Katzen gelten als geheimnisvoll und eigensinnig, Hunde dagegen als durchschaubar und einfacher gestrickt. Während Hundebesitzer die Gemütslage ihre Vierbeiner oft leicht an Gesichtsausdrücken erkennen (und umgekehrt), sind Katzen deutlich schwerer zu lesen. In früheren Studien kamen Forscher zu dem Schluss, dass Katzen nur eine eingeschränkte Mimik besitzen würden und überhaupt nur drei Gesichtsausdrücke bei diesen Tieren nachweisbar seien.

Grumpy Cat (2012-2019) brachte es mit ihrem mürrischen Gesichtsausdruck zum Internetstar. Immer grantig war sie freilich nicht.
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Eine neue Studie widerspricht diesem Befund: Wie Wissenschafter der University of Guelph in Ontario berichten, haben Katzen eine weitaus facettenreichere Mimik – Menschen können sie nur oft nicht lesen. Wie Georgia Mason und Kollegen im Fachblatt "Animal Welfare" schreiben, gibt es aber auch Personen, die sehr gut darin sind, die Gesichtsausdrücke der Stubentiger richtig zu interpretieren. Vor allem jüngere Frauen, die Erfahrungen in der Tiermedizin haben, erweisen sich demnach als begabt – selbst wenn sie keine besondere Zuneigung zu Katzen empfinden.

Katzenvideos für die Wissenschaft

Für ihre Studie führten die Biologen eine Umfrage mit 6.300 Teilnehmern aus 85 Ländern durch. Die Probanden mussten sich 20 kurze Katzenvideos aus dem Internet anschauen und einen Fragebogen ausfüllen. Die Forscher hatten Videos ausgewählt, die Katzen in sehr unterschiedlichen Gefühlslagen zeigen: Manche Tiere wurden gerade gestreichelt oder gefüttert, andere waren krank oder in für sie unangenehmen Situationen, denen sie zu entkommen versuchten. Auf Filme von Tieren, die offen Angst zeigten, wurde verzichtet.

Manche Katzen sind schwerer zu lesen als andere. Manche Katzenbesitzer haben einen Vogel.
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Zudem bekamen die Studienteilnehmer nur die Gesichtspartie der Katzen zu sehen, der Rest wurde geschwärzt, Ton war nicht zu hören. Dann sollten sie angeben, in welchem emotionalen Zustand sich die gesehenen Tiere befanden. Zur Auswahl standen die Antwortmöglichkeiten "positiv", "negativ" oder "Ich bin nicht sicher".

Persönliches Verhältnis irrelevant

Das Ergebnis war insgesamt nicht besonders gut: Im Durchschnitt lagen die Probanden nur zu 60 Prozent richtig. 13 Prozent der Studienteilnehmer schnitten jedoch deutlich besser ab, die Forscher bezeichnen sie als "Katzenflüsterer". Wie die Auswertung der Daten ergab, waren mehr Frauen unter den Katzenflüsterern als Männer. Insbesondere junge Frauen, die Erfahrungen im Bereich der Veterinärmedizin hatten, erzielten sehr gute Ergebnisse.

Spottet diese Katze über die Unfähigkeit vieler Menschen, ihre Gesichtsausdrücke zu lesen – oder ist das eine völlige Falschinterpretation? Testen Sie Ihr Können am Ende des Artikels.
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"Dass Frauen insgesamt besser abschnitten als Männer, passt zu früheren Untersuchungsergebnissen mit Menschen und Hunden", sagte Mason. "Frauen scheinen besser darin zu sein, nonverbale Signale zu entschlüsseln." Das persönliche Verhältnis der Studienteilnehmer zu Katzen scheint laut der aktuellen Untersuchung hingegen keine wesentliche Rolle zu spielen: Zur Überraschung der Forscher lagen Teilnehmer, die selbst Katzenbesitzer waren, mit ihren Einschätzungen nicht öfter richtig als Probanden, die keine besonderen Fans der Vierbeiner waren.

In einem nächsten Schritt wollen Mason und Kollegen die subtile Katzenmimik genauer charakterisieren. Sie vermuten, dass sich die Gabe der Katzenflüsterer erlernen lässt. "Das könnte dabei helfen, die Bindung zwischen Katzen und ihren Menschen zu stärken und damit auch das Wohlbefinden der Tiere zu steigern", sagte Mason.

Selbsttest für potenzielle Katzenflüsterer

Sind Sie ein Katzenflüsterer? Hier geht es zu einer Kurzversion des Tests der University of Guelph: -->"Are you a cat whisperer?"

(dare, 25.12.2019)