Bücher gibt es, weil sie "gemacht" werden. Für den Soziologen Pierre Bourdieu ist der Verleger "eine dubiose Figur, durch die die Logik der Ökonomie in das Herz der literarischen Produktion gebracht wird".

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Nirgendwo kommen sich Bücher und Menschen schneller näher als auf einer Buchmesse. So wird es auch bei der Buch Wien, Österreichs größter Bücherschau, zwischen 6. und 10. November wieder sein.

An die 400 Aussteller aus 15 Nationen zeigen, was sie am besten können: jede Menge Buchneuerscheinungen. Bücher gibt es, weil sie "gemacht" werden. Vom Selfpublishing soll hier keine Rede sein. Dieses Jahr feiern viele Verlage große und kleine Jubiläen – Grund genug für eine Verlagsrundschau.

Mit einer knapp 500-jährigen Verlagsgeschichte ist Orell Füssli einer der ältesten deutschsprachigen Verlage. Uralt ist auch der Verlag Anton Pustet aus Salzburg mit über 400 Jahren, Braumüller aus Wien feierte vergangenes Jahr sein 235-jähriges Bestehen. Auch neue Verlage feiern ihr vergleichsweise junges Dasein: zehn Jahre Müry Salzmann, zehn Jahre Septime und 25 Jahre Folio.

Solche kleineren Verlage arbeiten konzernunabhängig, also in voller Eigenverantwortung für Wohl und Wehe ihres Unternehmens. Und sie stehen für die Liebe zum Buch, die Notwendigkeit seiner Produktion, für den Willen, Menschen zu bereichern, für Instinkt und Leseförderung.

Ohne manch leidenschaftliche Verlegerpersönlichkeit gäbe es manch bedeutendes Buch nicht. Aber die Buchmenschen wollen sich auch ernähren. So sind sie im besten Fall auch knallharte Geschäftsleute mit einem Hang zum Idealismus. Kurzum: In einem Buch steckt unendlich viel Arbeit.

Zugpferde sind da nicht schlecht

"Meine Verlagsgeschichte beginnt vor 30 Jahren. 1989 war also auch in meiner Berufsbiografie das 'Wendejahr'", erzählt Mona Müry und begeistert sich noch immer für die "Druckereiwelt" bei Pustet. Nach 20 Jahren war aber Schluss.

"Und was dann kam, ist mir ein Erweis, dass man die wesentlichen Dinge des Lebens nicht planen kann", schildert die Verlegerin die Gründung ihres Verlags Müry Salzmann 2009 in Salzburg. Rückblickend verdanke sie den "intensiven Begegnungen mit Menschen" die "schönsten Bücher", sagt Müry.

Zum Verlagsprofil zählen "Architektur, Kunst, Theater, Geschichte, Kultur und Lebenskunst". Der Autor Walter Kappacher brachte 2014 die Literatur ins Haus, die derart zündete. So sind inzwischen die literarischen Werke, erkennbar an der blütenweißen, reduzierten Buchgestaltung, zu einem "ansehnlichen Turm angewachsen", darunter finden sich etwa die Debüts von Laura Freudenthaler, Lydia Haider, Elke Laznia – längst anerkannte und hochproduktive Autorinnen.

Laut dem Soziologen Pierre Bourdieu ist der Verleger "eine dubiose Figur, durch die die Logik der Ökonomie in das Herz der literarischen Produktion gebracht wird", für den Journalisten Fritz J. Raddatz hat derselbe "auf gar keinen Fall: ein eigenes Leben", und mit den Worten des Verlegers Klaus Wagenbach "muss man diesen Beruf mit voller Überzeugung und Vollgas ausüben".

Ludwig Paulmichl leitet gemeinsam mit Hermann Gummerer den Folio-Verlag mit Sitz in Bozen und Wien. Was macht ihn zum Verleger? "Jeder Verleger, der aus programmatischem Antrieb einen Verlag gründet und nicht aus betriebswirtschaftlichem Kalkül, glaubt, dass er die Welt durch seine Bücher besser erklären kann. In dem kulturellen Engagement liegt etwas Weltverbesserisches."

Grenzenlos und interkulturell

Mögliche schlaflose Nächte seien die Folge der nur schwer steuerbaren Wünsche der Leserschaft. "Da sind wir dann oft schon sehr beleidigt mit der Welt, wenn unsere Angebote nicht ganz honoriert werden", sagt er. Folio steht für ein "ambitioniertes, kulturell anspruchsvolles Programm mit derzeit knapp 450 lieferbaren Titeln in den Bereichen Literatur, Sachbuch und zeitgenössische Kunst".

Bei Folio lebt man grenzenlos und agiert zwischen den Kulturen und Sprachen: Anhand zahlreicher Übersetzungen lässt sich der südosteuropäische Raum erschließen. Es finden sich Gegenwartsautoren aus Slowenien, Serbien und Kroatien im Programm, in der Klassikerreihe Unvergessene wie Pasolini.

Auf poetische Reisen begibt man sich am besten mit den Büchern von Paolo Rumiz. Folio bedeutet aber auch Krimi – aus Italien. Carlotto, Scerbanenco und Konsorten sind stilistisch mit allen Wassern gewaschene politisch-gesellschaftliche Sezierer.

Im Vergleich zu Verlagskonzernen mit großem Werbebudget müssen sich kleinere Verlage oft besonders um den Markt bemühen. Zugpferde sind da nicht schlecht. Die renommierte Publizistin und Autorin Eva Rossmann ist beispielsweise so eines.

"Wir behaupten uns ja nicht gegen Verlagskonzerne, sondern versuchen unsere Bücher im Buchhandel sichtbar zu machen. Unsere primären Kunden, die wir überzeugen müssen, sind die Buchhändler", so Paulmichl. Denen erzählten sie dann, dass sie mit Eva Rossmann die spannendste österreichische Krimiautorin in jedem Herbstprogramm hätten.

Zugpferd hin oder her, es geht meist um Qualität und die Frage, wie viele "Kann"- und "Muss"-Bücher es tatsächlich braucht, um wirtschaftlich zu bestehen. Für Mona Müry gibt es "unter den Büchern keine Zweiklassengesellschaft. Es gibt kein Buch, das wir machen müssen. Bei uns gibt es nur Bücher, die wir machen wollen."

Selbstverständlich tragen aber wirtschaftlich stärkere oder besser geförderte Titel andere mit. "Und wie sich Qualität, literarische Qualität definiert, ist schwer zu sagen. Qualität und Quote schließen sich meistens aus, zum Glück aber nicht immer. Beides zu treffen, ja, das wäre die Kunst", resümiert die Verlegerin. Ob es allerdings für Kunst außer als Einzelereignis in unserer seltsamen Zeit einen Platz gibt, bezweifelt sie.

Besorgt über die allgemeine Bücherflut

"Seltsame Zeit" ist freundlich ausgedrückt angesichts der Horrormeldungen, die die Buchbranche regelmäßig aufscheuchen, von der zunehmenden Digitalisierung ganz abgesehen. Zuletzt: der zahlenmäßig schwindelerregende Leserschwund und die Zitterpartie um die Rettung des insolventen Buchgroßhändlers KNV (Koch, Neff und Volckmar).

Eine generelle Krise des Lesens oder des Buches sieht Folio-Mann Paulmichl nicht, er glaubt, dass genug gelesen wird. Vielmehr äußert er sich besorgt über die "allgemeine Bücherflut" und die Frage, ob angesichts dessen auch das kommende Frühjahrs- oder Herbstprogramm ausreichend gekauft wird. Aktuell ist erfreulicherweise von einem Umsatzplus im österreichischen Buchhandel zu berichten.

Was Veränderungen betrifft, hebt Mona Müry eher auf die Konstanz der Nichtveränderung ab, man habe allein immer noch zwei Programmsaisonen, in denen die Bücher erscheinen und auch im Handel landen (Frühjahr/Herbst). Mit obigen Horrormeldungen habe sie gelernt zu leben.

Sie erwischen einen Verlag in dieser kleinen Größenordnung nicht mit voller Breitseite, sagt sie. Auf das "veränderte, von manchen als verkümmert bezeichnete Leseverhalten" wird folgendermaßen reagiert: "In unseren Büchern ist nichts komplizierter als notwendig, sondern so einfach wie möglich, aber eben auch nicht einfacher."

Der Weg ist das Ziel

Jürgen Schütz vom Septime-Verlag aus Wien geht bereits von der dritten Generation aus, die wenig bis nichts lese. Er plädiert dafür, dass wir alle, Verlage, Buchhandlungen, Schulen und Feuilletons, die Kurzgeschichte, die in unseren Breiten nie ein hohes Ansehen genoss, mehr fördern sollten. Als Beispiele nennt er Poe und Philip K. Dick.

Septime betrat 2009 die Verlagsbühne, und zwar mit Erzählungen aus und über Lateinamerika, darunter Texte von Julio Cortázar und Roberto Bolaño erstmals in deutscher Übersetzung. Das kam einer kleinen Sensation gleich. International aufgestellt ist der Verlag für "kompromisslose Literatur mit hohem Anspruch an Qualität und Rarität" bis heute.

Es erscheinen drei bis sechs Titel pro Halbjahr, unter ihnen auch deutschsprachige Autoren. Vollständig liegt inzwischen die siebenbändige Werkausgabe der Erzählungen der US-Amerikanerin James Tiptree Jr. vor, ein Klassiker der Science-Fiction-Literatur.

Über die Jahre schält sich also so etwas wie ein Verlagsprofil heraus, das persönliche Vorlieben des Verlegers, spezielle ästhetische Konzepte und gesellschaftliche Relevanz miteinander verbindet, wie etwa in den Werken von Ryû Murakami oder Nona Fernández.

"Würde es nicht um persönliche Vorlieben gehen, würde die Arbeit keinen Spaß machen, denn zum Reichwerden ist ein Verlag schon lange nicht mehr da. Wir versuchen stets Bücher in unser Programm aufzunehmen, bei denen der Weg das Ziel ist", sagt Schütz.

Kein schlechtes Motto für den Buchhandel und die Verlagsbranche ganz allgemein. (Senta Wagner, 2.11.2019)