Trumps Drohungen brachten die Lira bereits einmal zum Einbruch.

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Angesichts von Donald Trump ist es selbst für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ein Leichtes, wie ein besonnener Staatsmann zu wirken. Ein solcher Brief, scherzten viele auf Social-Media-Plattformen wie Twitter, entspreche dem Stil eines Grundschulkinds. "Sie wollen nicht für das Abschlachten von tausenden Menschen verantwortlich sein, und ich will nicht für die Zerstörung der türkischen Wirtschaft verantwortlich sein – und ich werde es tun. Ich habe Ihnen schon ein kleines Beispiel dafür gegeben im Hinblick auf Pastor Brunson." Erdoğan soll den Brief angeblich sofort in den Papierkorb geworfen haben.

So kindlich Trumps Drohung sein mag – sie ist nicht haltlos. Tatsächlich hatte der amerikanische Präsident mit ein paar Tweets schon einmal eine Finanzkrise in der Türkei ausgelöst. Im Sommer 2018 hatte sich die Regierung in Ankara beharrlich den Forderungen Trumps verweigert, einen unter Terrorverdacht stehenden Pastor freizulassen. Als Trump via Twitter Sanktionen verhängte, rauschte die türkische Lira in den Keller. Darunter leidet die türkische Wirtschaft noch heute, denn in der Folge des Kursrutschs verteuerten sich Importe und der Schuldendienst türkischer Unternehmen. Das wiederum führte zur Rezession und einer Rekordarbeitslosigkeit von 14 Prozent.

Kein Crash in Sicht

Trotzdem ist die Gemengelage heute eine andere. Analysten halten die türkische Lira für fair bewertet. Sollte es tatsächlich zu einem Abverkauf an den Märkten kommen, dürften viele Händler dies eher als Kaufchance sehen. Auch die Tatsache, dass die Zinswende in den USA bis auf weiteres aufgeschoben, wenn nicht abgeblasen ist, gibt den Währungen vieler Schwellenländer etwas Auftrieb. So reagierte die türkische Lira bisher auch kaum auf Trumps Drohungen. Zwar verlor sie zu Beginn der Syrien-Offensive um rund fünf Prozent zum Dollar, seitdem ist sie aber weitgehend stabil. Der türkische Aktienindex verlor seit Beginn der Syrien-Offensive um rund zehn Prozent – das ist zwar ein klares Zeichen der Märkte, was sie von Erdoğans Abenteuer halten. Ein Crash allerdings sieht anders aus.

Insofern ist Trumps Drohung, die "türkische Wirtschaft zu zerstören", unrealistisch. Auch die zuerst verhängten und dann wieder aufgehobenen Sanktionen Trumps sind eher symbolischer Natur. Härter treffen könnte Ankara das von den US-Demokraten geforderte Strafpaket. Darin enthalten ist ein Verbot, türkische Schuldverschreibungen wie Staatsanleihen zu erwerben. Da die Türkei ein großes Haushaltsdefizit aufweist, ist das Land aber auf den steten Zustrom ausländischen Kapitals angewiesen.

VW plant Türkei-Standort

Mittelfristig, aber dafür nachhaltiger ist zudem die Aussage des VW-Konzerns, die Türkei als Standort für ein neues Werk zu überdenken. Die Ankündigung der Wolfsburger, das Werk nahe Izmir bis 2022 fertigstellen zu wollen, ist keine drei Wochen alt. Sie wirkt zunächst wie ein Aufbruchssignal: Nach Jahren der politischen und wirtschaftlichen Instabilität kehren nun ausländische Unternehmen in das Land zurück. Doch dann legten die Wolfsburger die Entscheidung wegen der Syrien-Invasion auf Eis. In der Zwischenzeit gibt es Konkurrenz aus Bulgarien und Rumänien, die sich als Standort für das Werk ins Spiel brachten.

Direktinvestitionen dieser Art sind genau das, was das Land braucht. Das Werk des deutschen Automobilherstellers könnte 4.000 Arbeitsplätze schaffen. Nicht nur das: Investitionen dieser Art heben das Ausbildungsniveau. Oft siedeln sich in der Nähe weitere Unternehmen an.

Noch ist die endgültige Entscheidung über den Bau des Werks an der Ägäisküste nicht gefallen. Sollte sich die Lage in den kommenden Wochen beruhigen, dürfte die türkische Wirtschaft schnell wieder einen Wachstumskurs einschlagen. (Philipp Mattheis aus Istanbul, 21.10.2019)