Ein halbes Jahr nachdem Massud Mossaheb, der Generalsekretär der österreichisch-iranischen Gesellschaft, in Teheran verhaftet wurde, berichtete DER STANDARD erstmals von dem Fall. Im Gastkommentar appelliert nun Mossahebs Tochter Fanak Mani an Österreich und die Europäische Union, "mehr für ihre Geiseln in Iran kämpfen". Lesen Sie dazu auch den Hintergrund, wie gefährlich der Iran für Doppelstaatsbürger ist.

"Mögen deine Hände niemals schmerzen." So lautet eine der unzähligen iranischen Höflichkeitsbekundungen, auf Farsi "Taarof" genannt. Taarof ist ein kulturelles Phänomen, bei dem viel Koketterie im Spiel ist. Wenn sich der Ladeninhaber etwa weigert, den Preis für eine Ware zu nennen, dann sagt er "Ghabel nadareh", was wörtlich übersetzt "Es hat keinen Wert" bedeutet. Im übertragenen Sinn heißt es aber, dass der Kunde wichtiger ist als die Ware und es beschämend wäre, einen Preis zu nennen. Redewendungen wie "Ich bin dein Sklave" oder "Eine Maus soll dich fressen" (heißt: "Du bist entzückend") gehören zu den Ritualen der persischen Kultur und klingen übersetzt skurril. In diesem Land, in dem Umgangsformen zelebriert werden, ist unser Vater seit nun zehn Monaten unrechtmäßig inhaftiert.

Iran ist in aller Munde. Heute weniger aufgrund der Vielfalt seiner Höflichkeitsfloskeln, sondern angesichts der imminenten Konflikte, dem gescheiterten JCPOA-Deal, und – last, but not least – inflationär zunehmender Menschenrechtsverletzungen. Nun möchte ich hier nicht politisieren, sondern über den Alltag unseres Vaters im Evin-Gefängnis in Teheran berichten.

Die "Evin-Universität"

Massud Mossaheb flog im Jänner 2019 als vitaler 72-jähriger austroiranischer Doppelstaatsbürger nach Teheran in seiner Funktion als Konsulent von Med Austron, jenem niederösterreichischen Prestigeprojekt, das mittels Ionentherapie Krebsbehandlungen durchführt und einen Krankenhausableger in Iran baut. Doch er kam am 29. Jänner nicht zurück nach Wien.

Ich möchte eine flüchtige Skizze aus Trakt 7 des Evin-Gefängnisses, ironisch auch "Die Universität" genannt, vorlegen. "Die Universität", weil dort eine große Zahl Intellektueller, Doppelstaatsbürger und Iran-Forscher wegen abstruser Spionagevorwürfe unrechtmäßig festgehalten werden. Der Raum, in dem mein Vater derzeit seine Tage verbringt, befindet sich im zweiten Kellergeschoß, ohne Tageslicht. 15 Häftlinge teilen sich auf 30 Quadratmetern Stockbetten, ohne Heizung derzeit bei Minusgraden im kalten Teheraner Winter. Die Zellengenossen unseres Vaters wurden entweder in geheimen Prozessen zu hohen Straf- und Geldzahlungen verurteilt oder warten wie er auf ihr Urteil beziehungsweise auf ihre Hinrichtung, die auch ihm angedroht wird.

Das Evin-Gefängnis am Teheraner Stadtrand ist bekannt für grausame Folter und unmenschliche Haftbedingungen.
Foto: Getty Images/Ulrich Baumgarten

Schachmatt in der Hölle

Nach fünf Monaten und lediglich zwei Besuchsmöglichkeiten wurde unser Vater in ebendiesen Trakt transferiert – allerdings erst nachdem er unter massivem Druck ein falsches, erzwungenes Geständnis abgelegt hatte. Er ist in den letzten Monaten ein gebrechlicher Mann geworden und bewegt sich heute mithilfe einer Krücke fort. Aufgrund seiner monatelang unbehandelten Vorerkrankungen beziehungsweise seines aktuellen Zustands besteht für ihn die Gefahr, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Unser Vater, der bis vor kurzem ein lebensfroher Mensch war, seinen Tag stets mit einer Melange im Café Landtmann begann und seine Heimat Wien mehr als jede andere Stadt liebt.

Inzwischen können wir regelmäßig mit unserem Vater sprechen und erfahren einiges über seinen Alltag. So etwa, dass die Häftlinge selbst für ihr Essen aufkommen müssen, da die Mahlzeiten ungenießbar sind. Über rührende Freundschaften, wie etwa jene mit einem Inhaftieren, der mit unserem Vater Mozartkugeln und Manner-Schnitten teilt. Von den Schachmeisterschaften, welche die Gefangenen untereinander organisieren, den Sprachkursen, die sie abhalten, um der Entmenschlichung zu entgehen.

Zeiten des Taarof sind vorbei

Massud Mossahebs Familie kämpft für seine Freilassung.
Foto: print

Wir, seine Familie, haben den exklusiven Draht zur Hölle. Wir hören sein verzweifeltes Flehen um Hilfe aus seiner österreichischen Heimat und seine Bitte nach einem Grab auf dem Döblinger Friedhof, damit er wenigstens tot in unserer Nähe sein kann. Trotz all der Widrigkeiten ist er ein Kämpfer und versucht seine Lebensgeister zu bewahren. Immer wieder wird ihm gesagt, dass sein Prozess demnächst vor dem "Revolutionsgericht" verhandelt werden soll, mit Anklage auf Spionage für aller Herren Länder, höchstwahrscheinlich in seiner und seines Anwalts Abwesenheit.

Ich wünschte, meine Heimat – Österreich und die Europäische Union – würde mehr für ihre Geiseln in Iran kämpfen. Der vorsichtige Austausch von Höflichkeiten – Taarof – erweist sich als Sackgasse. Wir reden hier nicht von Einzelfällen, sondern mittlerweile von systematischen Geiselnahmen. Sollte man nicht zuerst seine eigenen Leute zurückfordern, bevor man die profitablen Geschäfte mit Iran weiterführt? Wir werden uns jedenfalls nicht mit der Tatsache abfinden, dass ein unschuldiger Mann den Rest seines Lebens eingekerkert verbringen soll, und haben seine Freilassung zu unserem "ceterum censeo" gemacht.

Kürzlich wollten wir unserem Vater Viktor E. Frankls Buch "... Trotzdem Ja zum Leben sagen" zukommen lassen. Sätze wie der folgende sollten ihn zum Durchhalten motivieren: "Das Leben hat einen Sinn und behält es unter allen Umständen, auch im Leiden." Unserem Wunsch wurde, wenig überraschend, nicht entsprochen. (Fanak Mani, 4.12.2019)