Die Gewerkschaften organisieren Suppenküchen während vor der Zentralbank gegen den Sparkurs von Argentiniens Präsident Mauricio Macri protestiert wird.


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Ungute Erinnerungen an schlimme Krisenzeiten wurden wach, als Argentiniens Präsident Mauricio Macri am Wochenende Kapitalkontrollen einführte. Damit musste die auf ein Rekordtief gefallene Landeswährung Peso gestützt werden, doch die Panik in der Bevölkerung und bei Investoren hinsichtlich einer Staatspleite wurde nur bestärkt. Die Börsen rasselten talwärts.

Bei der Bevölkerung steigt unterdessen der Unmut. In Buenos Aires demonstrierten am Mittwoch zehntausende Argentinier gegen die rasant steigenden Lebensmittelpreise. Bei der von verschiedenen sozialen Gruppen organisierten Kundgebung vor dem Ministerium für soziale Angelegenheiten im Zentrum der Millionenmetropole wurden vor allem Hilfen für arme Bevölkerungskreise gefordert.

Die Organisatoren der Proteste kündigten an, die Menschen würden solange Ministerium zelten, bis ihre Forderungen nach Hilfen für arme Bevölkerungsgruppen erfüllt sind.
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Die Szenen erinnern an Argentiniens große Krise vor 17 Jahren. Damals schoss die Armut in die Höhe, und soziales Elend hinterließ tiefe Narben. Droht sich die Geschichte zu wiederholen? Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Krise in Argentinien.

Frage: Was sind die Anzeichen für eine Wirtschaftskrise?

Antwort: Seit 2018 steckt Argentinien in einer Rezession – die Wirtschaft schrumpft. Als Folge stieg die Arbeitslosenrate, zuletzt erreichte sie ein Zehnjahreshoch. Die Preise schießen durch die Decke: Mit mehr als 55 Prozent hat Argentinien eine der höchsten Inflationsraten weltweit. Die Landeswährung Peso verlor gegenüber dem Dollar die Hälfte an Wert. Gleichzeitig ist der Staat hochverschuldet. Seit Beginn der Rezession sind die Verbindlichkeiten um ein Drittel gestiegen.

Frage: Wie hat sich die Lage zuletzt verschärft?

Antwort: Die angespannte Situation eskalierte, nachdem der amtierende Präsident Macri bei Vorwahlen am 11. August den linken Oppositionskandidaten Alberto Fernández und und dessen Vize, Ex-Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, unterlegen war. Internationale Investoren befürchten einen Kurswechsel an der Regierungsspitze. Der Peso fiel weiter, und die Börsen krachten. Der Leitindex in Buenos Aires, Merval, verlor nach Macris Wahlschlappe 30 Prozent und zuletzt weitere elf Prozent als Rektion auf die Devisenkontrollen. Alle drei großen Ratingagenturen stuften die Bonität des Landes mittlerweile in den unteren Ramschbereich herab.

Warteschlangen vor den Banken: Die Menschen in Argentinien fürchten um ihre Ersparnisse.
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Frage: Wie reagierten die Bürger?

Antwort: Immer wieder bilden sich lange Schlangen vor den Bankschaltern. Die Menschen hoffen darauf, ihre Guthaben zu beheben und in sichere Werte wie den Dollar zu tauschen. Die Regierung begrenzte den erlaubten Wechsel auf 10.000 Dollar – besser als nichts, denken sich viele. Außerdem sind Exporteure gezwungen, Dollar, die sie für ihre Waren erhalten, in Peso umzutauschen. Obwohl diese Maßnahmen den offiziellen Kursabsturz der Landeswährung aufhielten, fiel deren Wert auf dem Schwarzmarkt weiter. Ein klares Indiz, dass viele Argentinier das Vertrauen in den Peso verlieren.

Frage: Was bereitet den globalen Investoren Sorge?

Antwort: Der amtierende Präsident hat die Wirtschaft liberalisiert: Unter Macri fielen die Zölle, der Peso wurde frei handelbar, und Kapitalverkehrskontrollen verschwanden. Auch war ihm gelungen, einen langjährigen Streit mit Gläubigern beizulegen, der das Land gelähmt hatte. All das lockt Investoren an, ermöglicht aber auch ihre rasche Flucht. Von einer Rückkehr zu einem Regime der linken Peronisten erwarten die Gläubiger keine Besserung der wirtschaftlichen Lage. Dafür wächst die Furcht, dass der Staat pleitegeht und seine Verbindlichkeiten nicht begleicht.

Frage: Wieso konnte der bei Investoren so beliebte Macri die Krise nicht verhindern?

Antwort: Trotz seiner wirtschaftsliberalen Reputation unternahm Macri wenig gegen den Schuldenberg, den die Vorgängerregierung hinterlassen hatte. Die notwendigen Sparmaßnahmen hätten viele Wählerschichten getroffen. Macri ging die Sache langsam an. Argentiniens Gläubiger verziehen ihm den zaghaften Ansatz, weil sie befanden, dass zumindest der Kurs stimme. Doch im Vorjahr wurden mehrere Schwellenländer, wie die Türkei und Argentinien, durchgebeutelt. Die Zinsen in den USA stiegen und lockten somit Investoren zurück, die zwischenzeitlich auf der Suche nach höheren Renditen riskantere Staatsanleihen gekauft hatten. Plötzlich sah sich Macri mit einer Währungskrise konfrontiert, auf die das Land nicht vorbereitet war.

Frage: Welche Rolle spielt der Internationale Währungsfonds?

Antwort: Wann immer ein Staat in Richtung Pleite schlittert, kommt der IWF zu Hilfe. So auch 2018 in Argentinien: Mit einem Rekordkredit von 57 Milliarden Dollar griff der Fonds dem südamerikanischen Land unter die Arme. Wie man in Europa aus der Eurokrise weiß, sind diese Pakete an Reformauflagen geknüpft, die den Staatshaushalt in Ordnung bringen sollen. Der Sparstift musste gezückt werden. Das ärgert direkt Betroffene und schadet während eines Abschwungs dem Wirtschaftswachstum, wie Kritiker betonen. So kam es zu dem Denkzettel für Macri bei den Vorwahlen.

Frage:Wird das Land pleitegehen?

Antwort: Das lässt sich nicht sagen. Wer wetten will: Seit 1816 war Argentinien achtmal insolvent. (Leopold Stefan, 5.9.2019)