Das Internet und seine unendlichen Weiten.

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Ein Leben ohne Internet ist möglich, aber sinnlos. Dieser leicht abgewandelte Spruch des deutschen Komikers Loriot trifft wohl auf die heutige Welt zu. Das Internet beeinflusst mittlerweile all unsere Lebensbereiche. Die jüngere Generation ist damit aufgewachsen und sieht es als selbstverständlich an – das war aber nicht immer so.

Deshalb blickt der STANDARD anlässlich des 50. Geburtstags zurück auf die Anfänge des Internets. Und wer könnte diese besser schildern als Informatiker? Deshalb hier fünf mehr oder weniger persönliche Rückblicke auf die Vergangenheit des Internets.

1. Florian Eckkrammer, Departmentleiter Computer Science am Technikum Wien

"Viele Internetnutzer kennen es nicht mehr, das piepsende Geräusch, das entstand, wenn sich ein Einwahlmodem mit dem Internet verbindet – in einer Zeit, als sich Modem und Telefon die Leitung teilten. Allzu oft ist ein Download von wenigen Megabytes unterbrochen worden, weil ein Anruf einging oder jemand aus der Familie einen Anruf tätigte. Das war besonders schmerzvoll, wenn man viele Minuten gewartet hatte, um eine (aus heutiger Sicht) sehr kleine Datei herunterzuladen, und kurz vor Fertigstellung der Download unterbrochen wurde. Wohl wissend, dass sich der Ausflug ins Internet als großer Posten auf der Telefonrechnung ausweisen wird und die Eltern damit gar keine Freude haben werden.

In der frühen Phase wurde der Nutzen des Internets von Firmen oft nicht erkannt und erst spät Präsenz gezeigt. Mit steigendem Netzausbau und Verbreitung änderte sich das aber grundlegend und führte zu einem regelrechten Hype, der im Jahr 2000 zum Börsencrash führte – zu hoch waren die Erwartungen an die Versprechen der Start-ups, die Anlegern rund um das Internet das schnelle Geld versprachen. Einfluss auf die Verbreitung des Internets hatte das kaum, das Internet wuchs und wächst weiter."

2. Ingo Feinerer, Leiter des Instituts Technik an der FH Wiener Neustadt

"In Österreich waren meine Erfahrungen mit dem Internet in den 90er-Jahren eher durch die limitierte Infrastruktur geprägt. Etwa erfolgte die Anbindung aller Computerräume in meiner Schule ans Internet mit einem einzelnen Modem. Dabei war es schon spektakulär, in versammelter Menge dem Einwählen zuzuhören. Im selben Jahr verbrachte ich im Sommer einen Aufenthalt in den USA, wo Freunde bereits zu Hause Internet mit Modem hatten. Nach der Rückkehr war es faszinierend zu beobachten, wie innerhalb von Monaten beziehungsweise einem Jahr auch bei uns dieser Trend um sich griff; so als ob man aus der Zukunft die Vergangenheit beobachten konnte."

3. Denis Helic, Studiendekan an der Fakultät "Informatik und Biomedizinische Technik" der TU Graz

"In den letzten Jahren waren wir Zeugen einer nachhaltigen Veränderung unserer Lebens- und Arbeitsweisen, bedingt durch die rasante Entwicklung des Internets und der darauf basierenden mobilen und Webanwendungen. Wikipedia ist heutzutage unumgänglich als Enzyklopädie und nimmt den fünften Platz der meistbesuchten Webseiten weltweit ein; auf Youtube findet man alles von den Anleitungen zum Reparieren eines Computers bis hin zu den Quantenmechanik-Vorlesungen am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

All diesen Beispielen ist eines gemeinsam: Sie stellen die traditionellen Systeme der Produktion, des Vertriebs und des Konsums der Inhalte auf den Kopf. Früher mussten die Studierenden zum Beispiel die Vorlesungen an ihrer Heimuniversität besuchen – heute können sie aufgezeichnete Vorlesungen an jeder beliebigen Universität "besuchen". Dies bedeutet, dass die heimischen Universitäten und ihre Vortragenden radikal umdenken und ihre Arbeitsweisen umstellen müssen – sie stehen ja in einer globalen und nur einen Klick entfernten Konkurrenz mit allen anderen Universitäten der Welt."

4. Marlies Temper, Studiengangsleiterin "Data Science and Business Analytics" an der FH St. Pölten

"Mit 16 habe ich das erste Mal das Internet besucht. Damals musste man sich noch mit einem Modem einwählen. Bei uns daheim haben das die Eltern erst ab 18 Uhr erlaubt, denn dann war es billiger. Wir durften das Internet auch nur für einen beschränkten Zeitraum nutzen und mussten die Zeiten aufschreiben. Wenn jemand online war, konnte man auch nicht gleichzeitig telefonieren. Natürlich gab es auch kein Internet am Handy. Es stand ein riesiger PC im Wohnzimmer. Die Eltern konnten also mitsehen, auf welchen Seiten man unterwegs war. Homepages waren damals grafisch fürchterlich in allen Farben leuchtend gestaltet und haben ewig gebraucht, bis sie sich aufgebaut haben. Da gab es kein schnelles Surfen und Nachschauen. Am Anfang gab es auch keine Suchmaschinen, man musste direkt auf die Seiten gehen, die man besuchen wollte. Als dann mit Altavista, Yahoo und Google die ersten Suchmaschinen kamen, war das ein wahnsinniger Fortschritt."

5. Christoph Mecklenbräuker, Professor am Institut Telekommunikation der TU Wien

"1991 habe ich als Diplomand an der TU Wien meine allererste E-Mail an einen internationalen Adressaten geschickt. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich die Route der E-Mail teilweise in der Adresse vorgeben musste, also explizit angeben, welche Rechner in welcher Reihenfolge meine E-Mail weiterzuleiten hatten. Bis 1997 war meine E-Mail-Adresse im Unternehmen auch noch recht kompliziert. Die Struktur lautete etwa: "hostname!username"@domain.firmenname.co.at – die Anführungszeichen waren Teil der Adresse. Das Suchen nach Dateien im Internet vor Google war eine echte Herausforderung. Es gab die Suche nach Dateinamen mittels "archie". Erst danach kamen Yahoo, America Online, Alta Vista, Lycos und irgendwann Google. Vor dem HTML-basierten Web gab es eine baumartige Vernetzung von Informationen mit dem Namen Gopher." (Andreas Gstaltmeyr, 31.10.2019)