Iggy Pop märchenonkelt auf "Free" durch Gedichte und ähnliches Zeugs.

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Hin und wieder verliert er die Kontrolle. Dann erhebt er sich, zieht sich die Glassplitter aus dem Fleisch und macht sich fein. Iggy-fein. Er zieht ein Sakko über den nackten Oberkörper, untenrum ist er hoffentlich betucht.

Auf Free ist es wieder einmal so weit: Iggy fährt mit dem offenen Ferrari zu einer Vernissage. Natürlich parkt er in der Auslage, steigt aus, langt der Dame vom Catering an eine MeToo-Region und macht der Galeristin ein Angebot, für das er in früheren Zeiten den Fehdehandschuh geküsst hätte. Im Hintergrund säuselt Ausstellungsjazz.

Iggy Pop Official

Iggy Pop ist auf seinem neuen Album Free in ungewohnter Umgebung. Zwar schweinigelt sich der Godfather des Punk durch den Song Dirty Sanchez, doch bis auf einen weiteren rockigen Titel befindet er sich auf Abwegen. Jazz der Marke Chet-Baker-Klon im Fahrstuhl. Weiters lässt sich der Begriff Ambient strapazieren, wie fast immer, wenn der Sound zwischen den Tönen den Raum und den vom Gähnen offenen Mund füllt.

Hose auf Halbmast

72 ist der US-Amerikaner und das ist ein Wunder, vergegenwärtigt man sich, dass der Mann als Sinnbild selbstzerstörerischer Ausschweifung gilt. Aber Iggy ist zäh, und sein erster Ausflug ins vermeintlich Seriöse ist das natürlich nicht. Schon einmal chansonnierte er artfremd, anstatt sich, mit der Hose auf halbmast wehend, kopfüber ins Publikum zu begeben.

Iggy Pop - Topic

Nachdem mit dem unter der musikalischen Leitung von Josh Homme veröffentlichten Album Post Pop Depression schlägt er mit Free einen stilistischen Haken. Der dauert bloß 30 Minuten, hat aber Längen. Etwa wenn Pop das Spoken-Word-Stück We Are The People im Tonfall eines Albträume versprechenden Märchenonkels aufsagt. Im Anschluss rezitiert er Dylan Thomas’ Do Not Go Gentle Into That Good Night. Da befindet er sich schon auf der Zielgeraden, eine nur von atmosphärischen Geräuschen begleitete Miniatur namens The Dawn beendet das Werk. "Chapeau!", entfährt es einem Ausstellungsbesucher.

Auch der Mythos gehört genährt

Iggy spuckt auf den Boden und fährt den Ferrari aus der zerstörten Auslage. Die Besucher blicken im nach, tuscheln, als er wegfährt. Er wirft das Sakko aus dem Wagen, hebt die rechte Hand und von der den Mittelfinger. War das die Galeristin am Beifahrersitz?

Ein Auftritt von Iggy Pop hinterlässt immer Eindruck, Free bloß den einer Fingerübung. Die Kernkompetenz dieses Mannes liegt klar woanders. Aber manchmal reicht der Ruf einer Legende, um das Publikum zu blenden. Doch selbst ein Mythos muss genährt werden. Würdiges Alterswerk, fuck off. Beim nächsten Mal bitte wieder ohne Auto durch die Glasscheibe kommen, danke. (Karl Fluch, 9.9.2019)