen Teil des Golan geplant hatten. Fast zeitgleich dazu hatten in der libanesischen Hauptstadt Beirut zwei Drohnen Hisbollah-Gebäude im Visier: Erst später hieß es, eine Anlage, die mit der Herstellung von Präzisionsraketen der Hisbollah zu tun hat, sei in die Luft geflogen, offenbar nicht von selbst.

Der Chef der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah Hassan Nasrallah.
Foto: AP/Hussein Malla

Von dem, was da wirklich vorgeht, weiß man nur einen kleinen Teil. Der Schlagabtausch zwischen Israel und dem Iran und seinen Klienten, zu dem auch diese Episode gehört, läuft auf vielen Ebenen ab, und nur wenig davon wird sichtbar. Zu den hunderten israelischen Angriffen auf Iraner und die Hisbollah in Syrien sind zuletzt jene auf Iran-freundliche schiitische Milizen im Irak gekommen. Der Zweck ist stets der gleiche: zu verhindern, dass über den Korridor zwischen Iran und dem Libanon, der über den Irak und Syrien läuft, noch mehr und bessere Waffen zur Hisbollah gelangen.

Entlastung für die Hisbollah

Die Aufrüstung der Hisbollah ist ein Kollateralschaden des Kriegs in Syrien, der sowohl den Iran als auch die Hisbollah dorthin gebracht hat. Israel konnte die Entwicklung nicht verhindern, höchstens eindämmen. Der Preis für eine echte militärische Auseinandersetzung mit der Hisbollah wäre für Israel inzwischen sehr hoch.

Aber auch Hisbollah-Chef Nasrallah ist nicht kriegslustig. Er ist einerseits den strategischen Überlegungen des Iran unterworfen, in denen im Moment sogar Gespräche mit den USA unter Donald Trump vorkommen dürften. Das kann sich wieder ändern, aber im Moment ist es, abseits aller Ideologie, sogar eine Entlastung für die Hisbollah: Der Libanon befindet sich nämlich in einer so katastrophalen Lage, dass Nasrallah, gleich wie viele Verwundungen er Israel zufügen würde, nicht als Kriegsheld, sondern als jener dastünde, der den Libanon in den Abgrund gerissen hat.

Nicht umsonst griff Premier Saad Hariri auf der Höhe der Krise zum Telefon, um die USA und Frankreich um Vermittlung zu bitten. Am Montag danach musste er den "wirtschaftlichen Notstand" des Landes ausrufen.

Die libanesische Regierung – in der auch die Hisbollah sitzt – sucht verzweifelt nach Stabilisierungsmöglichkeiten, damit die dem Libanon bei der Geberkonferenz vor eineinhalb Jahren in Paris zugesagten 11 Milliarden Dollar endlich fließen können. Es ist überflüssig, zu sagen, was ein Krieg bedeuten würde. Auf dem Programm steht vielmehr die Beruhigung der Beziehungen zu Israel – die es zum Beispiel ermöglichen würde, ohne Gefahr eines neuen Konflikts die Gasvorkommen vor der Mittelmeerküste auszubeuten. Das alles wäre möglich, wenn der Iran nicht dazwischenfunken würde. (Gudrun Harrer, 3.9.2019)