Nach einem Schlaganfall muss die Durchblutung so schnell wie möglich wieder hergestellt werden.

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Pro Jahr werden in Österreich rund 24.000 Schlaganfälle registriert. Knapp 20 Prozent der Patienten erhalten bereits eine medikamentöse Therapie zur Auflösung des Gerinnsels in einem Gehirngefäß. Normalerweise muss diese Behandlung höchstens innerhalb von viereinhalb Stunden erfolgen. Doch laut deutschen Experten kann das Zeitfenster dafür in bestimmten Fällen sogar neun Stunden lang sein.

Bei den meisten Schlaganfälle liegt ein Hirninfarkt vor, eine plötzlich auftretende Durchblutungsstörung im Gehirn, die durch einen Gefäßverschluss verursacht wird. Bei diesem sogenannten ischämischen Schlaganfall gilt es, die Durchblutung so schnell wie möglich wiederherzustellen, um zu vermeiden, dass minderdurchblutetes Gehirngewebe abstirbt. Dafür stehen die sogenannte Thrombolyse und bei größeren Blutgerinnseln die Thrombektomie (eine mechanische Rekanalisation) als Behandlungsverfahren zur Verfügung.

Die Thrombolyse besteht aus der Infusion eines Enzyms, das Blutgerinnsel in den Hirnarterien auflösen kann. Zugelassen ist sie derzeit innerhalb von 4,5 Stunden nach Einsetzen von Symptomen eines Schlaganfalls, wie beispielsweise Lähmungen. Für Patienten, die im Schlaf einen Schlaganfall erlitten haben, war eine Lysetherapie bisher nicht möglich, da sich der Zeitpunkt des Schlaganfalls nicht genau ermitteln ließ.

Rettbares Hirngewebe

"Die strikte Zeitgrenze von 4,5 Stunden für die Lysetherapie wird jedoch nicht allen Patienten gerecht", sagt Armin Grau von der Klinik Ludwigshafen und Vorsitzender der Deutschen Schlaganfallgesellschaft (DSG). "Je nach der individuellen Durchblutungssituation von Patienten können sich auch Behandlungsmöglichkeiten jenseits der 4,5 Stunden-Grenze ergeben, wie vor kurzem unter anderem die australische Extend-Studie gezeigt hat."

Die Studie wies nach, dass Patienten bis zu neun Stunden nach einem Schlaganfall von einer Lyse profitieren können, wenn rettbares Hirngewebe vorliegt. Aufschluss darüber gaben erweiterte bildgebende Verfahren. "Mittels Perfusionsuntersuchungen im Kernspintomogramm (MRT) oder CT kann man heute die minderdurchbluteten Areale mit dem sogenannten Infarktkern vergleichen", erläutert Grau. "So lässt sich erkennen, wie viel Hirngewebe nicht mehr zu retten ist und wie viel Gewebe zwar minderdurchblutet, aber noch zu erhalten ist."

In die Extend-Studie wurden 225 Patienten mit ischämischem Schlaganfall eingeschlossen, die in der Perfusionsbildgebung rettbares Hirngewebe gezeigt hatten. Nach dem Zufallsprinzip erhielten sie zwischen 4,5 und neun Stunden nach Beginn des Schlaganfalls oder beim Erwachen mit Schlaganfall (innerhalb von neun Stunden ab dem Mittelpunkt des Schlafes) eine Lyse oder ein Placebo.

Gute Umgehungskreisläufe

Für die Patienten, die die Lyse-Therapie erhalten hatten, war die Wahrscheinlichkeit ein sehr gutes klinisches Ergebnis ohne relevante bleibende Beeinträchtigungen zu erreichen, im Vergleich zur Placebo-Gruppe um 44 Prozent höher. Weitere Studien, unter anderem auch die Metaanalyse der drei Studien Extend, Ecass4-Extend und Epithet hätten diese Ergebnisse bestätigt. Auch eine vierte Studie mit Patienten nach Schlaganfall im Schlaf hatte ähnliche Ergebnisse gebracht.

Den Grund sieht Grau darin, dass manche Patienten über gute Umgehungskreisläufe (Kollateralen) verfügen: Dabei handelt es sich um Nebenäste, die dasselbe Gehirngebiet versorgen, wie die vom Schlaganfall betroffenen Hauptäste. Diese ermöglichen eine längere Gewebedurchblutung.

"Jede Minute zählt – diese Regel in der Schlaganfalltherapie bleibt aber weiterhin gültig, auch wenn für einzelne Patienten nun längere Therapiezeitfenster möglich sein können", betont der Experte. Bei Schlaganfallverdacht sollte sofort der Notarzt gerufen werden. (APA, 4.10.2019)