Dutzende E-Mails beantworten, Anrufe entgegennehmen, von Termin zu Termin hetzen und zwischendurch noch die eigentliche Arbeit erledigen: Für viele bietet ein Arbeitstag kaum Verschnaufpausen. Geht es nach dem Arbeitspsychologen Tony Crabbe, ist der Stress jedoch selbst gewählt. In seinem Buch "Busy: How to thrive in a world of too much" erklärt der Brite, wie Menschen ihn nützen, um sich wichtig und gebraucht zu fühlen. Außerdem diene der Stress ihnen als Vermeidungsstrategie – die To-do-Liste abarbeiten erscheint kurzfristig effektiver als mit einer wirklich mühsamen Aufgabe anzufangen.

STANDARD: Permanentes Beschäftigtsein sei der "einfache" Weg, sagen Sie. Das erscheint zunächst paradox. Wie meinen Sie das genau?

Crabbe: Wenn ich Menschen frage, warum sie sich gestresst fühlen, merke ich, dass es da immer etwas gibt, dem sie aus dem Weg gehen: einem schwierigen Gespräch, einer wichtigen Entscheidung oder einer langwierigen Aufgabe. Sie reagieren anstatt zu agieren. Gleichzeitig tun sie so, als wären sie hilflose Opfer und dem Stress ausgeliefert. Wenn man sich dann die Aufgaben ansieht, die sie angeblich so sehr auf Trab halten, sind das nur selten große, wichtige, herausfordernde.

STANDARD: Sich selbst den Stress vorzugaukeln ist also im Grunde Prokrastination?

Crabbe: Genau. Viele sind so beschäftigt damit, ihre To-do-Liste abzuarbeiten, dass die Projekte, die ihnen am Herzen liegen und die sie langfristig wirklich weiterbringen würden, auf der Strecke bleiben. Die kleinen, in Wirklichkeit oft nicht bedeutsamen To-dos geben uns das Gefühl, produktiv zu sein. Außerdem benötigen wir für sie weniger Energie als für die ganz großen.

Tony Crabbe ist Arbeits- und Organisationspsychologe. Er sagt: Viele arbeiten so emsig ihre To-Do-Liste ab, dass langfristige Projekte auf der Strecke bleiben.
Foto: Herman Wouters

STANDARD: Was ebenfalls stresst, ist, dass wir auf jeder Hochzeit tanzen wollen. Wir übernehmen noch ein Projekt, organisieren für die Freundin eine Babyparty, melden uns für einen Sprachkurs an...

Crabbe: Die Möglichkeiten werden ja auch ständig mehr. Das Problem: Wenn wir versuchen, alles zu schaffen, erreichen wir am Ende gar nichts. Wir dürfen uns nicht von den vielen Optionen treiben lassen. Stattdessen müssen wir aussortieren, bei der Arbeit wie im Privatleben.

STANDARD: Haben Sie eine Sortieranleitung?

Crabbe: Zu Beginn sollte man sich klar werden, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Was sind meine Werte, was meine Stärken? Was sind meine Bedürfnisse und die der Menschen um mich herum? In einem nächsten Schritt überlegt man sich, was man unternehmen kann, um diese Dinge stärker in den Mittelpunkt seines Tuns zu rücken und anderes sein zu lassen.

STANDARD: Sie empfehlen, dass man auch mit seiner Familie und seinen Freunden sprechen sollte.

Crabbe: Das ist sehr wichtig. Ich habe kürzlich mit einem hohen Manager bei Microsoft zusammengearbeitet. Er ist international tätig und reist viel. Zum Thema Work-Life-Balance erklärte er, er habe noch nie den Geburtstag eines seiner vier Kinder verpasst. Auch noch nie den seiner Frau oder auch nur einen Hochzeitstag. Und er war bei jeder Schulaufführung. Ich habe mich natürlich gefragt: Wie schafft der Mann das? Er erklärte, er habe sich mit seiner Familie hingesetzt und mit ihnen besprochen, was für sie wirklich wichtig ist, und das waren eben die Geburtstage.

STANDARD: Sie unterscheiden zwischen "strategischem Fokus" und "Aufmerksamkeitsmanagement". Was kann man sich darunter vorstellen?

Crabbe: Der strategische Fokus meint die klare Prioritätensetzung. Aufmerksamkeitsmanagement hilft, sich im Alltag bewusst auf diese Prioritäten zu konzentrieren. Wir treffen an einem einzigen Tag unzählige Entscheidungen. So eine Entscheidung wäre: Checke ich zum dritten Mal meine E-Mails oder fange ich an, den Report zu schreiben? Die Verführung ist natürlich groß, sich für den einfachen Weg zu entscheiden. Das Ziel sollte sein, es nicht zu tun.

STANDARD: Bei einem Vortrag in Amsterdam haben Sie gesagt, dass es helfen kann, "sich öfter selbst zu erwischen" und sich bewusst dafür zu entscheiden, sich nicht vom Stress treiben zu lassen.

Crabbe: Es gibt sie, diese Momente, in denen wir die Wahl haben. Kürzlich hatte ich viel zu tun oder war zumindest der Meinung, ich hätte viel zu tun. Da kam meine vierjährige Tochter zu mir und wollte tanzen. Ich war kurz davor, sie mit einem "Warte kurz!" abzuspeisen – habe mich aber in letzter Sekunde umentschieden. Wir haben getanzt, und es war ein wunderschöner Moment. Nach ein paar Minuten war sie dann schon glücklich und zufrieden und ist wieder gegangen.

STANDARD: Sollten wir alle öfter tanzen?

Crabbe: Vielleicht. Aber vor allem geht es darum, sich bewusst zu machen, wie häufig man sich von Gewohnheiten und Glaubenssätzen treiben lässt. Und dass man dem Stress nicht ausgeliefert ist. Vielleicht würde man sich hie und da trotzdem gegen das Tanzen und für die Arbeit entscheiden. Es gibt übrigens auch noch ein drittes Stadium, neben Spaßhaben und Arbeiten, nämlich Nichtstun und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Auch diese Phasen sind wichtig, denn sie nützen der Kreativität. Wir können das jedoch nicht mehr, greifen in jedem freien Moment nach unserem Smartphone.

STANDARD: Wie lernt man, nichts zu tun? Die meisten finden das schwer.

Crabbe: Das ist es auch. In einem Experiment haben sich die Probanden lieber selbst einen leichten Elektroschock gegeben, als 15 Minuten still zu sitzen. Wir sind süchtig nach Stimulation. Wie man da rauskommt? Meditieren ist meist zu schwer für den Anfang. Am besten man beginnt mit kleinen Schritten, legt etwa den Weg nach Hause ohne Handy zurück, lässt beim Autofahren das Radio abgedreht... und schaut, was passiert. Die genialsten Einfälle kommen nicht sofort, aber sie kommen nach einer Zeit. (Interview: Lisa Breit, 22.10.2019)