Rund 650 Punkrock-Nostalgiker versammeln sich pro Tag am Sbäm-Festival in Wels.

Foto: Sbäm

Sbäm-Gründer Stefan Beham mit einigen seiner Designs. Vor allem US-amerikanische Bands engagieren den Oberösterreicher regelmäßig.

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Der Stage-Dive: eine beliebte Form des Ausdruckstanzes bei Punkrock-Konzerten.

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Bunt gefärbte Haare, eine Hose mit Löchern und möglichst viele Aufnäher von Bands auf einer abgetragenen Lederjacke, deren Namen dem Gros der Bevölkerung nichts sagen. Der Ursprung dieses Erscheinungsbilds geht auf die Punkbewegung der späten 70er-Jahre in Großbritannien und den USA zurück. Nach einem Abschwung entdeckte rund 20 Jahre später eine weitere Generation die Musik, die Optik, den Lebensstil für sich. Entsetzte Eltern, die sinnbildlich für die konservative Gesellschaft herhalten mussten, wurden ignoriert. Man gab sich gegenseitig Halt.

Was ist eigentlich aus den Punkrockern der 90er- und 2000er-Jahre geworden? "Punk's not dead" – diese berühmte Zeile ziert Wände in Großstädten auf der ganzen Welt. Tot ist der Punkrock tatsächlich (noch) nicht, aber die Generation, die ihn prägte, ist erwachsen geworden. Sowohl auf als auch abseits der Bühne. Den Beweis dafür liefert hierzulande das zweimal jährlich stattfindende Sbäm-Fest, ein zweitägiges Punkrock-Festival im Alten Schlachthof in Wels. Im Frühjahr und im Herbst versammelt sich dort die österreichische Szene und lauscht verzerrten Vier-Akkorde-Folgen, untermalt von einem prügelnden Schlagzeugsound. So passiert es auch dieses Wochenende, Allerheiligen, mal etwas anders.

Kein Nachwuchs

Jugendliche Gesichter finden sich beim Punkrock-Klassentreffen kaum, sie haben sich Hip-Hop und ähnlichen Musikstilen zugewandt. Die älteren sind dafür seit mehr als einer Dekade dieselben. "Unsere Besucher sind im Schnitt 30 bis 35 Jahre alt. Wer mit einem Skateboard sowie Nofx, Bad Religion und Pennywise aufgewachsen ist, kommt zum Sbäm", sagt Veranstalter Stefan Beham.

Klänge wie beim Sbäm-Fest gibt es in den Charts schon lange nicht mehr zu hören. Der Skatepunk der späten 90er dominiert das Feld. Dementsprechend sind viele der Künstler bereits im Herbst der Karriere angekommen. Doch der Erfolg gibt Beham recht. Seit der Erstauflage im Jahr 2017 ist das Festival mit rund 650 Punk-Nostalgikern pro Tag jedes Mal ausverkauft. Rund die Hälfte der Karten geht laut Beham ins Ausland, im Inland reisen viele aus Wien an.

Zeiten ändern sich

Der zweite Tag des Festivals unterstreicht zumeist, dass 15 bis 20 Jahre nicht spurlos an den Besuchern vorübergegangen sind. Damals gab es nach einer Nacht im Zelt auf dem schiefen Waldboden in Wiesen, im Auto oder sonst wo Frühstück in Form einer Aludose. Zisch. Prost. Heutzutage hat das Hotelbett gegenüber Zelt und Auto in den meisten Fällen Vorrang. Zum Frühstück gibt es anstelle von Bier Wasser und Thomapyrin. Eingangs erwähntes Erscheinungsbild hat sich ebenfalls gewandelt. Mittlerweile bilden graue Strähnen und schütteres Haupthaar die Antithese zum Irokesen.

Der einstige Punk aus dem Skatepark hat gelernt, sich mit einem System zu arrangieren, gegen das er grundsätzlich immer noch ist. Ohne den spießigen Job könnte man allerdings die Rahmenbedingungen nicht herstellen, die es braucht, um sich beim Sbäm mit anderen zu treffen, denen es genauso geht.

Nostalgie und Wiederholung

Seit rund 25 Jahren lauten die großen Namen der Szene Bad Religion, Nofx, Pennywise, The Offspring, Anti-Flag, Dropkick Murphys und Millencolin. Ohne Änderung in Sicht. Die Headliner von Punkfestivals des vergangenen Jahrzehnts lassen sich weltweit vermutlich auf rund 15 Namen reduzieren. "Der Markt ist vollkommen übersättigt mit Musik, Jugendliche hören lieber Cloud-Rap, und die Soundtracks von Filmen haben sich geändert. Bei College-Filmen wie American Pie lief Punkrock", begründet Beham den Mangel an szeneinternem Nachwuchs.

Natürlich gebe es großartige junge Bands, zu den Großen aufzuschließen schaffen sie aber seit Jahren nicht. Hier kommt der Faktor Nostalgie ins Spiel. Viele verbinden mit den Doyens der Szene ihre Jugend, gehen auch noch zu deren Konzerten, sind dem damaligen Lebensstil aber entwachsen und beschäftigen sich nicht mehr mit Newcomern.

Sbäm als Geschäftsmodell

Beham hat sich rund um die Marke Sbäm, die lautmalerisch für seinen vollen Namen Stefan Ägidius Beham steht, ein Leben aufgebaut. Sbäm vereint Konzerte, das Designen von Tourpostern, Plattencovern und Merchandise für Bands und ein Plattenlabel. 2014 gewann der 37-Jährige einen international ausgeschriebenen Designwettbewerb für Lagwagon-Frontman Joey Cape und hat sich in Sachen Artwork seither auf der ganzen Welt und besonders den USA einen Namen gemacht. Designs bilden das Steckenpferd seiner Arbeit, die Konzerte und das Plattenlabel seien eher zufällig dazugekommen. Er habe es einfach probiert. Seit heuer "geht es sich aus", dass Beham davon lebt, zuvor war er in unterschiedlichen Agenturen angestellt.

Dennoch blickt der Oberösterreicher eher pessimistisch in die Zukunft. Mehr als zehn Jahre auf der Bühne traut er den meisten musikalischen Aushängeschildern nicht mehr zu und bis dahin "muss sich etwas ändern, wenn noch jemand auf ein Punkfestival gehen will". Eine Renaissance des Punkrock steht zwar nicht bevor, doch in der Musikbranche kehren Trends immer wieder mal zurück. Dass sich Jugendliche gegen ihre Eltern auflehnen, wird auch weiterhin passieren, das hat mit Szenezugehörigkeit nichts zu tun. Und wer weiß, vielleicht finden kommende Generationen wieder Gefallen an schnellen verzerrten Gitarrenriffs, politisch motivierten Texten und abgefuckten Lederjacken. (Andreas Danzer, 1.11.2019)