Waldbrände in Kalifornien gefährden die Stromversorgung. Vorsorglich wird daher der Strom abgeschaltet.

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Menschen tasten sich mit Handytaschenlampen durch ihre dunklen Wohnungen. Auf stockfinsteren Straßenkreuzungen sind Autos ineinander verkeilt, lediglich das Blaulicht der Polizeiautos spendet Helligkeit. Keine Ampeln oder Straßenlaternen leuchten. Das sind keine Filmszenen mit Weltuntergangsstimmung, sondern die kalifornischen Fernsehnachrichten. In der Bay Area hat es lange nicht geregnet. Die anhaltende Dürre in Kombination mit trockenen Winden erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Strommasten Feuer fangen. Vorsorgend wurde vielerorts der Strom abgedreht.

Mit ernster Miene erklärt der Moderator, wie man einen Kühlschrank länger als vier Stunden ohne Strom kalt halten kann; wo man sein Smartphone auflädt, wenn man keine Akkupacks hat – "bitte nicht im Auto bei geschlossenem Garagentor!" – und wie man überhaupt ein Garagentor ohne Strom öffnen kann. Zeitgleich erhalte ich eine SMS meines Netzbetreibers AT&T. Sie würden ihr Bestes tun, um mir in der "schwierigen Zeit" zu helfen, in den kommenden Tagen seien sämtliche Telefonate, Nachrichten und die Internetnutzung kostenlos. Denn der Energiekonzern PG&E, der überwiegend den Norden Kaliforniens mit Erdgas und Elektrizität versorgt, hat vorbeugend den Strom gekappt.

Internetfirmen nicht betroffen

Rund zwei Millionen Kunden – überwiegend private Haushalte und kleine Betriebe – wurde laut Medienberichten vorsorglich der Strom abgedreht. Der Gesamtschaden: geschätzte 2,5 Millionen US-Dollar. Ich selbst hatte Glück. Der schmale Landstrich von San Mateo über Palo Alto bis Sunnyvale – der Ort vieler Firmensitze wie Facebook, Google oder Apple – bleibt von der Stromabschaltung verschont. An der Uni Berkeley floss kein Strom.

Unterbrechungen wie etwa die in der Bay Area bewusst durchgeführte Stromabschaltung, aber auch unvorhersehbare Störungen in Lieferketten oder Zusammenbrüche alternder Infrastruktur zeigen, wie instabil und ungleichmäßig verteilt sich die Zukunft entwickeln könnte.

Zum einen offenbaren derartige Systemstörungen die Fragilität lange etablierter Abhängigkeiten. Damit ist nicht nur die Instabilität der handelnden Akteure gemeint – wie im Fall von PG&E ein im Besitz von Investoren befindlicher und an der Börse gehandelter Energiekonzern -, sondern auch für wie selbstverständlich wir die Versorgungssicherheit und Stabilität der Anbieter halten.

Blindes Vertrauen

Wir vertrauen blind darauf, dass wir Lampen, Wasserpumpen oder Handys täglich mit Strom versorgen können. Zum anderen zeigen die Störungen, was der Science-Fiction-Autor William Gibson in den 90ern folgendermaßen beschrieb: "Die Zukunft ist da – sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt." Seine Aussage kann durchwegs ambivalent gelesen werden. Vordergründig spielt sie darauf an, dass Innovationen, die normaler Bestandteil des menschlichen Alltags in der Zukunft sein werden, heute bereits für einige wenige zugänglich sind. Die Innovationen breiten sich also von Nischenmärkten in Richtung Mainstream aus.

Eigentlich meinte Gibson aber, dass die Zukunft von Ungleichheiten geprägt sein wird, die jenen der Gegenwart ähneln. Er beschrieb so die heute bereits bestehenden Ungleichheiten in Hinblick auf Zugang zu technologischen Entwicklungen auf Basis von Wohlstand und Standort. Zukunftsfähige InnovationenRückblickend wirft die Abschaltung des Stroms in der Bay Area die Frage auf, warum die Großkonzerne wie Apple nicht betroffen waren, lag doch dessen neuer Campus unmittelbar an der Grenze zu den betroffenen Regionen. Waren die klimatischen oder sind die Vegetationsgegebenheiten dort anders? Kann sich Apple eine eigene Stromversorgung leisten, oder ist die Infrastruktur dort sicherer? Warum wurde in den Medien nur vom Leid der Privatkunden und kleinen Betriebe berichtet? Ergaben sich die Ungleichheiten möglicherweise aus Diskrepanzen beim Zugang zu und der Kontrolle über Kapital?

Diese Frage ist hier schwierig zu klären. Aber um zu vermeiden, dass diese Ungleichheiten künftig fortgeschrieben oder reproduziert werden, müssen wir sicherstellen, dass die gegenwärtigen zukunftsgestaltenden Prozesse nicht unwiderruflich durch dieselben Ungleichheiten beeinträchtigt werden. Dazu müssen wir auf breiter Ebene ein Verständnis entwickeln, wie wir als Gesellschaft Ungleichheiten kulturell, wirtschaftlich und politisch beheben können. Die aktuelle Klimaschutzbewegung zeigt, dass signifikante Systemänderungen auch aus der Gesellschaft heraus möglich sind. (Michael Shamiyeh aus Palo Alto, 18.10.2019)