Im ersten Bezirk gibt es die meisten Fußgängerzonen Wiens. Touristen und Flaneure gefällt es.

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Wien – Neue Begegnungszonen, Fußgängerzonen, eigene Flaniermeilen durch Wien: Es ist nicht so, dass die rot-grüne Stadtregierung in den vergangenen Jahren dem Thema Fußgänger keine Bedeutung beigemessen hat. Im Modal Split, also der statistischen Verteilung der in Wien zurückgelegten Wege nach Verkehrsmitteln, ist der Anteil des Zu-Fuß-Gehens aber rückläufig: Von 2017 auf 2018 nahm der Anteil des Fußverkehrs von 28 auf 26 Prozent ab – während im gleichen Zeitraum die mit dem Pkw zurückgelegten Wege von 27 auf 29 Prozent stiegen. Damit war im Vorjahr der Anteil des Zu-Fuß-Gehens im Modal Split geringer als im Jahr 1993.

Dabei hat sich auch zuletzt einiges in der Stadt getan. 2014, nach der mit vielen Diskussionen verbundenen Umgestaltung der Mariahilfer Straße, stand am Ende die damals 90. Fußgängerzone in Wien fest. Aktuell gibt es laut MA 46 (Verkehrsorganisation und technische Verkehrsangelegenheiten) bereits 95 Fußgängerzonen in der Hauptstadt, wie es aus dem Büro von Vizebürgermeisterin Birgit Hebein (Grüne) auf Anfrage des STANDARD heißt.

Das jüngste Projekt ist die Schulgasse in Währing: Dort wurde bis zum Herbst 2018 der Vorplatz der Bunten Schule umgestaltet, mit 301 Quadratmetern gibt es hier laut dem Sprecher von Hebein auch die kleinste Fußgängerzone Wiens. Ebenfalls im Vorjahr wurde der Pius-Parsch-Platz in Floridsdorf im Zuge eines Tiefgaragenbaus zum autofreien Areal.

Neue Fuzo noch in diesem Jahr

Aktuell umgestaltet wird die Königseggasse in Mariahilf zwischen Loquaiplatz und Otto-Bauer-Gasse: Hier wird bis Ende Dezember die 96. Fußgängerzone in Wien entstehen. Die Otto-Bauer-Gasse selbst wird am 18. November als Begegnungszone eröffnet. Mehr Aufenthaltsqualität im Grätzel sollen auch neue Grünflächen, Bäume und Sitzmöglichkeiten schaffen.

Fix ist bereits, dass 2020 die 100er-Marke geknackt wird: So werden Teile der Bloch-Bauer-Promenade im Sonnwendviertel in Favoriten sowie der Reumannplatz im Zuge eines Großumbaus zwischen Rotenhof- und Buchengasse zur Fuzo. Und in der Seestadt Aspern sind im Seeparkquartier gleich elf Projekte geplant: Gertrude-Bodenwieser-Gasse, Trude-Fleischmann-Gasse, Eva-Maria-Mazzucco-Platz, Anna-Bastel-Gasse, Frenkel-Brunswik-Gasse, Simone-de-Beauvoir-Platz, Lella-Lombardi-Gasse, Maria-Trapp-Platz, Beatrix-Kempf-Gasse, Lydia-Sicher-Gasse und Wangari-Muta-Maathai-Platz .

Dass Fußgänger von der Stadt wichtiger genommen werden und mehr Platz auch auf Straßen im öffentlichen Raum erhalten, zeigt zudem die historische Entwicklung: 1974, dem Jahr der ersten offiziellen Wiener Fuzo in der Kärntner Straße, dokumentierte die Stadt 1093 Meter Fußgängerzone. Die Zehn-Kilometer-Marke wurde im Jahr 1993 übersprungen. Im Vorjahr waren mehr als 21 Kilometer als Fußgängerzone verordnet (siehe Grafik).

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Größte Fußgängerzone in der City

Flächenmäßig führt die Wiener City klar das Ranking unter den Bezirken an, mehr als 91.000 Quadratmeter sind als baulich gestaltete Fußgängerzonen gelistet, gefolgt von Favoriten mit knapp 47.000 Quadratmetern. Hietzing hat hingegen als einziger Bezirk keine ausgewiesene Fußgängerzone – dafür aber freilich das riesige Schlossareal Schönbrunn. Insgesamt umfassen laut MA 46 alle Fußgängerzonen eine Fläche von 311.000 Quadratmetern. Zum Vergleich: 2011 waren es 253.000 Quadratmeter.

Wie also passt der Ausbau der Fußgänger- und Begegnungszonen mit dem schwachen Abschneiden des Fußgängeranteils beim Modal Split zusammen? Die Wiener Fußgängerbeauftragte Petra Jens kritisiert die Auswertung offen: "Das Zu-Fuß-Gehen ist im Modal Split unterrepräsentiert, der Erkenntnisgewinn für uns daher gering", meint sie.

So werden bei der Befragung von Wienerinnen und Wienern etwa Teilstrecken, die vor einer Öffi- oder Autofahrt zu Fuß zurückgelegt werden, nicht mitgezählt. Die Rangordnung der Zählung sehe so aus: "Auto sticht Öffis sticht Fahrrad sticht Zu-Fuß-Gehen", sagt Jens dem STANDARD. Außerdem würden auch Wege von Touristen oder Pendlern nicht erfasst.

Rotenturmstraße ab Donnerstag Begegnungszone

Das Primat des Autos müsse vor allem in den Außenbezirken zurückgedrängt werden. Das könne durch mehr Öffis, aber auch durch mehr Fußgänger- und Begegnungszonen gelingen. Letztere seien politisch "einfacher durchzusetzen", meint Jens. "Da kommt man auch Autofahrern und Firmen entgegen." Aber auch im innerstädtischen Bereich gebe es laut Jens "berechtigte Interessen", die Flächenverhältnisse zwischen Autos und Fußgängern weiter zu verschieben: Am 14. November wird etwa die Rotenturmstraße als Begegnungszone eröffnet. (David Krutzler, 13.11.2019)

Aktuell gibt es in Wien zehn Begegnungszonen.
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