US-Präsident "Donald Trump" ist hier in einer eindeutigen Pose mit "Miss Mexico" zu sehen. Alison Jackson spielt bewusst mit der Erwartung und der täuschbaren Wahrnehmung des Publikums.

Foto: Alison Jackson

Wahrnehmung und Täuschung geben sich bei der Arbeit von Alison Jackson die Klinke in die Hand. Die Künstlerin lichtet gewöhnliche Menschen als Berühmtheiten in teils alltäglichen, teils obszönen Szenen ab. Trotz des unterhaltsamen Charakters fordert sie das Publikum dazu auf, einen kritischen Blick auf die Bilder zu werfen. Anlässlich der Ausstellung Fake Truth im Wiener Westlicht haben wir mit der Fotografin gesprochen.

STANDARD: Vor 20 Jahren zeigten sie bereits Lady Diana mit ausgestrecktem Mittelfinger, was seinerzeit einen Skandal ausgelöst hat. Haben Ihre Bilder heute immer noch denselben Effekt?

Jackson: Das Bild von Lady Diana entstand unter anderen Umständen. Die Menschen dachten, dass sie sie persönlich kannten. Dabei war Diana ein Konstrukt der Medien. Heute werden wir im Sekundentakt rund um die Uhr mit Wisch-Nachrichten bombardiert. Donald Trump ist jemand, der das zu hundert Prozent verstanden hat. Er ist ein Meister der Manipulation und der Medien. Wir lieben es, ihn zu hassen. CNN und die New York Times wären nicht mehr im Geschäft, wenn Trump nicht wäre.

STANDARD: Unser Umgang mit Bildern und den Medien hat sich nicht verbessert?

Mit diesem Bild von "Lady Diana", die ihren Mittelfinger herausstreckt, ist die britische Fotokünstlerin Alison Jackson (li.) berühmt geworden. Es brachte ihr aber auch einigen Ärger ein.
Foto: Peter Coeln

Jackson: Es ist schlimmer geworden, weil wir nicht wegschauen können. Die Medien sensationalisieren alles. Es liegt in der Natur der Fotografie, trügerisch zu sein. Wir glauben, dass wir Bildern blind vertrauen können, aber sie verführen uns. Wir sind gefangen in einer fabrizierten Medienblase.

STANDARD: Es gibt keine wahrhaftige Darstellung mehr?

Jackson: Jeder kann mit seinem Smartphone Bilder schießen, sie direkt bearbeiten und irgendwo hinschicken. Es gibt keine Möglichkeit mehr, die Wahrheit herauszufinden. Und überhaupt: Was bedeutet Wahrheit noch? Wahrheit ist tot. Wir können nie hinter die Kulissen der Personen des öffentlichen Lebens blicken, sehen nur den Teil, den sie uns präsentieren.

STANDARD: Für wie gefährlich halten Sie diese Entwicklung?

Jackson: Für absolut alarmierend. Was soll erst in zehn Jahren auf uns zukommen? Dann wird es nicht nur Facebook, Twitter, Instagram, sondern noch weitere Verbreitungsmittel geben. Man kann solche Dinge zwar etwas regulieren und Nein zu Deep Fakes und Fake-News sagen. Diese Technologien sind mittlerweile aber sehr hoch entwickelt.

STANDARD: Nutzen Sie diese Technologie nicht auch?

Jackson: Mit meiner Arbeit versuche ich Fragen aufzuwerfen, etwa weshalb wir so besessen von diesen Bildern sind. Die Leute werden von Bilderfluten überwältigt. Die einzige Ausflucht sind daher Unterhaltung und Amüsement. Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, also sind Neuigkeiten so konzipiert. Ich kann es kaum erwarten, aufzuwachen und neue schlechte Nachrichten zu erfahren (lacht).

STANDARD: Worin liegt die Sehnsucht für diesen Sensationalismus?

Die Schauspielerinnen und Schauspieler, die Jackson findet, haben oft eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Original. Hier ist etwa die "Queen" auf dem Klo zu sehen.
Foto: Alison Jackson

Jackson: Es ist ein Teil unserer Imagination. Uns Zuschauern wird sehr viel Macht überlassen. Unsere Fantasie ist aufregend. Im Grunde genommen basiert Pornografie auf unserer Einbildungskraft, diese muss aber nicht sexuell sein. Schauen Sie sich Kim Kardashian oder eben Trump an. Sie haben fast schon einen Comiccharakter. Das Falsche ist das neue Reale.

STANDARD: Wie hat sich Ihre Arbeit im Zuge Ihrer Beschäftigung mit Wahrnehmung und Täuschung verändert?

Jackson: Ich suche ständig nach den privaten, den voyeuristischen Momenten. Diese sind heute sehr schwer einzufangen, da die Promis mittlerweile ihre PR-Berater haben. Ich möchte dem Publikum aber bewusst machen, dass es unethisch und unmoralisch ist, in das Privatleben anderer Leute über Bildmedien zu glotzen.

STANDARD: Sie haben gesagt, dass Sie Ihre Arbeit nicht als politisch verstanden wissen möchten.

Jackson: Schauen Sie sich dieses Bild mit dem Trump-Lookalike und dem Ku-Klux-Klan an: Trump selbst hat sich nie klar dazu geäußert, ob er den Klan unterstützt oder nicht. Man kann aber nicht von der Hand weisen, dass Trumps Kernwählerschaft aus weißen Rechtsextremen besteht, die er direkt über Twitter erreichen kann. Worauf ich hinauswill, ist, dass Politiker auch wie Promis behandelt werden. Promis sind wichtiger als Werte. Und Trump ist natürlich kein Politiker, sondern ein TV-Star. Was auch zeigt, dass wir unsere politischen Anführer nicht nach rationalen Maßstäben auswählen, sondern nach ihrem Wow-Effekt. Kim Kardashian könnte die nächste US-Präsidentin werden, wer weiß.

STANDARD: Haben die sozialen Medien unsere Selbstwahrnehmung dahingehend beeinflusst?

Jackson: Jeder kann heutzutage berühmt werden, oder nicht? Es ist fast schon ein integraler Teil unseres Gehirns geworden. Selbstgefälligkeit, Narzissmus, nur ich, ich, ich und ein arroganter, Ansprüche erhebender Haufen. Dieses System kreiert raue und ungehobelte Leute, die alle denken, dass sie etwas zu sagen hätten. Ich bin mir nicht sicher, ob Letzteres unbedingt der Wahrheit entspricht. Es erschreckt mich auch, dass viele besonders beim Bild von Trump und dem Ku-Klux-Klan lachen. Sie haben auch gelacht, als Sie das Bild gesehen haben!

Alison Jackson arbeitet nicht nur mit Fotos, sondern auch mit Videoaufnahmen, etwa von "Kim Kardashian" und "Kanye West".
Foto: Alison Jackson

STANDARD: Ja, habe ich. Weil das Bild so absurd erscheint.

Jackson: Ist es wirklich so absurd? Trumps Vater war immerhin beim Klan. Es ist alles andere als lachhaft, dass Schwarze Menschen in den USA weiterhin vom Ku-Klux-Klan umgebracht werden. Aber anstatt aktiv zu werden, lachen wir solche Bilder einfach weg. Das ist entsetzlich, finden Sie nicht? (Huy Van Jonny Diep, 30.10.2019)