Leserin Teresa Reiter erinnert in ihrem Gastbeitrag an das Massaker von Srebrenica, als Grabredner Slobodan Miloševićs habe der österreichische Schriftsteller den wichtigsten Literaturpreis der Welt nicht verdient.

Auf Twitter ist es bereits ausgestritten. Die einen sagen, Handke ist ein Genozidleugner, ein Revisionist, ein Freund oder zumindest ein Verharmloser und der Grabredner des Kriegsverbrechers Slobodan Milošević. Die anderen sagen: Aber ein großartiger Autor ist er halt trotzdem, und es ist ja auch nicht der Friedensnobelpreis, den er bekommen hat.

Peter Handke, Literaturnobelpreisträger 2019.
Foto: REUTERS/Christian Hartmann

Stellen Sie sich vor, Sie haben das Massaker von Srebrenica überlebt. Sie sind rechtzeitig entkommen, aber Ihr Bruder, Ihr Mann, Ihr Sohn waren unter den mehr als 8.000 bosnischen Muslimen, die 1995 von Truppen der bosnischen Serben unter dem Kommando von General Ratko Mladić systematisch ermordet wurden. Stellen Sie sich vor, wie die Täter die vielen toten Körper mit Baggern aufgehoben und in anderen Gräbern neu verscharrt haben, sodass Sie heute immer noch darauf warten, dass der Rest Ihrer toten Familie ausgegraben und identifiziert wird. Stellen Sie sich vor, während diese Hölle Ihr Alltag ist, spielen weder das Massaker von Srebrenica noch Lehren daraus irgendeine nennenswerte Rolle mehr im Rest der Welt. Es droht in Vergessenheit zu geraten, was Sie keine Sekunde Ihres Lebens vergessen können und was alles Licht für Sie verschlungen hat. Und dann läuft ein Schriftsteller herum, der handwerklich zweifellos zu den Besten gehört, und verteidigt jenen Mann, der hauptverantwortlich ist für die grausamsten Verbrechen in Europa seit den Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges, und bekommt dennoch den wichtigsten Literaturpreis der Welt, denn es gehe ja um die Literatur und nicht um die Politik.

Kein Unterhaltungsdichter

Kein politischer Autor der Gegenwart, der etwas auf sich hält, sähe sein Werk entkoppelt vom gesellschaftspolitischen Diskurs, und das tut auch Peter Handke nicht. Er ist kein Unterhaltungsdichter, sondern jemand, der seine Bühne nicht nur, aber auch dafür nutzte, Kriegsverbrechen zu relativieren, durch die nicht nur so viele Menschenleben genommen wurden, sondern auch ein Teil Zivilisation zugrunde ging. Sein Weltbild findet in seinem Werk vielfach Niederschlag und ist nicht irgendeine nicht-öffentliche Privatmeinung, die angesichts der großen Kunst keine Rolle spielt.

Der Nobelpreis für Literatur ist auch nicht irgendein Kulturmascherl. In seinem Testament legte Alfred Nobel fest, welche Art von Personen er sich als Träger des nach ihm benannten Preises vorstellt. Für den Literaturpreis heißt es da, er solle gehen an "denjenigen, der in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung produziert hat". Das bedeutet, der Literaturpreis hat nicht nur eine technische Komponente, die sich darauf konzentriert, gute Schreibe zu belohnen, sondern auch einen Aspekt, der das Weltverbesserische bedenkt. Der Nobelpreis für Literatur ist auch ein Gütesiegel für den Wert, den das Schaffen eines Menschen für unsere Gesellschaft hat, und dabei kann man sich nicht nur den Teil seines Werkes aussuchen, der einem passt. Es ist ja nicht so, als gäbe es keine Kandidatinnen und Kandidaten für diesen Preis, die niemals für einen Massenmörder Partei ergriffen haben.

Das Grauen von Srebrenica

Der Nobelpreis für Handke ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die ohnehin schon alles verloren haben im Zuge eines Krieges und als Resultat eines Völkermordes. Es signalisiert, dass ihr Leid und der Verrat an ihnen, als es darum ging, die ehemalige "Schutzzone" Srebrenica zu verteidigen, nichts bedeutet.

Ihr Schicksal und unser Umgang damit sind jedoch wichtig für die Qualität unserer Zivilisation. Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es in Europa nichts, das mit dem Grauen des Srebrenica-Massakers vergleichbar ist. Todbringende Fehler, die damals von der internationalen Gemeinschaft begangen wurden, sind heute immer noch nicht ausgeschlossen. Immer wieder bieten sich uns weltweit Situationen, in denen es zu entscheiden gilt, ob man handeln soll, wer handeln soll, wie man handeln soll, um Menschenleben zu retten. Um als Gesellschaft aus den Fehlern der dunkelsten Stunden unserer Geschichte zu lernen, müssten wir einen anderen Umgang damit pflegen.

Ein Beweis von Menschlichkeit

Den Balkankriegen, den begangenen Kriegsverbrechen, dem Massaker von Srebrenica und dem Versagen der Weltgemeinschaft beim Verhindern dessen müsste angemessener Platz im Unterricht und in den Geschichtsbüchern Europas eingeräumt werden. Zeitzeugen müssten vor Schulklassen und in öffentlichen Veranstaltungen zu Wort kommen, um zu erzählen, was für uns unvorstellbar ist. Und Genozidapologeten sollte nicht der wichtigste Literaturpreis der Welt verliehen werden.

Jedes bedrohte Menschenleben verdient unsere Aufmerksamkeit und unseren Schutz, jedes gewaltsam genommene Leben verdient zumindest, dass die Menschheit daraus lernt und nicht jene belohnt, die nichts gelernt haben. Das so zu sehen, macht uns nicht zu Vertreterinnen und Vertretern übermäßiger politischer Korrektheit, sondern es bedeutet den Beweis von Menschlichkeit, wo es um Taten geht, die in Abwesenheit von Menschlichkeit begangen wurden.

Teresa Reiter, Fachreferentin für europäische und internationale Politik. (11.10.2019)