Noch heute wird die Umweltpolitik der Nazis gelobt: unter anderem in einem rechtsextremen Magazin, in dem ein FPÖ-Politiker publiziert hat.

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Er ist mit E-Scooter unterwegs, produziert am Dach seines Hauses Sonnenstrom und baut dort sein eigenes Obst und Gemüse an. Es handelt sich hierbei nicht um einen Grünen-Wähler aus dem siebten Wiener Gemeindebezirk, sondern den Vorsitzenden der Freiheitlichen Partei.

Norbert Hofer kündigte bei seiner Wahl zum FPÖ-Chef Mitte September eine inhaltliche Neuausrichtung der Partei an: Umweltschutz sei "Heimatschutz" und dürfe nicht allein den Grünen überlassen werden. Die Skepsis ist groß, wenn sich die Freiheitlichen mit Ökologie befassen – schließlich hatten sie mit Heinz-Christian Strache mehr als ein Jahrzehnt einen Parteichef, der die Erderwärmung bevorzugt auf Sonneneruptionen zurückführte. Es wäre jedoch ein Fehler anzunehmen, dass Hofer das Öko-Thema nur auf den Parteitag brachte, um sich angesichts der wachsenden Sorge über die Klimakrise einen grünen Anstrich zu verpassen. Die Post-Strache-FPÖ betreibt echte Umweltpolitik – allerdings eine, die auf Nationalismus und Identität basiert.

Mittel zum Zweck

Denn auch Hofer und seine Leute lehnen sowohl die internationale Zusammenarbeit gegen die fortschreitende Erderwärmung als auch die meisten Maßnahmen ab, die den CO2-Ausstoß tatsächlich verringern würden. Den Protest junger Klimaaktivisten beschimpft Hofer als "Zöpferldiktatur". Er sucht stattdessen rein nationale Lösungen, die außerdem seiner Wählerklientel nicht wehtun.

Er sei für die Auseinandersetzung mit der "größten Herausforderung unserer Zeit" – dem Klimawandel – durch seine langjährige Herausgeberschaft von mehreren Umweltbüchern qualifiziert, sagte Hofer am Weltumwelttag im Juni. In einer dieser Publikationen heißt es in Hofers Vorwort: "Wir sind heute alles andere als frei, weil wir uns in Energiefragen von fremden Mächten abhängig gemacht haben." Deshalb müsse man, statt Erdöl aus Krisenregionen zu beziehen, erneuerbare Energien "endlich zu unserem Wohl" nutzen.

Und vieles von dem, was Hofer vorschlägt, verfolgt offensichtlich einen anderen Zweck als den Klimaschutz, etwa im jüngsten Wahlprogramm die 3000-Euro-Prämie für Autofahrer, die so "ihre alten Stinker" verschrotten lassen und einen Neuwagen kaufen sollen. Das sehen Kritiker als Geschenk an Pendler und die Autoindustrie.

Von der Natur zu den Nazis

Hofers Betonung der Ökologie ist zwar in der Partei neu, hat aber im deutschnationalen Lager Tradition: Von Anfang an waren Natur- und Umweltschutz in der rechten Gedankenwelt zentral. Dabei ging es weniger um konkreten Umweltschutz als um eine romantisierte Verbindung von Land und dem eigenen Volk, das es bewirtschaftet, sagt der Naturschutzhistoriker Nils Franke zum STANDARD.

Franke verweist auf die Umweltzerstörung durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert: Fabriken verfärbten Gewässer und verunreinigten die Luft. Edelweiß wurde in Massen auf deutsche Märkte transportiert und war deshalb vom Aussterben bedroht. Das habe eine antimoderne Reaktion provoziert: Konservative Umweltschützer sehnten sich nach einem vorindustriellen Zustand. Diese Ökologiebewegung sei immer weiter nach rechts gerutscht, und spätestens in den 1920er-Jahren habe sie den Schutz der Landschaft mit völkischen Gedanken verbunden – nämlich mit der Blut-und-Boden-Ideologie, der zufolge die Überlegenheit der deutschen Rasse laut Franke von einem vermeintlichen jahrtausendealten "Überlebenskampf" in der "widrigen germanischen Natur" hergeleitet wurde.

"Der Schutz der deutschen Natur war ein extrem wichtiger Baustein der nationalsozialistischen Ideologie", so Franke. Von NS-Reichsmarschall Hermann Göring vorangetrieben, wurde 1935 das erste deutschlandweite "Reichsnaturschutzgesetz" verabschiedet, das nach dem "Anschluss" auch in Österreich mit der eindeutig rassenideologischen Präambel, die bis 1969 unangetastet geblieben war, Gültigkeit hatte.

"Umwelt & Aktiv"

Vorzeigeumweltschützer waren die Nazis mit ihrem Rüstungsprogramm und dem Autobahnbau zwar keine. Dennoch fallen im rechtsextremen Magazin "Umwelt & Aktiv" heute noch lobende Worte für das Reichsnaturschutzgesetz. Auf den ersten Blick wirkt die Zeitschrift aus Bayern harmlos und scheint nur zu behandeln, was für ein ökologisch ausgeglichenes Leben relevant ist: Bienenschutz, Plastikmüll oder Elektromobilität. Laut bayerischem Verfassungsschutz aber weist die Zeitschrift eine Nähe zur NPD auf und verbreitet "unter dem Deckmantel des Umwelt- und Naturschutzes" rechtsextremistisches Gedankengut. In der Ausgabe 3/2017 ist zu lesen, wie sich Göring als "Treuhänder des deutschen Waldes" für Natur eingesetzt habe. Einige Seiten weiter erschien ein Text von dem FPÖ-Politiker Michael Howanietz, in dem er beklagt, dass "Kaiser, König und Gottesfurcht" mittlerweile verschwunden seien.

Howanietz ist innerhalb der FPÖ der vielleicht aktivste Öko-Publizist; er wirkte in allen von Hofer herausgegebenen Umwelt-Publikationen inhaltlich mit. Der stellvertretende Bezirksvorsteher in Wien-Brigittenau gilt laut FPÖ-Kenner Hans-Henning Scharsach auch als einer der "umtriebigsten Ideologen" der Partei.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der Mitarbeiter* des FPÖ-Parlamentsklubs im Bundespräsidentschaftswahlkampf 2016 bekannt: Hofer stand unter Druck, da er in einem Vorwort für eine Publikation von Howanietz deren Inhalte als die "richtigen Weichenstellungen" gelobt hatte. In Für ein freies Österreich hatte Howanietz über eine Rückkehr des Archaischen fantasiert. Howanietz wollte zu seinen Publikationen auf STANDARD-Anfrage nicht Stellung nehmen. Aus dem Hofer-Büro verlautet, nur der FPÖ-Chef sei für die Inhalte der Partei verantwortlich. Und Hofer habe doch mehrere Beirats- und Vorstandsposten im Bereich erneuerbarer Energie besetzt.

Auch in Österreich wird "Umwelt & Aktiv" gelesen: Die rechtsextreme Aula, die von der FPÖ inzwischen eingestellt wurde, bewarb das Blatt mit einem Inserat und in Berichten. Wie viele Abonnenten die Zeitschrift in Österreich hat, will sie dem STANDARD nicht verraten. Allerdings warb das Magazin im Jahr 2016 beim rechtsextremen Kongress "Verteidiger Europas" in Linz, ein Who's who der sogenannten Neuen Rechten, mit Jutesackerl um Abonnements. Der jetzige FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl eröffnete die Veranstaltung und nannte die Besucher "Gleichgesinnte".

Öko-Terror

Auch andere Gruppen, die damals dabei waren, entdecken die Ökologie als frischen Anstrich für ihre rechtsextremen Weltanschauungen. So erklärte Identitären-Chef Martin Sellner in einem Video Anfang Juni, Umweltschutz sei "urkonservativ". Der Kampf gegen den Klimawandel brauche aber keine globalen Lösungen, sondern "jedes Volk soll seine eigene Natur schützen". In antisemitischen Codes wettert Sellner gegen das globale Wirtschaftssystem, das neben dem Klimawandel auch die "Massenmigration" hervorrufe. Zurück zur nationalen Isolation: Das ist Sellners Kernthese, die er als "ureigene Kritik" präsentiert und dem "wuchernden Wahnsinn" der sogenannten Globalisten Grenzen setzen soll.

Jener 28-jährige Australier, der mit Sellner in E-Mail-Kontakt stand und im Frühjahr ein Attentat im neuseeländischen Christchurch verübte, war ähnlicher Meinung: Rassenreinheit sei der Weg, um den Planeten, den die "industrielle", "korrupte" und "urbane" Gesellschaft zerstöre, zu retten, schrieb der selbsternannte "Öko-Terrorist" in seinem Manifest. Dafür tötete er 51 Besucher einer Moschee.

Auf diese radikale Sprache verzichtet Hofer wohlweislich. Aber zum Kampf gegen den Klimawandel trägt das grüne Mäntelchen der Blauen wenig bei. (Laurin Lorenz, Flora Mory, 19.10.2019)