So hart wie Stahl waren die Verhandlungen der Metaller heuer nicht, man kam ohne Betriebsversammlungen und Warnstreiks aus.

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Wien – Als durchaus "robusten Abschluss" bezeichnet Wirtschaftsforscher Thomas Leoni vom Wifo das in der Nacht auf Dienstag erzielte Ergebnis der Metallerherbstlohnrunde. Die Löhne und Gehälter in rund 1200 Maschinenbau- und Metallverarbeitungsbetrieben steigen am 1. November um durchschnittlich 2,7 Prozent, je nach Qualifikation und Lohngruppe zwischen 2,6 und 2,8 Prozent. Die Erhöhung werde die Kaufkraft stärken und die Konjunktur stützen, sagt Leoni zum STANDARD.

Unsichere Zukunft

"Die Entwicklung in den letzten zwölf Monaten hätte auch einen höheren Abschluss zugelassen, aber es ist einfach die Dynamik, die sehr klar nach unten zeigt, und dementsprechend auch die Unsicherheit für die Zukunft, die hier hineingespielt hat." Es hatten wohl beide Seiten ein Interesse, rasch abzuschließen, denn der Abschwung hat seit dem Sommer an Fahrt gewonnen und den Verhandlungsspielraum eingeschränkt. Der Abschluss in dieser sehr von der Automobilwirtschaft und damit dem Export abhängigen Branche werde wohl "eine Herausforderung" für die Industrie. "Gemessen an Inflation und Produktivität ist der Abschluss am oberen Rand des lohnpolitischen Spielraums", sagt der auf Lohnentwicklung spezialisierte Ökonom des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Wiewohl eine Herausforderung für die Unternehmen, sieht Leoni die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie durch den Abschluss nicht gefährdet. Laut Wifo-Berechnungen hat sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Industrie gegenüber den Haupthandelspartnern im EU-Binnenmarkt zuletzt tendenziell verbessert. Die Lohnstückkosten, also die Arbeitskosten je produzierte Einheit, in der Herstellung von Waren waren seit der Krise rückläufig und zuletzt recht stabil. 2018 entsprachen sie dem Durchschnitt der Handelspartner, heißt es in der soeben publizierten Wifo-Analyse zu den Lohnstückkosten, während sich die Produktivität dynamischer, also besser, entwickelt hat.

Einigung in fünfter Runde des Metaller-KV
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Der Chef des Instituts für höhere Studien (IHS), Martin Kocher, sprach in der ZIB2 am Dienstagabend von einem "Abschluss am oberen Rand". Vergleiche man den erzielten Abschluss mit den derzeitigen Wirtschafts- und Inflationserwartungen, sei damit die "reale Lohnentwicklung gar nicht so schlecht", sagte Kocher.

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Eher Symbolcharakter attestieren Branchenbeobachter der Anhebung des Mindestlohns für die zwei untersten Verwendungsgruppen in der Metallindustrie von 1914 auf 2000 Euro. Mit diesem Plus von 4,4 Prozent haben die Gewerkschafter rund um Rainer Wimmer (Proge) und Karl Dürtscher (GPA) den angestrebten "Vierer vor dem Komma" doch noch erreicht. Sie lobten das Verhandlungsergebnis erwartungsgemäß ebenso als "fairen Abschluss", der der nicht rosigen Konjunktur Rechnung trage, wie Fachverbandsobmann Christian Knill betonte. Es sei ein vertretbarer Abschluss – um einen Prozentpunkt über der Inflationsrate.

Die Zahl der Profiteure dürfte allerdings überschaubar sein, betroffen sind vergleichsweise wenige Beschäftigte. Denn der Großteil der insgesamt rund 200.000 Arbeitnehmer in der gesamten Metallindustrie, also inklusive Bergbau-, Stahl- und Fahrzeugindustrie, verdient deutlich besser. Wifo-Mann Leoni gibt die Überzahlung bei Löhnen mit 17 Prozent an, bei den Gehältern der Industrieangestellten mit 25 Prozent.

Signalcharakter

Signalcharakter für andere Branchen haben 2000 Euro Mindestlohn allemal, insbesondere für die halbe Million Handelsangestellte in Österreich, deren Kollektivvertragsverhandlungen am Dienstag fortgesetzt wurden.

Sehr kritisch sieht diese Entwicklung Ulrich Schuh vom Wirtschaftspolitischen Zentrum (WPZ) Research. Zwar sehe der gesamte Abschluss auf den ersten Blick "relativ vernünftig" aus, weil es eine Einigung gab, mit der beide Seiten "leben können". Das könnte aber kontraproduktiv wirken, weil der Konjunkturabschwung die ohnehin enorme Arbeitslosigkeit von Niedrig- oder Unqualifizierten weiter hochtreibe. Unqualifizierte Kräfte würden dadurch verhältnismäßig teuer, was den Wiedereinstieg aus der Arbeitslosigkeit ins Erwerbsleben erschwere. Die Tendenz, die unteren Einkommen stärker anzuheben als die oberen, halte seit rund zehn Jahren an und verstärke dieses Problem, anstatt mit ausgewogener Lohnpolitik gegenzusteuern, mahnt Schuh. Letztlich treibe das die Automatisierung voran, was dazu führe, dass diese Arbeitsplätze für Geringqualifizierte und Hilfskräfte verschwinden. "In Österreich ist ein Fünftel der Arbeitslosen geringqualifiziert, ein unerträgliches Ausmaß", warnt Schuh. (Luise Ungerboeck, 29.10.2019)