Aktuell stellt man sich das Aussehen von Lucy etwa so vor. Sie ging zwar schon auf zwei Beinen, intelligenzmäßig rangierte sie aber wohl noch unter rezenten Menschenaffen.
Foto: APA/AFP/ Cleveland Museum of Natural History/Matt Crow

In der äthiosemitischen Sprache Amharisch wird sie Dinkinesh genannt, "die Wunderbare", die restliche Welt kennt sie freilich als "Lucy" – eines der berühmtesten vormenschlichen Individuen überhaupt. Ihre Überreste wurden 1974 im Afar-Dreieck in Äthiopien am Ufer eines längst versiegten Gewässers von dem US-amerikanischen Paläoanthropologen Donald Johanson entdeckt, von zeitgenössischen Raubtieren glücklicherweise unberührt. Dies dürfte einer der Hauptgründe gewesen sein, warum die 3,2 Millionen Jahre alten Gebeine ein zwar nicht komplettes (rund 40 Prozent davon sind erhalten), aber sehr gut interpretierbares Skelett eines Australopithecus afarensis ergaben.

Umstrittene Zuordnung

Die Erstbeschreibung von Lucy sorgte zunächst für Diskussionen, unter anderem weil die weltbekannten Paläoanthropologen Mary Leakey und Richard Leakey Einspruch erhoben. Mittlerweile gilt die Zuordnung allerdings als gesichert. Ob Lucy bzw. Australopithecus afarensis jedoch tatsächlich einen direkten Vorfahren des modernen Menschen repräsentiert, ist nach wie vor unbewiesen. Zumindest aber wird eine unmittelbare Verwandtschaft mit der späteren Gattung Homo angenommen. Seinen prominenten Namen erhielt das Lucy-Fossil übrigens von dem bekannten Beatles-Song Lucy In The Sky With Diamonds, der am Tag der Entdeckung im Forschercamp mehrfach vom Tonband abgespielt wurde.

Man geht davon aus, dass es sich bei Lucy um ein Weibchen gehandelt hat, wirklich belegt ist das jedoch nicht. Zum Zeitpunkt ihres Todes – möglicherweise starb sie durch einen Sturz von einem hohen Baum – dürfte Lucy zwischen zwölf und 20 Jahre alt gewesen sein. Analysen der bisher bekannten Skelettteile zeigen ziemlich eindeutig, dass Australopithecus afarensis bereits aufrecht ging und vermutlich weit über einen Meter groß war. Andere anatomische Merkmale sprechen hingegen dafür, dass Lucy zumindest zeitweise auch auf den Bäumen lebte.

Das Original von Lucys Skelett wird heute in einem Tresor im Nationalmuseum von Äthiopien in Addis Abeba verwahrt.
Foto: Reuters/John Kappelman/The University of Texas at Austin

Die eher kleinen Zähne von Australopithecus afarensis lassen darauf schließen, dass sich diese Vormenschenart vor allem von Pflanzen und Nüssen ernährte. Für den Verzehr von Fleisch waren diese Zähne noch nicht scharf genug. Mit anderen Worten: Lucy war wohl noch keine Jägerin – eher eine Gejagte, gemessen an den vielen Raubtieren ihres Lebensraums – und daher vielmehr eine Sammlerin. Wie es um die geistigen Fähigkeiten von Lucy und ihren Artgenossen stand, ist jedoch bis heute ein Rätsel.

Die Schädelkapazität von Australopithecus afarensis betrug bis zu 450 Kubikzentimeter, was im Durchschnitt weitaus mehr ist als der Platz, der den Gehirnen heutiger Schimpansen oder Gorillas zur Verfügung steht. Und doch dürfte Lucy deutlich "dümmer" gewesen sein als alle modernen Menschenaffen. Davon zumindest geht ein Team um Roger Seymour von der University of Adelaide in einer Studie im "Fachjournal Proceedings of the Royal Society B" aus. Grundlage für diese Annahme ist die Blutversorgung des kognitiven Teils des Australopithecus-Gehirns, auf die sich aus der Größe jener Löcher im Schädel der Vormenschen rückschließen lässt, in denen die Hauptarterien Platz fanden.

Die Wissenschafter glichen die aus elf Australopithecus-Schädeln gewonnenen Beobachtungen von Arterienverläufen mit jenen von Menschen und anderen Säugetieren ab und stellten sie den Analysen von 96 Menschenaffen-Schädeln gegenüber. Das überraschende Ergebnis: Die Gehirne der modernen Menschenaffen, also Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans, sind allesamt wesentlich besser durchblutet, als es jene von Australopithecus afarensis waren.

Ein durchschnittlicher Berggorilla mag zwar ein geringeres Gehirnvolumen besitzen als Lucy – und doch ist er vermutlich intelligenter als sie es war.
Foto: AP/Felipe Dana

Die Synapsenanzahl gilt

"Das Resultat war unter uns Anthropologen unerwartet, immerhin ging man lange Zeit davon aus, dass die Gehirngröße in direktem Zusammenhang mit der Intelligenz steht", sagt Seymour. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass nicht allein die Menge der Hirnzellen, die mit der Gehirngröße korrespondiert, ein Messwert für die Intelligenz ist, sondern vor allem die Anzahl der Verbindungen zwischen den Neuronen. "Diese Verbindungen, auch bekannt als Synapsen, steuern den Informationsfluss im Gehirn. Je größer die synaptische Aktivität, desto umfangreicher die Informationsverarbeitung", so Seymour.

Um diese zerebrale Aktivität mit Energie zu versorgen, braucht es eine entsprechende Blutzufuhr, und die war bei Lucy und ihren Artgenossen vermutlich nur etwa halb so groß wie beim Gehirn eines modernen Gorillas, wie das Team um Seymour berechnet hat. (Thomas Bergmayr, 18.11.2019)