Armin Nassehi gilt als Star der Systemtheorie.

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Die perfekte Illustration der systemtheoretischen Grundlagen unseres Denkens verdanken wir einem Comics-Heftchen. In irgendeiner uralten Lucky-Luke-Story sieht man zwei niedliche Indianer, die interessiert das Aufsteigen von Rauchzeichen hinter einer Bergkette registrieren.

"Was sagen die Rauchzeichen?", fragt der eine, offenbar bedeutungsunkundig. "Dass Rauchzeichen am Himmel zu sehen sind", antwortet der andere ungerührt. Der sich daraus entspinnende Streit ("Das sehe ich doch selber ...") ändert nichts am Befund. Die Systemtheorie erzählt Gesellschaftsgeschichte als kolossales Zusammenwirken von Systemen: Jedes von ihnen ist blind für die Eigenarten der anderen. Jedes besitzt sein spezifisches Medium des Ausdrucks. Innerhalb seiner Grenzen – und nur innerhalb von diesen – ermöglicht es beliebige Anschlusskombinationen.

Entweder es wird gezahlt oder nicht

Armin Nassehi, der zurzeit einflussreichste Soziologe nicht nur Deutschlands, ist um Beispiele für die Wirkungsmacht unserer Funktionssysteme nicht verlegen. Jedes von ihnen operiert innerhalb seines eigenen, simplen Grundcodes. In der Wirtschaft sind, um ein besonders sinnfälliges Beispiel zu nennen, Anschlusshandlungen einzig und allein im Medium des "Zahlens" möglich. Entweder es wird gezahlt oder auch nicht – eine dritte Option ist, jedenfalls ökonomisch besehen, unmöglich.

Nassehi hält mit der Pointe der ebenso faszinierenden wie strapaziösen Thesensammlung Muster – Theorie der digitalen Gesellschaft nicht lange hinterm Datenberg. Systeme arbeiten binär, indem sie auf Basis der Alternative von Ein- oder Ausschluss operieren. Das ist simpler, als es klingt: Systeme sind darauf erpicht, Geschlossenheit herzustellen; auf systemfremde Information reagieren sie unbedingt desinteressiert.

Erben der Mustererkennung

Damit aber kann Nassehi, dieser in München lehrende Meisterschüler des legendären Niklas Luhmann, eine Analogie produzieren. Sie soll helfen, den flächendeckenden Siegeszug der Digitalität zu erklären. Und siehe da: Digitale Techniken sind die Erben der Mustererkennung. Sie führen das Datenmanagement der klassischen Statistik fort, indem sie auch heikle Materien auf die immer gleiche Übersetzung von null und eins herunterbrechen. Die Vervielfachung von (oft nutzloser) Information wird somit zum Leistungsbeweis: Unsere Welt gedeiht einzig und allein auf Basis ihrer horrenden Rechnerkapazitäten.

Die Folgeschäden dieser Einhegung unserer nur im Plural zu denkenden Lebenswelten liegen auf der Hand. Die gute alte Statistik der Nationalstaaten war darum bemüht, innerhalb ihrer Gesellschaften wiederkehrende Muster und Problemfälle zu erkennen. Probleme konnten benannt und sachlich, das heißt, durch technische Lenkung bearbeitet werden.

Für inhaltliche Bedenken wenig aufgeschlossen

Die Muster der digitalen Verarbeitung entstehen, so Nassehi, durch die "Rekombination" von Daten. Wer sich seine Schneise bahnt durch die digitalen Welten, hinterlässt genügend "Fußabdrücke", um von den Urhebern unserer Wertschöpfungsketten als Konsumopfer in den Blick genommen zu werden. Oder eben als (potenzielles) Objekt erkennungsdienstlicher Behandlung.

Doch für inhaltliche Bedenken zeigt sich Nassehi erstaunlich wenig aufgeschlossen. Allen Kritikern, die an der Verflüchtigung und Verflüssigung unserer Gesellschaft Anstoß nehmen, schreibt er lieber Sätze zur Abklärung ins Notebook. "Ausgerechnet die so fluid aussehende Digitalisierung" verweise auf die insgesamt beispielhafte "Stabilität" unserer in lauter Funktionen und deren Systeme aufgeteilten Welt.

Regt euch ab!

Mit der Digitalität vollendet sich laut Nassehi bloß, was in der Kultur der Moderne schon seit langem angelegt ist. Man solle sich also abregen: Schon durch den Erfolgsrun des Buchdrucks seien vor ewigen Zeiten die alten Routinen der Sinnproduktion empfindlich gestört worden. Und mit beinah ebenso lässiger Geste registriert Nassehi auch die – seiner Meinung nach – Minderwertigkeit konkurrierender Theorien wie derjenigen Bruno Latours.

Alles also in Butter? Man staunt über die Kritikimmunität einer Soziologie, die alle Einwände in ihr System integriert, um sie laut schmatzend wieder auszustoßen.

Brillanz, die Angst einjagt

Armin Nassehis sozialwissenschaftliche Begründung der digitalen Welt lebt von der Sinnfälligkeit ihres Designs. Sie erkennt noch im lässlichsten Detail, in der zufälligsten Erscheinung ein Stück ihrer selbst. Die Herstellung von Plausibilität funktioniert unter diesem mehr allgemeinen Gesichtspunkt als unausgesetzte Erfüllung der je eigenen Voraussetzungen. Einfacher gesagt: Das heitere Entweder-oder der Systemtheorie passt unter Garantie immer!

Nassehi kann gar nicht anders, als unter seinen eigenen Bedingungen recht zu behalten. Was nicht in die Theorie passt, wird anschlussfähig gemacht. Und so hinterlässt auch der Verweis auf die "Perspektivität" jedes Systems ein starkes Unbehagen. Daher geht es dem Digital Native ein wenig wie unseren beiden Indianern: Sie wissen, dass das, was sie digital angeleitet tun oder beobachten, immer funktioniert. Da muss es ja nicht auch noch "Sinn" machen. Die Brillanz Armin Nassehis kann einem insofern Angst einjagen. (Ronald Pohl, 10.9.2019)