Hochsensible nehmen ungefilterte alle Reize auf. Das macht sie anfälliger für Stress und Burn-out.

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Fährt Anna Maria Schwarzberg mit der Bahn zur Arbeit, riecht sie durchgehend den Dunst der Menschen, die Reste von Putzmitteln. Sie hört die Musik, die durch jeden Kopfhörer dringt, jedes Schnaufen und Husten, kann kein Gespräch um sich ausblenden. Sie spürt den Stoff des vorgewärmten Sitzes durch ihre Hose und wie sich die Menschen fühlen. So beschreibt es Schwarzberg in ihrem neuen Buch "Proud to be Sensibelchen" (Rowohlt-Verlag). Die Endzwanzigerin ist hochsensibel. Ihr Gehirn filtert die Reize nicht, blendet nichts aus, verarbeitet alles.

So wie Schwarzberg geht es laut Schätzungen etwa jedem Fünften bis Zehnten. Hochsensibilität ist ein Wesenszug, keine Krankheit. Erstmals beschrieb die US-Psychologin Elaine Aaron High Sensitive Persons (hochsensible Menschen) in den Neunzigern. Es gibt aber keine eindeutige Begriffsdefinition. Oft spricht man von hochsensibel, wenn jemand äußere Reize wie Gerüche, Geräusche oder Berührungen stärker wahrnimmt; von hochsensitiv, wenn jemand innere Reize wie Stimmungen, Gefühle anderer oder Erinnerungen stärker verarbeitet.

Die Forschung geht davon aus, dass Hochsensibilität etwa zur Hälfte vererbt, zur anderen entwicklungspsychologisch bedingt ist. Und dass Menschen nicht entweder hochsensibel sind oder nicht, sondern mindestens eine mittlere Ausprägung existiert. Dennoch ist sie kaum erforscht, Befunde fußen auf Selbsttests.

Perfektionistisch und selbstkritisch

Die verstärkte Wahrnehmung "lässt Hochsensible tief empfinden und erleben, empathisch, aber auch schmerz- und rauschempfindend, perfektionistisch und selbstkritisch sein, häufig auch überangepasst und weniger belastbar", fasst Schwarzberg zusammen. Besonders der Arbeitsalltag, sei für sie "strapaziös für Kopf und Körper". Wie in der Bahn kann sie im Großraumbüro ihre Umgebung nicht ausblenden: Hochsensible sind gefordert von lauten Gesprächen, Lachen, Telefonklingeln, Schritten, anschlagenden Tastaturen, offenen oder geschlossenen Fenstern. Auch etwa Streits mit Kollegen können sie mehr belasten.

Anne Heintze kennt diese Probleme. Sie ist Coach für Hochsensible – und selbst betroffen. Kürzlich erschien ihr Buch Hochsensibel im Beruf (mvg-Verlag). Hochsensible würden laut Heintze oft als "Mimose, Weichei oder Sensibelchen" abgewertet werden, dabei seien sie wichtige Arbeitskräfte. So arbeiteten sie genau, sähen Details oder Fehler, die anderen selten auffallen, hätten eine stark ausgeprägte Fähigkeit, Zusammenhänge zu sehen und Probleme in Abteilungen zu erkennen.

Auch hätten sie das Potenzial, schneller Stimmungen im Betrieb, Botschaften der Kollegen oder Chefs sowie Kundenwünsche und Strategien von Konkurrenten wahrzunehmen. Auch hochsensible Führungskräfte könnten etwa mit ihrem hohen Werteverständnis, Harmoniebestreben und ihrer Selbstreflexion punkten.

Anfälliger für Stress

Kreativberufe wie Künstler, Autor, Schauspielerin, Medien- oder Webdesignerin würden Hochsensiblen entsprechen, sagt Heintze. Aber auch Jobs mit Kundenkontakt wie im Vertrieb oder in sozialen und medizinischen Berufen, in denen Empathie gefragt ist. Neben ihrem Studium Public Management arbeitete Schwarzberg im Opferschutz der Stadt Hamburg und als freie Journalistin. Mit 25 Jahren hatte sie ein Burn-out. Viele Faktoren kamen zusammen. Einer davon: Sie war unglücklich in ihrem Job, der sie viel Energie kostete. Sie legte sich Strategien zurecht, um dort mit ihrer Empfindsamkeit umzugehen. Etwa einen Hyperfokus, doch das "ist wegen der großen Kraft, die man für die Konzentration aufbringen muss, stark erschöpfend." Die Folge: "Zu Hause komme ich erschöpft an und drohe manchmal schon an den simplen Anforderungen des Haushalts zu scheitern." Zu kündigen hielt Schwarzberg trotzdem für "undenkbar".

Hochsensible seien anfälliger für Stress und Burn-out als Normalsensible, sagt Coach Heintze. "Sie haben ein hohes Verantwortungsgefühl, sagen oft Ja zu Aufgaben, für die sie nicht zuständig sind." Schwarzberg verhielt sich ähnlich, engagierte sich "in Arbeitskreisen und für Themen, die mir eigentlich völlig egal waren, weil sie mir halfen, mich ins soziale Konstrukt einzufügen."

Sie würden auch öfter gemobbt, sagt Heintze. "Wer in der Mittagspause nicht mit den Kollegen essen will, sondern lieber allein auf der Parkbank isst, wird komisch angeschaut und letztlich aus gegrenzt." Deshalb, schreibt Schwarzberg, hätte auch sie mit den Kollegen gegessen, statt Kraft zu tanken. Hier wird klar: "Hochsensible brauchen eine unter stützende Arbeitsatmosphäre, um gut zu funktionieren", so Heintze. Die Aufmerksamkeit für Hochsensibilität sei zwar in den vergan genen Jahren gestiegen, das Bewusstsein in Unternehmen aber noch gering.

Viele Selbstständige

Man müsse die Personaler schulen, sagt Heintze. "Körpersprache, Wortwahl und Stimmlage können im Bewerbungsgespräch Hinweise geben." Denn: "Wenn diese zehn Prozent im richtigen Job sind und dort ihre Skills ausleben können, ist das ein enormer Input für die Firma." Chefs sollten in Einzelgesprächen fragen, welche Bedürfnisse die Mitarbeiter haben, etwa den Schreibtisch in der hintersten Ecke. Aber Achtung, sagt Heintze: "Ich halte es für gefährlich, wenn man sagt: ‚Ich bin hochsensibel und deshalb müsst ihr auf mich Rücksicht nehmen.‘ Man sollte auch sein Leben danach einrichten."

Und wenn man mit den Firmenstrukturen nicht klarkommt? Viele arbeiten selbstständig, weiß Heintze aus ihrem Coaching. Auch Schwarzberg ging diesen Weg. Zwei Jahre nach ihrem Burn-out machte sie sich als Autorin und Podcasterin selbstständig.