Werden Frauen im Führungskontext anders bewertet als Männer? Offenbar.

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Jede dritte Führungskraft in Österreich, die mindestens einen Mitarbeiter hat, ist weiblich. Das zeigte eine repräsentative Sora-Umfrage im Juli.

Eine aktuelle Befragung aus den USA spielt den Frauen in die Karten. Die Beratungsfirma Zenger/Folkman hat auf der Basis der Aussagen von 3876 Männern und 4779 Frauen untersucht, wie sie die Wirksamkeit von Führungskräften bewerten. Das Ergebnis: Trotz kleiner Unterschiede werden Chefinnen in 17 von 19 abgefragten Dimensionen als kompetenter eingeschätzt als Chefs.

Ehrlicher als Männer

So schnitten sie deutlich besser ab, wenn es darum geht, die Initiative zu ergreifen, psychisch widerstandsfähig zu sein und sich selbst und andere weiterzuentwickeln. Ebenfalls seien sie ergebnisorientierter, integrer und ehrlicher als ihre männlichen Kollegen. Die Befragten sagten auch, dass Chefinnen Mitarbeiter mehr inspirieren und motivieren, mutiger führen und besser mit Veränderungen umgehen können. Auch würden sie besser Probleme lösen, im Team arbeiten und kommunizieren als Männer.

Das Ergebnis, schreiben die beiden Berater in der Harvard Business Review, schließe auch traditionell männliche Bereiche wie IT, Management und Recht ein.

Tuulia Ortner ist Psychologin an der Uni Salzburg und beschäftigt sich dort auch mit Frauen in Führungspositionen. Die Befragung ließe sich auf zweierlei Weise interpretieren: "Entweder schneiden Frauen in führungsrelevanten Dimensionen etwas besser ab, weil sie etwa als Minderheit höheren Druck verspüren, sich zu behaupten und mehr zu leisten." Oder: "Dass Chefinnen das Gleiche machen wie Chefs, aber von außen anders bewertet werden, weil man an sie andere Erwartungen stellt oder sie unterschätzt." Jene Eigenschaften, in denen Chefinnen besser bewertet wurden, stehen für Ortner für weniger hierarchische Führungsstile. Führen Frauen also anders? "Das wird seit den 90er-Jahren postuliert, aber die Forschungen zeigen nur kleine Effekte. Real verhalten sich Männer und Frauen viel ähnlicher als oft angenommen." Vielleicht ließe sich der kleine Effekt damit erklären, dass Chefinnen eher die gesellschaftliche Erwartung, sich für das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter einzusetzen, erfüllen.

Das weibliche Selbstbild

Die Chefinnen beurteilten sich selbst übrigens anders: Bis 30 Jahre schätzen sie sich als inkompetenter ein als gleichaltrige Männer. Je älter sie werden, desto wirksamer sehen sie sich als Führungskraft – ab 51 Jahren bewerten sie sich sogar als besser. In der Befragung wird das geringere Selbstbewusstsein als Grund dafür angeführt, dass Frauen letztlich ehrgeiziger, widerstandsfähiger und offener gegenüber Feedback sind – was sie auf lange Sicht zu besseren Führungskräften mache.

In zwei Kategorien wurden die Chefs besser beurteilt: bei der technischen und fachlichen Expertise sowie darin, strategische Perspektiven zu entwickeln. Für Ortner könnte das an verbreiteten Stereotypen liegen: "Die Intelligenz ist gleich verteilt, vielleicht müssen Frauen auch ihre Expertise mehr zeigen, damit sie bemerkt wird." Stereotype, dass Frauen über weniger Expertise verfügen, schadeten den Chefinnen und könnten in ihrer Wirkung abgeschwächt werden, wenn Frauen als "Individuum und nicht als Repräsentantinnen einer Gruppe gesehen werden – und das passiert erst, zeigen Untersuchungen, wenn die 30-Prozent-Quote erreicht ist". (set, 10.9.2019)