Daran mussten sich viele Forscher in den vergangenen Jahren erst gewöhnen: Wissenschaft betreiben heißt heute mehr denn je auch "Kommunizieren über die eigene Arbeit". Und da das längst nicht mehr nur in Zeitungen, Fernsehen oder im Hörfunk, sondern vor allem digital in den sozialen Medien geschieht, ist es zu einer "Vergesellschaftung der Wissenschaften" gekommen, wie Antonio Loprieno sagt. Der Schweizer Ägyptologe und Historiker ist Vorsitzender des österreichischen Wissenschaftsrats, eines Beratungsgremiums für Wissenschafts- und Hochschulfragen.

Die verstärkte Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Fakten hat auch eine Gegenbewegung zur Folge: zum Beispiel in Form der Demonstration "March for Science" in Washington im Frühjahr 2017.
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An und für sich sei das ja eine begrüßenswerte Entwicklung, ergänzt Loprieno. Aber: "Wir schaffen es noch nicht, die geeigneten Antworten auf jene Menschen zu finden, die derlei Fakten bezweifeln, negieren und auf Facebook oder in ähnlichen Netzwerken ihre Gedanken dazu verbreiten." In den vergangenen Jahren sei es vor diesem Hintergrund zu einem Verlust an Vertrauen in die Wissenschaft gekommen, den Loprieno schon gegenüber mehreren Medien als "brandgefährlich" eingeschätzt hat.

Paradigmenwechsel

Die Vertrauenskrise hat also ihre Gründe in einem Paradigmenwechsel: Längst vorbei die Zeiten, als Wissenschafter ausschließlich analog publizierten, in Form von Büchern oder einem Paper in Fachjournalen. Da gab es einen Herausgeber, der die Qualität der Forschung kontrollierte, Kollegen, die im Fach Expertise haben, unterziehen die Arbeit noch heute einer Peer-Review, ehe sie publiziert werden darf. Im Zeitalter der digitalen Publikationen sei es nicht nur einfacher geworden, wissenschaftliche Texte zu veröffentlichen, sagt Loprieno. Das Feedback dazu ist für jeden möglich – auch für jene, die von der Materie keine Ahnung oder eine vorgefasste Meinung haben. Aus diesem Grund scheinen Verschwörungstheoretiker wieder Hochkonjunktur zu haben: Menschen, die die Mondlandung anzweifeln, die glauben, dass Impfen schädlich ist, Menschen, die der Überzeugung sind, dass die Erde flach ist und dass es keinen von der Zivilisation verursachten Klimawandel gibt. Wie kann man diesen Skeptikern begegnen?

Antonio Loprieno, Chef des Wissenschaftsrats.
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Loprieno erzählt, die Simplifizierung wissenschaftlicher Fakten sei notwendig, so erreiche man ein größeres Publikum. Das Problem, wissenschaftlich komplexe Inhalte einer notorisch zweifelnden Gesellschaftsgruppe näherzubringen, werde dadurch aber nicht leichter lösbar. Der Experte glaubt, dass diejenigen, die den Klimawandel anzweifeln, nicht einzelne Statistiken über immer heißer werdende Sommer negieren.

Er sieht bei ihnen vor allem eine große Überforderung, wenn es um die Zusammenhänge geht: Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf Umwelt und Wirtschaft, welche hat er auf die Gesundheit? Aus Nichtwissen könnte leicht Skepsis entstehen.

Evidenzbasierte Politik

Was ist zu tun? Es braucht die beiderseitige Bereitschaft für mehr Austausch zwischen Politik und Wissenschaft, die strikte Trennung zwischen Akademia und Parteien habe ausgedient, so der Wissenschafter. Im Idealfall entwickle sind evidenzbasierte Politik. Und was die Verschwörungstheoretiker betrifft, hat Loprieno fast tröstliche Worte: "Ich glaube, dass es davon weniger gibt als je zuvor." Sie hätten durch die sozialen Medien die Möglichkeit, "ihre Dummheiten viel breiter zu streuen als je zuvor". (Peter Illetschko, 16.10.2019)