Proteste gegen Korruption am Sonntag in Bagdad.

Foto: REUTERS/Thaier Al-Sudani

Ausgangssperre in acht irakischen Provinzen, scharf schießende Sicherheitskräfte und wieder dutzende Tote; der elfte Tag friedlicher Massenproteste im Libanon, einzelne gewalttätige Zusammenstöße, Angst vor dem Staatskollaps: In zwei Nahostländern, in denen das Verhältnis der Menschen zur Politik und zu ihrem Staat stark durch religiöse oder ethnische Zugehörigkeiten bestimmt wird, gibt es Demonstrationen, die alle Unterschiede verwischen. Es gibt nur eine Botschaft: Die politischen Eliten, ganz gleich welchen Hintergrunds, haben sich als unfähig erwiesen, es braucht einen völligen Neuanfang.

Wie die Protestbewegungen in Algerien und im Sudan, die heuer bereits zum Sturz der jeweiligen Präsidenten führten, haben auch jene im Irak und im Libanon keine klare organisatorische Führung. Im Irak überrascht die Vehemenz, mit der die Demonstranten den iranischen Einfluss ablehnen; im Libanon stellen sie das ganze auf religiösen Quoten basierende Regierungssystem infrage.

Das ist an sich der ermutigendste politische Ansatz, den man sich für die Menschen der Region nur wünschen kann. Aber die Angst geht um: im Irak vor der Brutalität, die von einer Regierung, die verbal Verständnis für die Demonstranten äußert, nicht gestoppt wird. Im Libanon droht der Staatsbankrott, am Montag bleiben die Banken den neunten Tag in Folge geschlossen. Den Menschen wünscht man, dass die neue "Arabellion" besser ausgeht als jene 2011. (Gudrun Harrer, 28.10.2019)