Russland. Ja, nein, vielleicht.

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Berlin – Persönlich liegt ihm das Eishockey zwar mehr am Herzen, doch die große Fußballbühne nutzt Wladimir Putin gerne für PR-Zwecke. Bei der Heim-WM 2018 sah man den russischen Präsidenten immer wieder zusammen mit Fifa-Boss Gianni Infantino, der in der Weltpolitik mitunter isolierte Putin hatte im Fußball stets einen Platz an der Sonne.

Doch bei der WM 2022 in Katar wird Putin auf der Tribüne nicht mit Infantino um die Wette lächeln können, ihm wird quasi der Zutritt verweigert. Von der Vierjahressperre gegen Russland wegen der fortgesetzten Dopingmanipulation sind auch Regierungsvertreter betroffen. Rein formal darf nicht einmal die russische Nationalmannschaft bei der WM-Endrunde an den Start gehen, doch es gibt ein Schlupfloch.

"Wenn ein entsprechender Mechanismus eingeführt wird, können sie beantragen, auf einer neutralen Basis anzutreten", sagte Jonathan Taylor. Was der Vorsitzende der zuständigen Prüfkommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) etwas kompliziert ausdrückt, ist im Grunde recht einfach: Unter neutraler Flagge, einem anderen Namen und ohne das Abspielen der Hymne dürfte die Mannschaft im Falle einer Qualifikation an der WM teilnehmen. Vielleicht als "unabhängige Fußballer aus Russland".

"Kontinentale Einzelsport-Ereignisse"

Dass das Team von Trainer Stanislaw Tschertschessow diese WM-Qualifikation offiziell als Russland bestreiten darf, "weil in der Qualifikation nicht der Weltmeister ermittelt wird" (Taylor), ist nur ein Teil des Irrsinns. Vielen Fans leuchtet zudem nicht ein, warum die paneuropäische EM im kommenden Sommer, bei der Russland seine Gruppenspiele zu Hause in St. Petersburg bestreitet, und das Champions-League-Finale 2021 in St. Petersburg von dem Bann nicht betroffen sind.

Die Wada erklärt dies damit, dass die EM und europäische Klubwettbewerbe "kontinentale Einzelsportereignisse" seien. Doch das größere Schlupfloch ist dieses: Die Uefa hat den Wada-Code anders als die Fifa nicht unterschrieben. Die Fifa wollte sich auf sid-Anfrage nicht näher äußern, ließ lediglich ausrichten, man habe "die Entscheidung der Wada zur Kenntnis genommen" und werde nun mit anderen Institutionen "die Folgen für den Fußball abklären".

In russischen Medien wird versucht, die Auswirkungen herunterzuspielen. Die Zeitung "Sowjezki Sport" veröffentlichte ein Interview mit Ex-Nationalspieler Sergej Kirjakow, der 1992 dabei war, als nach Auflösung der Sowjetunion eine Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) bei der EM spielte. Es habe sich "komisch angefühlt", nicht die normale Flagge zu sehen und statt der Hymne die 9. Sinfonie von Beethoven zu hören.

So ähnlich wird es 2022 wohl auch kommen, sollte sich Russland das Startrecht sichern. Die Wada werde die Mechanismen "kontrollieren und überprüfen", kündigte Taylor an. "Wir werden zusammenarbeiten müssen." Und wer weiß, vielleicht lässt sich ja auch noch für Putin ein Schlupfloch finden. (sid, 10.12.2019)