Womit erfreut man jemanden, der schon alles hat, zur Hochzeit? Mit noch mehr Schmuck? Oder einer Jacht? Bill Kaulitz hat sich etwas Besonderes ausgedacht und seiner Heidi Klum ein Originalstück der Berliner Mauer für den Garten in Los Angeles geschenkt – was allerdings nicht überall gut ankam.

"An dieser Mauer wurde geweint, patrouilliert, geschossen und gestorben. Sie steht für nichts Gutes. Und jetzt vor Heidis Haus? Ich kriege es einfach nicht überzeugend positiv gedreht", empörte sich Moderatorin Sarah Kuttner.

Die East Side Gallery ist das längste erhaltene Teilstück der Berliner Mauer und Open-Air-Galerie.
Foto: Getty / Bernhard Richter

Immerhin: Die Zahl der Mauerstücke in aller Welt ist mit dem historischen Präsent angewachsen. Es gibt auch Mauerteile in Israel, in Kapstadt, vor dem UN-Hauptsitz in New York und in Seoul.

Und es gibt sie natürlich noch in Berlin, wenngleich die Reste dort eher bescheiden sind. 160 Kilometer lang war der Bau, 1961 wurde er errichtet, in der Nacht vom 9. auf den 10. November fiel die verhasste Mauer. "Mauerschauen" gehörte bis zum November 1989 und kurz danach zum fixen Programmpunkt eines jeden Berlin-Besuchs.

Besuchermagnet

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Vor fünf Jahren, als Berlin den 25. Jahrestag des Mauerfalls feierte, da wurde der Verlauf der Mauer mit weißen Ballons nachgestellt. Am Abend entschwebten sie in den dunklen Himmel, und das sollte auch eine gewisse abschließende Symbolik enthalten: Berlin lässt seine Mauer los.

Aber es klappte nicht so ganz. Berlin wird immer die Stadt (mit) der Mauer sein, egal, ob sie noch da ist oder nicht. "Wir haben das mit Erstaunen, aber auch mit Freude zur Kenntnis genommen. Das Wenige, das noch da ist, hat eine unglaubliche Anziehungskraft", sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Berlin Tourismus & Kongress GmbH, die für die Vermarkung der Stadt zuständig ist.

Ein Gärtner mäht an der Gedenkstätte Berliner Mauer, dem früheren Todesstreifen der Berliner Mauer, Rasen.
Foto: APA/dpa/Jörg Carstensen

Die offizielle Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße ist – abgesehen vom Reichstag und dem Holocaust-Mahnmal – einer der größten Besuchermagnete Berlins. Kieker erklärt sich das Interesse so: "Natürlich ist die Mauer ein Monument des Gruseligen, dessen, wozu Menschen auf Befehl fähig sind. Damit wollen sich viele auseinandersetzen."

Doch es gäbe auch andere Gründe für den Besuch: "Es sind authentische Orte der Geschichte. Hier kann man noch einmal nachvollziehen, dass Menschen auch in der Lage sind, sich von Diktatur zu befreien." Dass es in Berlin nur noch so wenig Mauer gibt, enttäuscht aber viele.

Weg mit dem Beton

"Wenn wir noch mehr davon hätten, könnten wir natürlich auch mehr erklären", sagt Hannah Berger von der Stiftung Berliner Mauer. Aber 1989 war der Zeitgeist ein ganz anderer gewesen. "Die Mauer muss weg", wurde zunächst im Osten skandiert. Und dann, als sie in jener berühmten Novembernacht endlich fiel, hielt dieses Motto an. Nur weg mit dem vielen Beton, der die Stadt so lange auseinandergerissen hatte.

Zwar konnte man nach dem 9. November 1989 die Grenze zwischen Ost- und Westberlin passieren, aber den Beschluss, die Mauer abzureißen, fasste die DDR-Übergangsregierung erst am 29. Dezember 1989.

Aufnahme vom Mauerbau, 1. Jänner 1963.
Foto: imago/photothek

Viele Mauerteile wurden daraufhin geschreddert und als Baustoff für den Straßenbau verwendet. Einige Exemplare fanden sich später auf dem Betriebsgelände einer Müllsortieranlage. Dort nutzte man die Mauerteile als Trennelemente zwischen dem Abfall. Es gab sogar Pläne des Senats, die Bernauer Straße zu einer sechsspurigen Straße auszubauen. Ausgerechnet die Bernauer Straße, in der Fenster und Türen zugemauert wurden und die wie keine andere brutal in zwei Teile gerissen wurde.

Gesamtkonzept

"Eigentlich ist auch die Gedenkstätte in der Bernauer Straße ein kleines Wunder", sagt Berger. Hier galt Anfang der 90er-Jahre ebenfalls: Je schneller die Mauer verschwindet, desto besser. Dann aber begannen sich Bürgerinitiativen für den Erhalt einzusetzen.

Erst im Jahr 2006, also 17 Jahre nach dem Mauerfall, hat der Berliner Senat ein Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer vorgelegt. "Wir tragen mit diesem Konzept der politischen Verantwortung für künftige Generationen Rechnung, an die Zeit von Teilung und Unterdrückung zu erinnern, weil nur so Wert und Bedeutung für Demokratie und Freiheit im Bewusstsein der Menschen verankert werden können", sagte der damalige Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).

East Side Gallery: das längste noch erhaltene Mauerstück.
Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

So sieht es auch Dan, erklärt es aber ein bisschen anders. Der 27-Jährige aus Kalifornien steht mit vielen anderen jungen Menschen an der East Side Gallery, dem längsten noch erhaltenen Mauerstück.

Bunt sind die Steine dort, Künstler haben sie gestaltet, und Kritiker rümpfen ein bisschen die Nase darüber. Man hört immer wieder, die Mauer sehe hier ja aus wie im Disneyland und habe so gar nichts mit dem schrecklichen Bauwerk samt Hundeauslaufzone, Wachtürmen und "Todesstreifen" zu tun.

Dan weiß das, aber er findet es trotzdem gut, dass es dieses Stück noch gibt: "Man muss es sehen, um es zu begreifen. Heute können wir uns mit zwei, drei Klicks in virtuelle Welten bewegen, und damals wurden Menschen tatsächlich durch eine reale Mauer voneinander getrennt und konnten nicht zueinander."

Mit der App zur Mauer

Apropos virtuell. Natürlich macht auch das Erinnern Fortschritte. Lange Zeit konnte man der Mauer im innerstädtischen Bereich mit gesenkten Augen folgen. Am Boden wird der frühere Verlauf mit einer Doppelreihe Pflastersteinen kenntlich gemacht.

Doch anno 2019 funktioniert das auch auf neue Weise: "mauAR" heißt die App, die die Berliner Mauer rekonstruiert. Ein paar Klicks, dann sieht es am Brandenburger Tor ganz anders aus. Gerade noch war der Blick auf das berühmte Tor frei, man sieht Menschen durchbummeln.

mauAR aber stellt die Mauer wieder auf, das Tor ist jetzt zu, die Quadriga ist hinter grauer Mauer zu erblicken. "Vor 30 Jahren ist die Mauer gefallen. Das bedeutet, es gibt inzwischen eine ganze Generation, die die Mauer nicht mehr gesehen hat", sagt der Berliner Entwickler Peter Kolski. Zusätzlich erzählen ein Bub aus Ostberlin und ein Mädchen aus dem Westteil der Stadt ihre Geschichte.

Asbestverseuchter "Lampenladen"

Veranstaltungen und Ausstellungen zum 30. Jahrestag des Mauerfalls finden in Berlin schon das ganze Jahr über statt. Doch von 4. bis 10. November steigt dann die ganz große Party mit Licht- und Hörinstallationen, Ausstellungen und Filmen an sieben markanten Punkten wie dem Brandenburger Tor oder dem Alexanderplatz.

Die Fassade des Humboldtforums wird sich noch einmal in den Palast der Republik verwandeln und an Erich Honeckers asbestverseuchten "Lampenladen" erinnern, den es heute auch nicht mehr gibt. Er wurde 2006 abgerissen.

Der Palast der Republik, 1976 erbaut, 2006 abgerissen.
Foto: imago/blickwinkel

Einer der Höhepunkte soll die "Freiheitswolke" unweit des Brandenburger Tors sein. Dafür verknüpft der US-amerikanische Künstler Patrick Shearn von Poetic Kinetics 30.000 Zettel mit Wünschen und Visionen zu einer Installation und spannt sie entlang der Straße des 17. Juni auf. Erwartet werden 1,5 Millionen Besucher aus aller Welt.

Wenn diese wieder nach Hause zurückkehren, sollen sie eine Botschaft mitnehmen. "Wir wünschen uns, dass die Besucher reflektieren, dass eine demokratische Gesellschaftsordnung kein Selbstläufer ist", sagt Berger. Berlin-Werber Kieker sieht es ähnlich: "Gerade in Zeiten, in denen es schwieriger wird, erinnert der Mauerfall daran, dass Menschen die Geschichte positiv beeinflussen können." (Birgit Baumann, RONDO, 25.10.2019)

Webtipps:

mauerfall30.berlin
mauar.berlin
stiftung-berliner-mauer