"Dead to Me" liefert einen feministischen Blick auf die Freundschaft zweier Mittvierziger-Frauen.

Foto: AP/Saeed Adyani

Der Tod kommt in der Regel mit sozialen Konventionen daher. Wohlmeinende, tröstende Worte müssen von den Angehörigen stoisch oder mit anerkennender Miene entgegengenommen werden – echte Gefühle sind schließlich Privatsache. Nicht so für Jen Harding (Christina Applegate). Nach dem Tod ihres Ehemanns verweigert die Immobilienmaklerin konsequent die Rolle der still trauernden Witwe.

"Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was du durchmachst", säuselt da eine Nachbarin, während sie eine Auflaufform mit undefinierbarem Inhalt überreicht. "Es ist, als wäre Jeff von einem Auto totgefahren worden, ganz unverhofft und brutal. So in etwa", lautet Jens Antwort.

Freundschaft trotz aller Gegensätze

Dass der Lenker des Wagens Fahrerflucht begangen und Ehemann Jeff am Straßenrand hat verbluten lassen, ist nicht der einzige Grund für Jens regelmäßige Wutausbrüche. In der Selbsthilfegruppe "Freunde des Himmels", wo Trauernde vor der kitschig-schönen Küste Kaliforniens ihre Gefühle teilen, eckt die Zynikerin an und fühlt sich doch gleich anzogen von der neuen Teilnehmerin, die völlig anders mit ihrer Verlusterfahrung umgeht.

Judy Hale (Linda Cardellini) schwankt zwischen Selbstzweifeln und Depression und hat dennoch für jeden ein Lächeln parat. "Ich meditiere", sagt Jen, wenn sie im Auto Death Metal auf volle Lautstärke dreht, während Judy die Räucherstäben anzündet. Einige nächtliche Telefonate und Gläser Wein später entspinnt sich zwischen den beiden Frauen trotz aller Gegensätze eine innige Freundschaft, der in "Dead to Me" dunkle Geheimnisse im Wege stehen.

Grandiose Besetzung

Dass Cliffhanger und dramatische Enthüllungen in "Dead to Me" stellenweise etwas holprig daherkommen, fällt dank der grandiosen Besetzung kaum auf. Produzentin Liz Feldman verpflichtete nicht nur Serienstar Linda Cardellini ("Freaks and Geeks", "Mad Men", "Bloodline"), sondern auch Christina Applegate (bekannt aus "Eine schrecklich nette Familie"), die in den bisher zehn Folgen der Netflix-Serie brilliert.

Jen hält sichtlich angestrengt ihre KundInnen mit Häppchen und Smalltalk bei Laune, leidet unter den Ansprüchen der Schwiegermutter und versagt wiederholt als mütterliches Vorbild. Gerade recht kommt da Freundin Judy, die nicht nur für Jen, sondern auch für ihre beiden jugendlichen Söhne Gefühle entwickelt.

Aus der weiblichen Perspektive

Hinter "Dead to Me" steht ein überwiegend weibliches Team – ein bewusster Schritt von Produzentin Feldman, die die Serie aus einer weiblichen Perspektive erzählen wollte. Dementsprechend nuancenreich sind nicht nur die Charaktere geraten, sondern auch die Darstellung der Freundschaft zweier Mittvierziger-Frauen.

Netflix

Es ist dieser feministische Blick, der so viele aktuelle Produktionen von den Serien vergangener Jahrzehnte abhebt – der "Bechdel-Test" muss da nicht mal mehr bemüht werden. "Männer bezeichnen Frauen viel zu oft als irre oder verrückt, um sie zu schwächen", erklärt Jen ihrer Freundin, nachdem deren Ex-Freund Steve sie grinsend als "ein bisschen irre" charakterisiert hatte. Spoiler Alert: Es sieht nicht gut aus für Steve in "Dead to Me". (Brigitte Theißl, 5.11.2019)