Dirk Stermann, Kabarettist und Autor mehrerer Bücher, hat mit "Der Hammer" einen historischen Roman geschrieben.

Foto: Gerald von Foris

"Wer will, wer mag, um ein Kreuzer in mei Butten scheißen?" Das Buttenweib von St. Anna hatte eine hohe, schrille Stimme. Zwei Kübel hingen an einem Joch über ihrer Schulter. Links pisste man, rechts schiss man in die Kübel hinein. Sie trug einen weiten, schwarzen Umhang, unter dem man, vor neugierigen Blicken geschützt, seine Notdurft verrichten konnte. Joseph kannte viele von diesen Madames Toilette, die meisten waren maskiert, aber Margarete, die Abtrittanbieterin von St. Anna, nicht.

"Wieso sollt ich mich verstecken? Versteckt der Salamutschi sein Gesicht? Ist der Salamutschi was Bessres als ich? Ich frag dich, junger Herr. Er verkauft den Leuten die Würste, ich sammle sie wieder ein", hatte sie Joseph erklärt, als er in völliger Schwärze pinkelte und seiner Nase den Befehl gab, sich tot zu stellen.

Nicht nur aus den Kübeln roch es fürchterlich, auch die alte Frau stank, wie die offene Gruft von St. Stephan, nach Verwesung und Tod. Als strömten Miasmen aus all ihren Poren. Sie hatte nur ein Auge, und die Narbe, aus der wildes Fleisch wuchs, sah aus, als hätte sie sich das andere selbst ausgekratzt. Er spornte seine Blase zur Eile, während sie den bekannten Kaufruf des Salamutschi nachäffte. "Durri, Durri, Do bin i, Salamutschi!" Die Salamutschi waren Lombarden, Friauler oder Venezianer und gingen mit ihren Körben voller Wurst und Käse durch Wien.

Ein einziges Mal nur hatte er sich unter ihren schwarzen Umhang gestellt, in den Notwinkel, zu einem Mann, der den anderen Kübel benutzte und offenbar unter Qualen seine Därme leerte.

"Halt das Maul", hatte der Mann in einem fremden Akzent gesagt. "Kann man wenigstens beim Scheißen seine Ruhe haben?" Es war düster, durch einen Schlitz fiel nur wenig Tageslicht unter den schwarzen, modrigen Umhang. Die Luft war zentnerschwer. "Der Kübel geht fast über", brummte der Mann und stieß Joseph einen Ellbogen in die Rippen.

Im Arsche Satans

"In der Dunkelheit der Fäulnis. Im Arsche Satans", dachte Joseph, und wie so oft wünschte er sich, die Nase verschließen zu können. Mit Lavendelzweigen oder Weihrauch, den man zusammen mit Wacholderholz den großen Scheiterhaufen beimengte, die überall in der Stadt gegen die üblen Gerüche entzündet wurden.

Man müsste die ganze Stadt abfackeln, dachte er. Die Basteien schleifen und alles verbrennen, was die Luft verpestet. Und endlich die wirksame Mixtur aus antimefitischen Stoffen finden, nach der die Chemiker seit langem suchten. Um die Stadt von ihrem schädlichen Geruch zu befreien. Man hatte es mit Karbolsäure und Eisenvitriol versucht, mit schwefelsaurem Kalk.

Mischungen aus Torf, Steinkohlengrus, schwerem Gasteer und allerlei Abfällen seien direkt in die Aborte, Senkgruben und Kanäle zu leeren, worauf die Fäkalmassen sich augenblicklich verfestigten und geruchlos blieben. So hieß es, aber ein Unterschied war nicht zu riechen. Nichts wurde besser.

"Scheiß dich zu einem Ende, Darmsaitenmacher", rief die einäugige Madame Toilette, und Joseph musste unter dem modrigen Umhang würgen. Darmsaitenmacher? Neben ihm entleerte sich ein Darmsaitenmacher? Von denen, das hatte man ihm eingebläut, musste man sich fernhalten, wollte man nicht seinem Körper Schlimmes antun. Von den Färbern, den Gerbern, zu denen das Buttenweib um ein paar Kreuzer die Pisse trug. Den Miststirlern und Lumpensammlern, den Abdeckern und Totengräbern. All den Kumpanen des Gestanks.

Was schiss der Mann hier neben ihm mitten in der Stadt? Wozu hatte man diese Leute an den Rand der Stadt verbannt, wenn sie dann doch herkamen, um sich neben ehrbaren Sprachknaben zu entleeren? Joseph wusste, dass die schlechte Luft direkt in den Körper eindringt.

Die Luft ist eine bedrohliche Brühe, in der sich alles Böse mischt. Rauch, Schwefel, wasserhaltige, flüchtige, ölige und salzige Dämpfe, die von der Erde aufsteigen, ja auch die feurigen Materien, die unser Boden ausspuckt, die aus den Sümpfen kommenden Dünste sowie winzige Insekten, deren Eier, allerhand Aufgusstierchen und schlimmer noch, am allerschlimmsten und verderblichsten die ansteckenden Miasmen der verwesenden Körper.

Joseph von Hammer-Purgstall (1774-1856): mit 15 schon "Sprachknabe" am Wiener Hof, später Diplomat und Orientalist.
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Und was, wenn der dauernde Kampf in den Eingeweiden des Menschen zugunsten der Fäulnis ausgeht? Dann sind Krankheit und Tod die Folge. Der Gestank ist die Bewegung vom Tod zum Tod, während die aromatischen Wohlgerüche, das wusste jedes Kind, eine Stärkung der Lebenskräfte bewirken. Doch statt Weihrauch vor der Nase hatte er einen sich entleerenden Darmsaitenmacher an der Seite, aus dem der Tod in den Kübel fiel, der überging. Krötengroße Keime, denen Josephs Nase schutzlos ausgeliefert war.

Wie der Boden sondert auch die Haut, vor allem aber die Kleidung des Arbeiters faulige Säfte ab. Wie oft hatte man ihn gewarnt. Die Quellen des Gestanks vermeiden. Ja, schon. Aber wie? Die Nase war ein Warnorgan. Nur mit ihrer Hilfe konnten die in der Atmosphäre lauernden unheilvollen Gase gerochen und damit vermieden werden. Aber wie hätte er unter dem nach Salpeter und faulem Obst stinkenden Umhang einen Darmsaitenmacher erriechen sollen?

Die Augen waren ihm da, an diesem finsteren Ort, keine Hilfe. Die miasmatische Infektion lauerte überall. Cholera, Scharlach, Typhus. Diarrhö, Keuchhusten. Einmal war er in Eile nahe St. Stephan in einen Totengräber gelaufen. Am helllichten Tag. Jeder wusste, dass man Totengräber nicht berühren darf. Nächtelang hatte Joseph schlecht geträumt, er sah sich schon tot.

Er sah sich schon tot

Der Sonnenkönig hatte es gesagt, und er hatte recht: "In der ganzen Natur ist nichts Schreckbareres zu sehen, nichts Schadernderes zu riechen, das mit einem in Faulung zerfließenden Menschenkörper in Vergleich gezogen werden könnte!"

Rund um die Kirchen war es am schlimmsten. Die Grüfte waren mangelhaft verschlossen, die Erdgräber zu seicht ausgehoben, und die toten Leiber wurden zu spät begraben und zu früh exhumiert. Ständig wurden die Fäulnisse erneuert durch die frisch eintreffenden Leichen, und immerwährend beförderte man die Ausdünstungen durch das Umgraben der verpesteten Erde.

Dadurch wurden ganze Nachbarschaften um die Kirchhöfe fiebersüchtig. Die Sterblichkeit war in Wien weit höher als in Paris oder London. Jeder Physiker musste die im Herzen der Stadt liegenden Friedhöfe und Grüfte von St. Stephan, St. Michael, bei den Schotten, den Augustinern und an der Freyung als heimliches Gift und Zunder jeglicher ansteckenden Krankheit betrachten. Als ständige Bedrohung. Der Totengräber, in den Joseph gelaufen war, war sicher schon tot. Totengräber wurden nie alt, weil sie ja in dieser Wolke des Todes lebten.

"Niemand", hatte der Sonnenkönig seinen Schülern krächzend geklagt, "der zur Sommerzeit in St. Stephan gegangen ist, der nicht den offenen Totengeruch und ekelhaften, müchelnden, räßen Gestank mit Widerwillen und Erschütterung empfunden und gewittert hätte."

Wie gut, dass man langsam daran ging, Friedhöfe außerhalb des Linienwalls anzulegen. In St. Marx, Matzleinsdorf, Währing und am Hundsturm.

Joseph glaubte, es reiße ihm unter dem Umhang den Magen heraus. Wasser trat ihm in die Augen, die Beine zitterten. Er feuerte seine Blase an, sich endlich ganz zu entleeren. Finalement! Rasch zog er sich das Beinkleid hoch und trat ins Freie. (Dirk Stermann, Vorabdruck im ALBUM, 15.9.2019)